Es muss nur genug Zeit vergehen, dann nehmen auch dunkle Episoden der Geschichte einen gewissen Glanz an. Selbst Schreckensherrschaften, wie sie die Sowjetunion für viele Menschen eine war, werden in der Erinnerung verklärt. In Litauen, wo über Jahrzehnte hunderttausende Menschen verfolgt, inhaftiert und getötet wurden, stemmt sich jetzt eine Theatergruppe gegen das Vergessen: Vor allem jungen Menschen wollen die Schauspieler vermitteln, was es vor nicht allzu langer Zeit in ihrem Land bedeutet hat, in die Fänge des sowjetischen Geheimdienstes KGB zu geraten: Sie simulieren mit Besuchern drei Stunden in einem KGB-Gefängnis.

"Diese wenigen Stunden sollen die Quintessenz der sowjetischen Epoche herausarbeiten“, sagt Ruta Vanagaite, die das Rollenspiel inszeniert. Als Schauplatz dient ein alter Bunker in Naujasode, rund 25 Kilometer von der Hauptstadt Vilnius entfernt, der früher mit Ersatzsendern für Rundfunk und Fernsehen ausgestattet war. Vier Meter unter der Erde darf der Besucher einen letzten heißen Kaffee trinken. Er bekommt noch eine dicke Baumwollweste gegen die Kälte im Keller, und danach ist er nur noch Häftling. Mehr als "Ja, jawohl“ und "Nein, überhaupt nicht“ darf er fortan nicht mehr sagen.

Salut vor der Sowjetfahne

Als erstes müssen alle "Insassen“ vor der Sowjetfahne salutieren, dann folgen Sportübungen. Ein "Wärter“ mit Schäferhund an der Seite passt genau auf, ob bei den Kniebeugen auch wirklich alle mitmachen. Aus den Lautsprechern dröhnen Propagandareden über die Ruhmestaten der Kommunisten in aller Welt. Nach dem körperlichen Drangsal folgen Verhöre. Die ganze Gruppe muss sich mit erhobenen Händen und dem Gesicht zur Wand stellen. Dann wird ein "Häftling“ willkürlich herausgegriffen. Der KGB-Offizier braucht nicht lange, um den eingeschüchterten Besucher dazu zu bringen, einen Diebstahl am Arbeitsplatz zu gestehen. Wer aufbegehrt, kommt in den Kerker.

Nicht jeder Besucher hält die drei Stunden Psychoterror durch. Eine ältere Teilnehmerin wird vor die Tür gesetzt, weil sie sich weigert niederzuknien und dann auf einen der Schauspieler einschlägt. Empört ruft sie die Polizei. Gegen rechtliche Schritte sichert sich die Theatergruppe jedoch ab. Erwachsene Besucher müssen vorab unterzeichnen, dass sie sich ganz bewusst Schikanen aussetzen. Den Schülergruppen, die den Bunker reihenweise besuchen, wird nur eine abgemilderte Form des Gefängnisalltags zugemutet.

"Die jungen Leute sollen hierher kommen, um wenigstens ein bisschen von dem nachempfinden zu können, was unser Leben war“, sagt eine Lehrerin. Und tatsächlich rückt die Gruppe in den Labyrinth-Gängen des Bunkers zusammen; eine Art Herdeninstinkt bricht sich Bahn. "Das ist genau das, was wir den Jugendlichen zeigen wollen“, sagt Produzentin Vanagaite. "Dass sie damals auch einfach einer Massenbewegung gefolgt wären und sich nicht anders verhalten hätten als ihre Eltern.“

Zugleich spielt Vanagaites Gruppe aber auch gegen das Vergessen an. Rund 360.000 Litauer wurden in den 1940er und 1950er Jahren von den sowjetischen Besatzern ins Gefängnis gesteckt, in ein Arbeitslager deportiert oder getötet. Trotzdem trauere heutzutage jeder zweite der rund 3,4 Millionen Einwohner der Sowjetunion nach, sagt Vanagaite. "Und eine halbe Million junge Litauer haben diese Zeit nie kennen gelernt.“ Litauen ist seit 1991 unabhängig und mittlerweile Mitglied in der EU. Der Schreckensbesuch im Gefängnis endet übrigens versöhnlich – und typisch sowjetisch: mit Rindfleisch aus der Dose und einem ordentlichen Glas Wodka.

AFP/heg