Ecuador

Auf Galapagos haben die Tiere das Sagen

Galapagos, ein fragiles Ökosystem. Jährlich kommen 140.000 Besucher, noch vor zehn Jahren waren es erst 40.000. Paradoxerweise nimmt das Interesse bei Reisenden zu, seit die Unesco den Nationalpark Galapagos 2007 als bedrohtes Weltnaturerbe eingestufte. Manche Tierarten sind alles andere als scheu.

Die Überraschung wartet am Pier. Was soll man tun, wenn ein dicker Galapagos-Seelöwe den Weg zum Schiff versperrt? Das Tier liegt bäuchlings über dem schmalen Hafensteg und döst auf den von der Äquatorsonne gewärmten Holzbohlen. Dumm nur, dass dieser von einem Seelöwen besetzte Pier im Hafen von Puerto Ayora auf der Insel Santa Cruz der wichtigste Anleger für Kreuzfahrtyachten auf Galapagos ist.

Jeden Tag starten von hier aus Neuankömmlinge ihre Kreuzfahrt durch den ecuadorianischen Archipel im Pazifik, auf den Spuren der Evolutionstheorie des Forschers Charles Darwin, der vor 175 Jahren die Inseln bereiste. 1000 Kilometer fernab des südamerikanischen Festlands hatten sich in dieser geologischen Isolation im Lauf von Millionen von Jahren eigenständige Tierarten entwickeln können: sonderbare Meeresechsen und faltige Riesen-Schildkröten, Landleguane und Seelöwen, Darwinfinken und Blaufußtölpel, um die bekanntesten zu nennen. Die meisten von ihnen leben nur auf Galapagos, nirgendwo anders auf der Erde.

Auf Darwin-Expedition wollen wir auch. Doch zwischen uns, den Keimzellen der Evolutionstheorie und dem Katamaran „Queen of Galapagos“ liegt noch immer der störrische Seelöwe. 13 deutsche Studienreisende stehen mit ihren Koffern ratlos vor dem Tier. Dürfen wir diesen ersten leibhaftigen Galapagos-Seelöwen, der uns begegnet, pietätlos verscheuchen, obwohl wir doch eigentlich nur wegen ihm und seinen Artgenossen einmal halb um den Erdball gereist sind? Ihn achtlos beiseite schieben, weil wir jetzt lieber Koffer auspacken wollen und der Programmpunkt „Seelöwen“ ohnehin erst morgen auf dem Plan steht? Bedenklich. Vorsichtig an ihm vorbeitänzeln, ohne ihm auf die Flossen zu treten? Riskant. Wir kapitulieren und warten lieber, bis Harry kommt, der Guide der Nationalparkbehörde.

Allein darf niemand im streng geschützten Nationalpark die 70 markierten Besucherplätze auf den Inseln besuchen. Ein Guide auf 16 Besucher, das ist eine höhere Quote als in deutschen Kitas. Er passt auf, dass die Touristen keinen Unsinn machen, beispielsweise Seelöwen von Stegen schubsen. Das wäre auch gar nicht nötig gewesen: Harry klatscht zweimal in die Hände, der Seelöwe blinzelt und plumpst mit einem „Oink, Oink“ ins Wasser. Das legt die Vermutung nahe, dass sich dieser Seelöwe täglich Touristen in den Weg legt. Sie sind ihm einerlei. Der Holzsteg ist sein Revier.

Dass Tiere überall auf Galapagos herumkriechen, auch in den Ortschaften der fünf besiedelten Inseln, hatten wir nicht erwartet. Die erste Lektion lautet: Galapagos ist kein Zoo. Meeresechsen schwimmen durch das Hafenbecken, Seelöwen klettern auf Boote, schlafen auf Bänken und Hafenstegen. Darwin-Finken picken vor den Hafenrestaurants nach Brotkrumen.

Sie fremdeln nicht. Scheu vor Menschen ist den wilden Tieren noch immer fremd, weil sie auf dem isoliertem Archipel keinen Angstreflex entwickelt haben. Das hat sich seit Darwins Besuch 1835 kaum geändert. Er notierte in sein Tagebuch: „Einfältige Vögel, die nicht einmal vor den Menschen fliehen.“ Damals tranken durstige Spottdrosseln aus seinem Wasserbecher, heute sitzen sie auf Touristenrucksäcken und picken nach den Wasserflaschen.

Bei den Einheimischen – auf Galapagos leben etwa 25.000 Menschen – hält sich die Begeisterung für die zutraulichen Tiere in Grenzen. Gerade Seelöwen sind nicht sonderlich beliebt, weil sie die lästige Angewohnheit haben, ihre Ruheplätze als Toiletten zu benutzen. Viele Parkbänke sind deshalb versaut; Bootseigner haben die Relings mit einem Wall aus Nägeln geschützt. „Die Tierliebe nimmt rapide ab, wenn man jeden Morgen das Boot schrubben muss“, sagt Harry, der auf Galapagos aufgewachsen ist und seit 15 Jahren als Naturschutzguide arbeitet.

Die Inseln, von Vulkankratern pockig übersät und mit Lava und erstarrter Schlacke verkrustet, liegen so verstreut, dass sie nur auf einer Kreuzfahrt zu erkunden sind. Etwa 80 Touristenschiffe mit jeweils maximal 93 Personen an Bord dürfen im Archipel kreuzen; aber nur wenige zeitgleich eine Insel ansteuern, um die Tiere nicht zu stressen. Auf den Inseln gibt es mit Steinen markierte Pfade, die nicht verlassen werden dürfen.

Der Name Kreuzfahrt ist eigentlich irreführend und hat schon so manchen Urlauber unangenehm überrascht, der geglaubt hatte, viel Zeit im Liegestuhl an Deck verbringen zu können und aufs Meer zu schauen. Nein, eine Kreuzfahrt durch den Galapagos-Archipel bedeutet, sich nach dem Sonnenaufgängen und dem Rhythmus der Tiere zu richten. Um sechs Uhr morgens ist es am Äquator taghell, die Schiffsglocke läutet, Zeit für Safari. Dann startet der erste Landgang mit Schlauchbooten, fünf am Tag bis zum Sonnenuntergang um 18 Uhr. Die meisten sind „nasse“ Landungen, man watet also, Wanderschuhe und Kamera um die Schulter baumelnd, mit hochgekrempelten Hosen hüfttief durch das Wasser an den Strand. Für Eitelkeiten ist auf Galapagos kein Platz.

Jede Insel, jeder Besucherplatz ist ein Naturschauspiel, das die meisten von uns bisher nur aus BBC-Naturdokumentationen kannten. Lektion zwei: Die Tiere sind überall. An den Felsen hocken Dutzende schwarzpockige Meeresechsen. Sie nicken ständig mit dem Kopf und niesen Salzwasser in Fontänen, weshalb man ihnen tunlichst nicht zu nahe kommen sollte. Unten am Strand lümmeln jaulend 80 bis 90 halbwüchsige Seelöwen, rote Krabben flitzen im Slalom um sie herum. Ungewöhnlich anzuschauen ist auch das Balzverhalten eines Wasservogels: Männliche Blaufußtölpel tanzen und heben abwechselnd die Füße, um die Farbe optimal zu präsentieren: Je blauer, desto mehr Chancen haben sie bei den Weibchen. Harry nennt sie Fußfetischisten.

Besucher werden von den meisten Tieren ignoriert. Merkwürdige Wesen, die permanent „Ohhhh“ und „Ahhhh“ rufen. Kein Tier macht Platz oder rückt auch nur einen Zentimeter beiseite. Das bedeutet zwangsläufig, dass Besucher ständig auf den Boden schauen müssen, damit niemand aus Versehen auf einen Leguan latscht (das war knapp!) oder einer Eidechse auf den Schwanz (der wächst nach).

Unter einer Opuntie balgen sich ein paar Landleguane keckernd um heruntergefallene reife Kakteenfrüchte. Ein Besucher pflückt heimlich eine Frucht und lockt die possierlichen Tiere herbei. Das führt zu Lektion drei: Füttere keine Tier auf Galapagos. Es ist ohnehin streng verboten. Gierig umzingeln die Leguane den Spender, ockerfarbene Monster mit aufgerissenen Rachen, die an den Hosenbeinen hochkrabbeln wollen. Leguane sind sehr lernfähig. Beim nächsten Mal werden sie wieder betteln, statt selber nach Nahrung zu suchen.

Meister beim Betteln sind Spottdrosseln, die schon bei Darwin aus dem Wasserbecher tranken. Sobald Besucher an den Strand kommen, picken sie nach Wasserflaschen. Jeder Guide warnt ausdrücklich davor, den Schraubverschluss zu öffnen, weil sie genau wissen, was passieren wird. Eine Amerikanerin kann es trotzdem nicht lassen, als eine Spottdrossel hinter ihr herflattert. Kaum ist die Flasche offen, pfeift die Drossel nach ihren Komplizen, Dutzende Vögel schwärmen aus – und lassen die Besucherin fortan nicht mehr in Ruhe.

Auf den Inseln Plaza Sur und San Cristobal lernen wir Lektion Nummer vier: die Tiere sehen den Menschen durchaus als Konkurrenten. Einer der Mitreisenden hat entweder nie den Sicherheitsabstand eingehalten, zuviel Testosteron oder ist der Pechvogel der Reise. Vielleicht mochten ihn männliche Tiere auch einfach nicht leiden. Eine Riesen-Schildkröte beißt ihn in den Schuh, ein pubertierender Seelöwe schnappt nach seinem Finger, und am letzten Tag startet ein Seelöwen-Bulle einen Scheinangriff. Unser Mitreisendender brüllt zurück und klatscht mit den Tauchflossen immer wieder auf die Wasseroberfläche. Der Bulle ist beeindruckt von dem starken Konkurrenten und tritt brummelnd den Rückzug an.

Das führt zu Lektion Nummer fünf: Galapagos ist kein Disneyland. Hier herrschen die Gesetze der Natur. Auf der Insel Plaza Sur liegt der Friedhof der alten Seelöwenbullen, die den Kampf gegen jüngere Rivalen verloren haben. An einem anderen Strand winselt ein mutterloses Seelöwenbaby, ein Waise. Es wird verhungern. In der Schildkrötenbucht von Santa Cruz buddeln verwilderte Katzen im Sand die Eiergelege der Meeresschildkröten aus.

Galapagos ist ein fragiles Ökosystem. Jährlich kommen 140.000 Besucher, noch vor zehn Jahren waren es erst 40.000. Paradoxerweise nimmt das Interesse bei Reisenden zu, seit die Unesco den Nationalpark Galapagos 2007 als bedrohtes Weltnaturerbe eingestuft hat. Die Tiere ertragen die Menschenmassen mit Gleichmut. Sie haben sich an den Rummel gewöhnt. Und verteidigen ihr Revier. So wie die Seelöwen, die die Errungenschaften menschlicher Zivilisation wie Holzbänke und Stege kurzerhand für ihre Zwecke okkupieren.

Anreise : Mit Iberia oder KLM nach Quito, weiter nach Baltra mit Aeorogal .

Angebot : Eine achttägige Galapagos-Kreuzfahrt kostet mit Flügen ab Deutschland, Unterbringung in der Doppelkabine und Vollpension ab 3340 Euro pro Person ( www.gebeco.de ).

Auskunft : Ecuadorianische Zentrale für Tourismus, München, Telefon 089 /23 66 21 29, www.ecuador.travel , www.galapagos.org , www.darwinfoundation.org

Die Reise wurde unterstützt von Gebeco .