Auf einer der höchsten Spitzkehren, fast 2100 Meter hoch am Grimselpass in den Schweizer Alpen, schindet sich gerade ein geübter Radler im kleinsten Gang seiner Rennmaschine Meter für Meter im Schneckentempo bergauf, als eine ältere Radfahrerin ihn lächelnd im fünften Gang überholt, nein, geradezu an ihm bergauf vorbeifliegt – auf einem Damenrad. Seinen Blick hätten Sie sehen sollen!
Dabei ist die schnelle Radlerin überhaupt kein trainierter Profi. Im Gegenteil. Die 50-jährige Urlauberin aus Zürich hat sogar völlig unvorbereitet eine Radtour in den Schweizer Hochalpen gebucht. Serpentinen, 30 Prozent Steigung? Kein Problem. Hier wird doch nicht geschoben! Auch Doping spielt bei dieser Szene keine Rolle.
Das Damenrad, mit dem Brigitte Binder unterwegs ist, ist ein Fahrrad mit einem eingebauten kleinen Elektromotor, ein sogenanntes Pedelec, auch „Flyer“ genannt.
Ehrenwerte Radler würden jetzt lästern: Das ist ja ein Mogelfahrrad. Bei diesem Rad hilft der Motor, die eigene Kraft zu verstärken. Man muss also zwar selber kräftig in die Pedale treten, bekommt dafür aber Kraftverstärkung dank des Akkus und radelt so viel bequemer und schneller auch steilste Pässe hinauf.
Damit können auch Hobby- oder Gelegenheitsradler die grandiose Bergwelt mit dem Rad entdecken. Wen bisher große Steigungen abschreckten, für den sind die bequemen Räder mit Hilfsmotor genau das Richtige.
Wir testen die Turbo-Räder auf einer Radtour rund um die Schweizer Berge Eiger, Mönch und Jungfrau. Der beliebteste Ausruf unter den Teilnehmern dieser Tour: „Das ist ja fantastisch!“ Damit die Tour noch bequemer ist, wird das Gepäck zum Zielort der Tagesetappe transportiert.
Trotz Elektromotor muss kräftig in die Pedale getreten werden. Wer also seit Jahren überhaupt keinen Sport gemacht hat, ist auf dieser Tour wohl überfordert. Ein Mindestmaß an Fitness ist erforderlich. Dass man aber kein Spitzensportler für diese Radtour sein muss, zeigen die beiden ältesten Mitreisenden: Die Schweizer Peter Ringeisen und Peter Tarolli – sie sind beide 67, eher Gelegenheitsradler, die trotzdem jede Steigung und jeden Pass gemeistert haben.
Die Strecke dieser organisierten Rad-Rundtour führt von Meiringen im Berner Oberland über die Große Scheidegg nach Grindelwald und Interlaken. Am Thuner See entlang geht es nach Kandersteg, durch den Lötschbergtunnel hinüber ins Wallis. In der Sonnenstube der Schweiz stehen als Etappenziele die Riederalp und Münster. Über den Grimselpass fährt die Radlergruppe ins Berner Oberland nach Handeck und von dort zurück an den Ausgangspunkt.
In einer Woche sind – neben den immer wieder imposanten Bergansichten – etliche Sehenswürdigkeiten in der spektakulären Passroute eingebettet. In der Aare-Schlucht, auch als „Grand Canyon“ des Berner Oberlandes bekannt, bahnt sich tosend die junge Aare ihren Weg durch steile Felswände. Auf halber Strecke zur Passhöhe der Großen Scheidegg (1962 Meter) lohnt ein Besuch der Rosenlaui-Schlucht. Auf dem Pass selber leuchten Mönch und die legendäre Eigernordwand im Abendrot.
Die Radler sind sich einig: Diese organisierte Rundtour durch die Hochalpen ist ein Erlebnis. Einige der im Anstieg von den Hobbyradlern überholten Vollblut-Radsportler rümpfen die Nase, als sie bemerken, dass ein Motor die flotte Bergfahrt erleichtert. Auf den Hinweis, nur so schnell zu sein, weil die Kraft durch das Rad verstärkt wird, schlägt sich einer der Supersportler auf die Brust und ruft: „Mit der Kraft des Herzens allein geht es auch!“ Doch: Mit dem Komfort, den das Rad durch die Motorkraft bietet, können nun auch weniger trainierte Radfahrer lange und steile Alpenpässe meistern – und sich den Spaß erlauben, einmal an durchtrainierten Radlern mit einem Grinsen vorbeizufliegen.
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