"Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel“, sagt Forest Gump, „man weiß nie, was man bekommt.“ Die Weisheit der ebenso einfältigen wie genialen Roman- und Kinofigur trifft auf viele Lebenslagen zu. Auch im Hotel. Da steht man mit dem Koffer vor der Tür, fingert nach der Zimmerkarte und weiß nicht, was einen erwartet. Hotelwebsites und Kommentare bei TripAdvisor sind eine Sache. Die Realität ist eine andere. Sie beginnt hinter der Tür. Ich bin im „ W Barcelona “, einem neuen Fünfsternehotel. Meinen Koffer durfte ich selbst zum Zimmer rollen, was mir recht ist. Ein zwanghafter Service hat für ein jüngeres Publikum ohnehin etwas Albernes.

Im neuesten Architekturhöhepunkt von Barcelona nimmt man ohnehin alles locker. Man könnte meinen, das Personal habe einen Schnellkurs in urbanem Lebensstil absolviert. Das lässige Luxushotel ist die derzeit spannendste Übernachtungsadresse der katalanischen Hauptstadt. Man kann es nicht übersehen. Das voll verglaste Hochhaus steht am Ende des Stadtstrands von La Barceloneta. Man braucht kein Genie zu sein, um zu erkennen, welches Gebäude den Altmeister Ricardo Bofill beim Entwurf beeinflusst hat. Die geschwungene Gebäudeform erinnert an ein Segel im Wind – wie das „Burj Al Arab“ in Dubai. Egal, Segel passen auch nach Barcelona.

Mein Zimmer liegt im 9. Stock. Ich öffne die Tür, und der Mund klappt mir auf. Es ist bereits Abend, Barcelona leuchtet mit Millionen von Laternen, Lampen, Autostrahlern. Über dem Meer hält sich noch ein blauschwarzes Restlicht, das Wasser spiegelt das Streulicht, vervielfacht das Gefühl, in einer Metropole am Meer zu sein. Der Blick wird förmlich zum riesigen Fenster gesaugt. Das Bett, an dessen Rückteil sich ein breiter Schreibtisch anschließt, ist mittig und konsequent am Super-TV des nächtlichen Barcelona ausgerichtet. Statt eines Sofas steht vor dem Panoramafenster eine bequeme Bank, daneben steht ein Set zum Cocktailmixen bereit.

Vom „W“ aus liegen einem zwar Barcelona und das Meer zu Füßen, bis zur Stadt ist es dennoch recht weit. Ideal wäre es, wenn für jeden Gast ein Fahrrad bereitstünde. Aber ich muss nicht in die Stadt. Nachtleben gibt es auch im Hotel, und zwar in der obersten Etage. Die heißt „Eclypse“ und ist eine Designbar. Der Blick ist fantastisch. Als Hotelgast hat man den Vorteil, nicht am Aufzug warten zu müssen. Das „Eclypse“ zieht nämlich das Nachtvolk in Scharen an.

Vom „W“ ins „ME“. Der Lifestyle bleibt der gleiche. Junges neureiches Volk, Menschen, die wie Models aussehen, einige Businesskundschaft, aber auch Leute wie ich – also weder reich noch schön noch geschäftstüchtig. Ich schlafe hier nicht, schaue mir nur das Hotel an. Die Marketingmanagerin lobt die lockere Atmosphäre, Luxus sei hier eben etwas anderes als in einem klassischen Grandhotel. Das kenne ich doch schon... Die Lobby ist eine Lounge für trendgemäßes Fußvolk. Und den Koffer dürfen die Gäste hier auch selber tragen. Das „ ME by Meliá “ steht an der Avenida Diagonal. Die breite Allee führt zum Forum-Gelände, mit dem Barcelona 2004 eine kleine Expo erfand und der Investmentarchitektur neues Terrain für ihre öden Planspiele gab. Das „ME“ ist eine Ausnahme. Markant erhebt es sich über den niedrigen Wohnhäusern und Handwerksbetrieben von Sant Martí. Der Franzose Dominique Perrault entwarf das 27-stöckige Hochhaus mit den zwei schlanken, gegeneinander verschobenen Baukörpern.

In die Reihe der Architektenhotels gehört auch der „ Hesperia Tower “ von Richard Rogers. Mutig ist nicht nur das Design. Das Fünf-Sterne-Business-Hotel wacht über den Vorort L’Hospitalet de Llobregat, wo einkommensschwache Zuwanderer zu Hause sind. Auf dem Dach des Hotels ist, so scheint es, ein Ufo gelandet. Bei näherer Betrachtung entpuppt es sich als ein Restaurant, in dem Sternekoch Santi Santamaria seine schwindelfreie Kundschaft verwöhnt.

Es wird Zeit, sich zum Ursprung der Designhotels in Barcelona vorzuarbeiten. Dafür schlendert man den eleganten Passeig de Gràcia hinauf und hält nach einem Haus Ausschau, dessen Fassade an aufgeklappte Bücher erinnert. Jordi Maestro ist der Direktor des „ Omm “, das – 2003 eröffnet – schon jetzt ein Klassiker ist. „Das Design ist das Fundament des Hotels“, sagt er. Maestro sieht das „Omm“ als Wegbereiter der Lifestyle-Hotellerie in Barcelona. Ein Fünfsternehaus, das sich zur Stadt öffnet, mit einer Lounge, die gerne auch von Gästen besucht wird, die nicht im Hotel wohnen. Das kennt man schon. Allerdings war das „Omm“ das erste Haus, das diese Philosophie erfolgreich umgesetzt hat. Die Hotellobby und der multifunktionelle Café- und Barbereich sind sehr angenehm. Das gilt auch für mein Zimmer; es hat einen schönen Holzboden und überhaupt sehr angenehme Materialien. In einer ausgepolsterten verglasten Ausbuchtung liege ich ziemlich lange, schaue auf den Passeig de Gràcia und meditiere über das Hoteldesign von Isabel López und Sandra Tarruella, das man mit Fug und Recht als raffiniert bezeichnen darf, weil es funktional ist und nicht der Effekthascherei dient.

Wer im Designhotel wohnt und ein Design-Souvenir sucht, wird im Passeig de Gràcia 96 fündig, genauer gesagt: im Designkaufhaus Vinçon. Es ist seit vielen Jahren eine Institution in Barcelona, randvoll mit überraschend und gut gestalteten Möbeln, Accessoires, Küchengeräten, Büroutensilien, Gläsern und Lampen. Auch Designaufträge übernimmt das Vinçon-Team. Das hat zum Beispiel das 25-Zimmer-Hotel „ Casa Camper “ im Stadtteil Raval gestaltet, unweit vom MACBA, dem Museum für zeitgenössische Kunst. Die Designer hatten, so scheint es, viel Spaß bei der Arbeit. Das Camper-Hotel (es gehört zur Schuhmarke Camper) wirkt spielerisch, leicht und kreativ improvisiert. Aus einer öden Backsteinmauer wurde eine Art vertikaler Garten. Auch die Raumaufteilung ist ungewöhnlich. Der „Casa Camper“-Gast bewohnt jeweils zwei Zimmer, einen kleinen Wohnraum mit Hängematte zur Altstadtgasse hin und einen Schlafraum mit Bad zum ruhigen Innenhof. Ein gutes Beispiel für Design-Raffinesse, die sich sehen lassen kann.

Es wird Abend, Zeit für ein neues Zimmer. Ich rolle mein Köfferchen ins „ Grand Hotel Central “ und bringe es, wie gehabt, selbst auf mein Zimmer. Das Design stammt, wie beim Pionierdesignhotel „Omm“, ebenfalls vom Büro Tarruella. Die Marketingmanagerin lobt ihr Haus als eine Oase der Ruhe. Das große Stadthaus aus den 20er-Jahren wurde in der Tat aufwendig restauriert. Klares, nicht übertriebenes Design, das Bad ist ein halbtransparenter Glaskörper im Raum. Wirklich spektakulär ist die Dachterrasse des Hotels mit Infinity Pool, also einem Becken, das von Glasscheiben begrenzt wird, die einen daran erinnern, dass die Erde mal eine Scheibe gewesen sein muss und am Rand einfach aufhörte. Einen tollen Blick über das Altstadtviertel El Born hat man von hier. Und man sieht sofort: Barcelona ist eine schöne Pralinenschachtel.

Die Reise wurde vom Spanischen Fremdenverkehrsamt unterstützt.