USA

Große Freiheit – Wohnmobiltour durch Kalifornien

Wüsten und Täler, Wälder und Nationalparks: 2000 Meilen in 2,5 Wochen – kann das gut gehen? Ein Roadmovie in sechs Akten.

Wir öffnen die Haustür, huschen zwei Stufen hinab. Dann betreten wir den Planeten der Affen. Der Mond malt die Wüste in geisterhaften Farben. Der Sand knirscht laut unter unseren Sohlen, als wir durch die geisterhafte Stille waten, die zwischen unserem Domizil und einer Reihe schroffer Felszinnen liegt. Mitten in der Einsamkeit ragt das Dach einer Hütte in den Himmel. Wir fühlen uns in einen Film von David Lynch versetzt, und doch sind die Felsen für heute Nacht unser Zuhause: die Trona Pinnacles. Die bis zu 40 Meter hohen Tuffsteintürme mitten in der kalifornischen Wüste dienten nicht nur Tim Burton für seinen Film "Planet der Affen" als Kulisse, sondern auch für "Star Trek" und "Kampfstern Galactica". Ein wahrhaft außerirdischer Stellplatz für ein Wohnmobil.

1. Tag, San Francisco, Meile 0

Als wir unser Heim auf Rädern vor zwölf Tagen bezogen, stand es noch in einem Vorort von San Francisco. Unser Plan: zweieinhalb Wochen große Freiheit, unser eigenes Roadmovie im Wohnmobil. Die Besetzung: Mutter, Vater und die zweijährige Frida. Die Route: die Küste hinunter, die Berge hinauf und wieder runter ins Death Valley.

Logbuch : "Umzug" in einen Ford-Lkw mit aufgepflanztem Wohnkasten namens "MH25S". Frida tauft ihn "Autobus". Er ist knapp acht Meter lang, mehr als vier Meter hoch - Raumschiffdimensionen. Es gibt zwei große Betten, Dusche, Klo und Küche, sogar einen Gasherd.

Dann das Einführungsvideo: 16 Minuten voller technischer Details, von denen wir noch nie gehört haben: Generator, Gastank, Abwasserentsorgung - wir fühlen uns wie Leichtmatrosen, die man ans Steuer eines Ozeandampfers lässt. Auf ins Amerika der Texmex-Imbisse und gigantischen Supermärkte. Wir füllen unsere Mägen mit Burritos, der mexikanischen Döner-Variante, und unsere Küche mit Lebensmitteln für 160 Dollar. Highlight: ein Cabernet Sauvignon vom Weingut Francis Ford Coppolas ("Der Pate").

"California, here we come" - allerdings erst nach 17 Uhr. Unser Zeitplan ist so durcheinander, dass wir auf eine Fahrt auf der kurvigen Küstenstraße Highway No. 1 verzichten müssen. Als wir im Dunkeln den reservierten Campingplatz erreichen, haben wir keine Kraft mehr anzustoßen. Coppola muss warten.

3. Tag, Yosemite-Nationalpark, Meile 318

Die Erlen rascheln im Wind, ein Wildbach rauscht neben der Straße. Lagerfeuer erhellen die Dämmerung, es riecht nach Nadelholz und gegrilltem Fleisch, als wir Summerdale erreichen. Unser Camp liegt auf 1500 Meter Höhe in der Sierra Nevada, am Südtor zum Yosemite-Nationalpark. Endlich duftet es nach Abenteuer! Der lange Ritt durchs San Joaquin Valley hat sich gelohnt, Meilen fressen auf schnurgeraden Freeways, links und rechts nur Weinfelder und Obstplantagen, hinten drin ein nölendes Kind.

Logbuch : Der Ausfahrmechanismus für die Sitzecke schreddert unseren Besen. Frida: "Kaputt, weg!" Wir haben weder Grillgut noch Taschenlampe gekauft, dafür aber Parmesankäse und Nudeln. Spaghetti am Lagerfeuer - dafür wird der Coppola nicht geöffnet.

Wir gehen wandern. Schon die üblichen Zuckerfichten überragen jeden deutschen Baum, aber als wir die Mammutbäume im Mariposa-Hain erreichen, verschlägt es uns die Sprache. Die Spalte im Stamm des 64 Meter hohen "Grizzly Giant" könnte das Tor einer Basilika sein, seine Äste sind gewaltiger als die Stämme der benachbarten Bäume. Die nächsten Tage gehören dem dramatischen Yosemite-Tal: eine Arie der Schöpfung aus schroffem Granit und brüllenden Kaskaden. Nur wenige Pfade bieten uns Schutz vor den Touristenscharen, dafür überrascht fast jede Wegbiegung mit einem neuen, atemberaubenden Panorama.

8. Tag, Kings Canyon, Meile 479

Logbuch : Ab jetzt haben wir keine Wohnmobilstellplatzreservierung mehr. Der Wald ist düster, und wir finden lange keinen Parkplatz für die Nacht. Erst als wir am nächsten Morgen die idyllische Bergwiese hinter den Bäumen entdecken, legt sich im Kopf langsam ein Schalter um. Das ist sie doch, die gesuchte Freiheit! Einfach irgendwo anhalten, die Kaffeemaschine anschmeißen und die Landschaft genießen.

So langsam wie heute sind wir noch nie gefahren. Man will als Fahrer schließlich auch etwas haben von dem Ausblick. Links der Serpentinen klafft der Kings Canyon, eine der tiefsten Schluchten Amerikas. Von den Berggipfeln bis ins Tal des reißenden Flusses sind es 2400 Meter, und irgendwo dazwischen windet sich winzig unser Wohnmobil hinab. Ungezählte Stops, und dann erspähen wir sie: Majestätisch gleiten die schwarz-weißen Schwingen des kalifornischen Kondors durch die Schlucht.

12. Tag, Death Valley, Meile 1121

Logbuch : Wir lernen, länger zu rasten. Ein voller Ruhetag am Ufer des Kings River. Weil hier wilde Schwarzbären herumstreifen, müssen wir alle Vorräte ausladen und in sicheren Stahlcontainern verstauen. Wir schlafen, spazieren, sonnen uns und grillen ein gigantisches Steak. Endlich wird der Coppola geköpft.

Vier Stunden weiter südlich hatten wir eine Passage über die Sierra gefunden. Auf der Ostseite des Gebirges hielten wir zwischen knorrigen Joshuabäumen, jahrhundertealten Agaven. Die Nacht an den Trona Pinnacles hatte uns bereits auf außerirdische Landschaften eingestellt, und nun waren wir endlich da, in einem noch spektakuläreren Landstrich: im Death Valley, dem Tal des Todes.

"Wir erleben gerade eine Kältewelle", sagt die Rangerin mit einem Grinsen, als wir schweißgebadet die Oase von Furnace Creek erreichen, 65 Meter unter dem Meeresspiegel. Heute ist es "nur" 36 Grad warm, im Sommer können es auch mal über 50 Grad werden, Celsius wohlgemerkt, nicht Fahrenheit. Das historische Ranch-Resort ist unsere Rettung. Dort gibt es nicht nur einen Stellplatz, sondern auch einen Pool. Ohne diesen Schutz gegen die Mittagshitze wären wir wohl gleich weitergefahren, so aber durchstreifen wir in den kühlen Stunden Dünen, Canyons und vielfarbige Mondlandschaften, geschliffen vom Wind in Jahrmillionen.

Zum Sonnenuntergang kommt warmer Wüstenwind auf, er wird stärker und peitscht bald über den Zabriskie Point. Vor den zerknitterten, zerfließenden Formationen hat die Band U2 das Coverfoto für "The Joshua Tree" geschossen, und der Philosoph Michel Foucault erlebte hier den LSD-Trip seines Lebens. Uns genügt ein kalifornisches Bierchen, den Rest erledigt die Landschaft.

15. Tag, Geisterstadt Bodie, Meile 1509

Logbuch : Noch durstiger als wir ist nur unser Wohnmobil. Auf 100 Kilometer schluckt es mehr als 25 Liter Benzin.

Der Weg zurück führt uns durch die östliche Sierra, ein Western-Wunderland. Zwischen dem gigantischen Geröll der Alabama Hills lieferten sich einst John Wayne und Gregory Peck wilde Schießereien. Gut 100 Meilen nördlich stehen die Holzhäuser der gesetzlosen Goldgräberstadt Bodie noch immer genau so einsam am Berghang, wie die Einwohner sie vor rund einem Jahrhundert verlassen haben. Aufmerksame Ranger sorgen dafür, dass die Wände hier für immer schief stehen und die Whiskeygläser auf der Theke des Saloons friedlich verstauben. Uns fröstelt. Ob es an den Geistern der erschossenen Goldgräber liegt oder an der dünnen Gebirgsluft? Ein heißer Kaffee im Wohnmobil am Mono Lake holt uns zurück in die Gegenwart.

18. Tag, San Francisco, Meile 2012

Ein letzter Stopp am Lake Tahoe. Der 500 Meter tiefe, glasklare "See des Himmels" liegt an der Grenze zu Nevada. Die blinkenden Casinos lassen wir links liegen und suchen den Strand von Emerald Bay. Das smaragdfarbene Wasser, eine nachempfundene Wikingerfeste im dunklen Tann, ein weißer Strand im gleißenden Gebirgslicht und ein schippernder Mississippidampfer verbinden sich zu einem hyperrealen Bild: eigentlich zu perfekt, um wahr zu sein.

Logbuch : Die letzte Nacht schlafen wir bei Freunden - in einem Haus! Als wir am nächsten Morgen einen Pulli aus dem kalten "Autobus" holen, überkommt uns ein unerwartetes, fast zärtliches Gefühl: Wie konnten wir unser fahrbares Zuhause nur so im Stich lassen?

Der Abschied wird nun unausweichlich. 3238 Kilometer zeigt der Tacho, im Durchschnitt fast 200 Kilometer pro Tag. Vielleicht wäre weniger mehr gewesen. Aber dann hätten wir den Planeten der Affen verpasst, die Sandstürme im Death Valley und die Geister der Gold suchenden Cowboys. Als wir den Schlüssel abgeben, hebt Frida die Hände und ruft: "Autobus weg - schade!"

Die Reise wurde unterstützt von California Travel and Tourism und ADAC Reisen.