Mit fünfzehn zum ersten Mal in Paris: Von der deutschen Kleinstadt in die Metropole der Liebe und der Literatur. Doch für beides war es damals noch zu früh. Stattdessen zog mich der Untergrund in seinen Bann, die Metro. Tagelang sauste ich von Haltestelle zu Haltestelle durch das Röhrenlabyrinth, wechselte die Linien und Züge. Zwängte mich morgens mit den Pendlern in überfüllte Waggons, stieg mittags als einziger Passagier an einer Endstation aus, nur um den nächsten Zug zurück zu nehmen. Hinein ins Gedränge an den großen Umsteigebahnhöfen. Ich war fasziniert vom schieren Phänomen der Erreichbarkeit, ohne irgendwo anzukommen oder ankommen zu wollen.
Schon die Namen der Stationen waren betörend: Madeleine, Porte Dauphine, Etoile, Saint Michel, Pigalle, Place d’Italie. Und deshalb musste ich dorthin. Eine wilde Jagd kreuz und quer durch Paris. Am Ende bin ich wohl überall mindestens ein Mal gewesen, im Untergrund. Ein Ziel freilich lag oberirdisch: la Tour Eiffel, der Eiffelturm. Er ruhte als riesiger Magnet auf dem Champ de Mars und zog mich regelmäßig an. Es war mir egal, dass sich Hunderte, Tausende von Touristen zusammen mit mir hier drängten. Ich nahm sie gar nicht wahr. Ich wollte nur staunen. Über ein Bauwerk wie sonst keines. Das war Paris beim ersten Mal.
Heute ist Paris eine andere Stadt. Aber soll man überhaupt zurückkehren, sich sein Bild von einst verderben? Hatte nicht schon der Schriftsteller Victor Hugo gejammert über ein Paris, das die historische Bedeutung seiner Architektur jeden Tag mehr verwischt? Hatte man nicht in den Feuilletons die einschlägigen Kritiken gelesen über den Abriss ganzer Stadtviertel zugunsten von seelenlosen Prestigeobjekten: La Défense, Centre Pompidou, Bibliothèque Nationale?
Hinfahren und selber sehen, lautete der Beschluss. Und den braucht man nicht zu bereuen. Denn weil Paris eine mutige Metropole ist, bleibt sie am Leben, wird jünger, nicht älter. Erneuerung geschieht hier, der Franzose möge verzeihen, nicht auf zaghaft europäische, sondern auf amerikanische Art: im großen Stil, mit dem Willen zum Gigantischen. Das war im 19. Jahrhundert schon so mit den Boulevards des Barons Haussmann und dürfte mit Renzo Pianos und Richard Rogers Centre Pompidou oder der Louvre-Pyramide von I. M. Pei nicht enden. Gut so. Die Zeit wird auch den radikalsten Umbruch ins Stadtbild einfügen.
Der eiserne Turm gehört dazu
Und der Eiffelturm? Ein profanes Bauwerk, inzwischen zu oft gesehen in Filmen, auf Postkarten, als Schlüsselanhänger? Sich doch noch mal einreihen unter all die Touristen, die schnatternden Amerikaner und Japaner? – Ja. Denn der eiserne Turm gehört dazu. Ein Parisbesuch ohne ihn ist keiner. Kompliment, er hat sich wacker gehalten unter all den architektonischen und gen Himmel strebenden Neuerungen.
Aber jetzt fort vom Bekannten, vom touristisch Erschlossenen. Hinein in ein Paris, das sich nicht zur Schau stellt, sondern das auf sich selbst bezogen ist. Ins Marais, ehemals ein Sumpfgebiet am Stadtrand, jetzt eine vornehme Wohngegend. Aber nicht nur das: In der Rue des Rosiers konzentriert sich das jüdische Leben. Orthodox gekleidete Männer mit schwarzen Hüten, Schläfenlocken und langen Bärten sind dort zu Fuß unterwegs zu ihren Geschäften und Werkstätten. Aschkenasim aus Osteuropa, Sephardim aus Nordafrika: Die Schaufenster der Läden quellen über von kulinarischen Köstlichkeiten aus ihrer Heimat.
Eine paar Schritte weiter die Place des Vosges, vielleicht der schönste Platz der Stadt. Rentner ruhen sich auf den Bänken aus. Die Jüngeren liegen auf den Rasenflächen. Kinder spielen im Sandkasten, Studenten schreiben auf den Knien ihre Hausarbeiten, Frauen blättern in Magazinen. Unter den Laubengängen musiziert ein Streichquartett Brahms, gegenüber singt eine Musikstudentin Arien, nebenan präsentiert eine Geigerin Zigeunermusik. Alles an einem normalen Sonntagnachmittag. Ach, Paris!
Auf der Place des Vosges verliert man sich leicht in Träumereien. Da kommen Erinnerungen auf an einen früheren Besuch in der Stadt, zusammen mit der studentischen Freundin. Wir hatten damals Balzacs „Comédie Humaine“ und die Bücher Émile Zolas verschlungen und machten uns auf Spurensuche: Was war geblieben vom Paris der Romane? Vom Milieu des Karrieristen Eugène de Rastignac und der Kokotte Nana? Wir saßen am Ufer der Seine und träumten uns ins 19. Jahrhundert zurück. Das funktionierte damals. Noch schöner: auf einen der Türme von Notre-Dame zu steigen, Victor Hugos Roman „Der Glöckner von Notre-Dame“ in der Hand, und von dort oben dessen Vogelschau auf das mittelalterliche Paris mit der aktuellen Silhouette der Stadt zu vergleichen.
Literaturvernarrt, wie wir waren, lungerten wir tagelang in den Cafés und Kneipen von Saint-Germain-des-Prés herum. Hemingways Hommage „Paris – ein Fest fürs Leben“ vor uns auf dem Tisch, Gedanken an die glorreichen 20er-Jahre im Kopf. Wenig war übrig von der Atmosphäre jener Epoche, die Protagonisten waren längst tot. Doch das konnte die Erregung beim Eintritt in eines der Boheme-Lokale nicht abmildern. Allein die Preise für einen Kaffee oder ein Bier hätten uns klarmachen müssen: Hier vermarktet Paris, damals wie heute, seine berühmten Künstler auf ziemlich unverschämte Weise. Doch was kümmert das zwei lesende Studenten.
Zurück ins wirkliche Leben: in den Stadtteil Belleville, den ethnischen Schnittpunkt des ehemaligen französischen Kolonialreiches. An der Kreuzung von Rue de Belleville und Boulevard de Belleville präsentiert sich innerhalb von einer Stunde nicht weniger als die halbe Welt. Einwanderer aus 100 Ländern leben im Viertel. Nur Eingeweihte wissen, in welchen Straßen vorwiegend Westafrikaner oder Araber, Chinesen oder Vietnamesen wohnen. Um die Ecke, in der nächsten Gasse, im nächsten Jahr kann es schon wieder ganz anders sein. Alles in allem keine heile Welt, aber ganz sicher keine urbane Einöde wie in den krisengeschüttelten Banlieus. Auch die gehören zu Paris, doch der Besucher, zum Glück, kann sie ausblenden, wenn er will.
Die Stadt der Mode
Paris regeneriert sich im ständigen Wandel, und so wird auch Belleville nicht bleiben, was es ist. Wie ein Keil aus den vornehmen Vierteln dringt die Rue Oberkampf bereits in den multikulturellen Stadtteil ein, gesäumt von ethnischen Restaurants, in denen sich die Schickeria ein Stelldichein gibt. Hier gilt wie überall in der Stadt: Was in Paris heute exotisch erscheint, liegt morgen im Trend. Und was hier im Trend liegt, setzt gleich Maßstäbe für die ganze Welt: in der Mode durch legendäre Couturiers wie Yves Saint Laurent, Balmain, Dior und Cardin. Für Gourmets, die nirgendwo sonst eine solche Auswahl an besternten Restaurants der Haute Cuisine finden oder sich auf mehr als sechzig Wochenmärkten mit den besten Käsesorten Frankreichs eindecken können. Für Kunstliebhaber sowieso, denn der Louvre bleibt das Kunstmuseum Nummer eins auf der Welt, und in seinem Gefolge gibt es noch ein halbes Dutzend hochkarätiger Gemälde- und Skulpturensammlungen.
Da muss man akzeptieren, dass die Bewohner von Paris eine andere Spezies sind: selbstbewusst, stolz, bisweilen arrogant. All die historische und kulturelle Größe färbt unweigerlich auf jeden Einzelnen ab. Die Pariserin zelebriert deshalb mit vollem Recht auf den Boulevards ihre elegante Eitelkeit, und der Pariser darf sich beim angeregten Wortwechsel im Bistro jedem Gesprächspartner von vornherein überlegen fühlen. Wir Touristen mögen uns manchmal von oben herab behandelt wähnen, doch das ist läppisch im Vergleich zur Verachtung des Parisers gegenüber der französischen Provinz.
Es hilft nichts, man muss immer wiederkommen, wieder sehen, Neues sehen. Ich habe einen Plan fürs nächste Mal: Dann stehen Orte auf dem Programm, an denen sich Paris nicht brutal umgemodelt, sondern behutsam erneuert hat: das Musée d’Orsay, der ehemalige Bahnhof, in dem Edouard Manets skandalträchtige „Olympia“ inmitten der weltweit großartigsten Sammlung impressionistischer Malerei hängt. Oder das Hôtel Salé, ein alter Adelspalast, wo das Musée Picasso residiert.
Dann die glasbedeckten Passagen, die den Flaneuren des 19. Jahrhunderts als Laufstege dienten und die später verfielen; einige von %ihnen hat man mittlerweile saniert. Schließlich die Promenade Plantée am Gare de Lyon, ein 150 Jahre alter Eisenbahnviadukt, der jetzt das Schmuckstück eines fünf Kilometer langen, linearen Parks ist. Und da war doch noch etwas – ach so, der Eiffelturm.
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