Er verengt seine Augen zu Schlitzen. Der Massai Yacon sitzt auf der Tür des offenen Jeeps, schützt sich mit einem rot karierten Tuch vor Staub und Fahrtwind und sucht die Savanne ab. In dem Areal, rund drei Stunden nordöstlich des Kilimandscharo Airports, wo sich ganze Wälder dorniger Akazien mit trockenem Buschland abwechseln, gilt Yacon als bester Elefantenspäher. Und weil er außerdem nie Ermüdungserscheinungen zeigt, nennt ihn das Team des Shu'mata Camps "Mr Duracell".
Schon morgens um sechs, als der Koch Jonny eine Kanne dampfenden Kaffee auf die Veranda vor das Gästezelt bringt, steht Mr Duracell kerzengerade auf der Hügelkuppe über dem Hotel, stützt sich auf einen langen Holzstab und schaut hinunter auf die endlose, von der Morgenröte gefärbte Ebene, als hätte er die ganze afrikanische Nacht lang nichts anderes getan.
Wir hingegen holpern im Geländewagen halb wach über Waschbrettpisten und borstiges Savannengras. Während vor uns ein Straußenpaar Geschwindigkeitsrekorde aufstellt, ragt hinter uns der schneebedeckte Gipfel des Kilimandscharo aus den Wolken. Am Steuer sitzt Jörg Gabriel, einer der bekanntesten Safariguides Tansanias. Gemeinsam mit seiner namibischstämmigen Frau Marlies hat der Deutsche das luxuriöse Shu'mata Camp eröffnet - so wie vor fünf Jahren bereits die Hatari Lodge, die in den 70er-Jahren dem Schauspieler Hardy Krüger gehörte. Heute nimmt Gabriel Kurs auf Sinya, ein von der Zivilisation unberührtes Gebiet mit den Ausmaßen Niedersachsens - Savanne bis zum Horizont.Uralte Elefantenkorridore durchziehen diese Wildnis, Trampelpfade, die viele der Tiere seit Generationen nutzen. Besonders die alten Bullen von Sinya mit ihren enormen Stoßzähnen ziehen sich gern hierher zurück. Sinya liegt weit abseits von Minibus-Kolonnen mit Zebrastreifenbemalung, aus denen Touristen herausschauen wie neugierige Wiesel aus ihrem Bau. Sinya scheint menschenleer. Nur eine Massai-Frau steht reglos wie eine Statue im Schatten einer Akazie.
Jörg Gabriel macht eine scharfe Rechtskurve. Hinter einer Baumgruppe hat er den rostroten Jeep von zwei Wildhütern entdeckt, die er per Funk kontaktiert hatte. "Shu'mata Elephant Patrol" steht auf der Kühlerhaube. Den alten Mercedes hat Gabriel mit dornensicheren Reifen präpariert und ihn den Wildhütern überlassen. "Die Patrouille ist ein erster Schritt, um etwas gegen das Abschlachten der Elefanten zu tun", sagt er, schiebt seinen Cowboyhut aus der Stirn und begrüßt die beiden komplett in Khaki gekleideten Männer in fließendem Kiswahili.
Etwa 38.000 Tiere fallen dem Elfenbeinhandel jährlich zum Opfer - das sind acht Prozent der gesamten afrikanischen Elefantenpopulation. Dabei gehen die "Poachers", wie Gabriel sie nennt, brutal vor: Um nicht gehört zu werden, morden sie mit Giftpfeilen statt mit Gewehren.
Die Aufgabe der Schutzpatrouille ist es, getötete oder verwundete Tiere sowie Drahtschlingenfallen aufzuspüren und die Fundorte den Wildschutzorganisationen wie der African Wildlife Foundation (AWF) und den Nationalpark-Behörden zu melden. "So werden Statistiken erstellt, die anzeigen, in welchen Regionen stark gewildert wird und wo mehr Schutztrupps gebraucht werden", sagt Gabriel.
Seit ein paar Monaten hat die Patrouille ein technisches Hilfsmittel zum Aufspüren der Tiere: "Wir haben vier weiblichen Alphatieren GPS-Halsbänder angelegt", sagt Gabriel. "Damit verraten die Elefanten uns ihre Migrationsrouten."
Möglich werden solche Investitionen auch durch die Nationalparkgebühren, die jeder Reisende zahlt. Von den Einnahmen werden neue Funkgeräte oder Jeeps angeschafft. "Tansania ist abhängig vom Safaritourismus - also muss auch das Ökosystem intakt sein", sagt Gabriel, während er ein paar Ferngläser verteilt. Jeder, der auf Elefantenpirsch geht, beteiligt sich damit indirekt am Schutz der Tiere, weil er auf deren Bedrohung aufmerksam mache. Ein gutes Gefühl.
"Das Hauptproblem ist, dass der Elfenbeinpreis steigt", sagt Gabriel. "Die Jäger bekommen pro Stoßzahn zwar nur 50 US-Dollar, die Bosse der internationalen Elfenbeinkartelle verdienen jedoch ein Vielfaches." Laut einem Bericht des Magazins "Scientific American" im Juli 2009 stieg der Schwarzmarktpreis von 200 Dollar pro Kilo im Jahr 2004 auf 850 Dollar pro Kilo im Jahr 2007. 2009 verdoppelte sich der Preis nochmals. Der stärkste Markt ist in China und Japan, wo Elfenbein, etwa in Form von Signaturstempeln und Billardkugeln, als Statussymbol der Mittelschicht gilt. In Vietnam konfiszierten Zollfahnder im März 2009 einen Container mit 6,2 Tonnen Elfenbein aus Tansania - die zweitgrößten Elfenbeinbeschlagnahme seit dem weltweiten Handelsverbot durch das Washingtoner Artenschutzabkommen CITES 1989 (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora).
Zu dem Elefantentrupp, den die Wildhüter seit dem Morgengrauen in der Nähe unseres Treffpunkts beobachten, gehört ein Bulle mit gewaltigen Stoßzähnen, erzählt uns einer der Ranger. "Wenn Mr Duracell seine Hand langsam in Richtung Boden senkt, heißt es: ducken!", sagt Gabriel. "Und bloß keine hektischen Bewegungen machen - das könnten Elefanten als Angriffsversuch missverstehen."
Besonders mit Bullen, brunftigen Einzelgängern und Junggesellen, ist nicht zu spaßen: Die Suche nach einem Weibchen macht sie nervös. Erst im Januar tauchte ein Elefant im Mount Kenia Nationalpark wie aus dem Nichts auf und trampelte zwei Touristen nieder.
Im Gänsemarsch laufen wir los, Mr Duracell vorneweg - unbewaffnet. Sich Elefanten zu Fuß zu nähern schafft ein mulmigeres Gefühl als im Jeep. Unter unseren Schuhen raschelt das Savannengras. Es duftet nach Wildkräutern. Verknotete Äste verwandeln sich vor unseren Augen zu Pythonschlangen, schwankendes Schilf wird zur Schwanzspitze eines Löwen. Neben einigen Dornenbüschen entdeckt der Massai frischen Elefantendung. "We are close now", sagt er, ohne sich umzudrehen.
Als wir gerade einem Skarabäuskäfer zuschauen, wie er kopfüber eine kleine Mistkugel vor sich herrollt, senkt er die Hand. Langsam gehen wir in die Hocke. Hinter einer Akazie knacken Äste. Ein Elefant schiebt sich aus dem Dickicht. Trotz seines sensiblen Geruchsinns wittert er uns nicht - der Wind kommt aus seiner Richtung. Nur vier, fünf Meter ist er noch von uns entfernt, da ertönt ein Gurgeln aus den Tiefen seines Körpers. Ob es einer der berüchtigten Einzelgänger ist? Auf jeden Fall ist es ein massiger Bulle. Seine Hautrunzeln erinnern an erkaltete Lava.
Plötzlich ertönt ein lautes Schnauben. Staub wirbelt auf. Aus dem Dickicht trottet ein Weibchen mit schlackernden Ohren und ihrem Jungen, das sich Schutz suchend unter ihre Bauchdecke drückt. Jetzt, kurz nach der Regenzeit, seien viele Babys unterwegs, flüstert einer der Wildhüter. Elefantenkühe berechnen Geburtstermine nämlich instinktiv: Sie sind 22 Monate lang trächtig und bekommen genau dann Nachwuchs, wenn frisches Gras sprießt und mit seinem hohen Phosphorgehalt die Milchproduktion anregt.
Jörg Gabriel deutet mit dem Daumen über seine Schulter - das Zeichen zum Rückzug: Im Busch scheint eine ganze Großfamilie unterwegs zu sein. "Seht ihr den kurzen Stoßzahn?", fragt Gabriel, ohne die Elefanten aus den Augen zu lassen. "Genau wie Rechts- oder Linkshänder bevorzugen Elefanten den einen oder anderen Stoßzahn. Wir erkennen die Tiere oft am Abnutzungsgrad ihrer Zähne", sagt er, als wir wieder in den Jeep steigen und die Elefantenfamilie in Richtung Wasserloch davonzieht.
"You were lucky", sagt Mr Duracell, als wir an Zebra- und Gnuherden vorbei in flimmernder Hitze zurück ins Camp fahren. So friedlich seien sie längst nicht immer. Viele Tiere werden wegen der zunehmenden Bedrohung durch den Menschen aggressiv. Die Massai, die oft selbst durch Regierungsinitiativen wie Vergrößerungen der Nationalparks aus ihrem Lebensraum verdrängt werden, dringen ihrerseits in alte Stammgebiete der Elefanten ein. Weil die Massai jedoch Weideland für ihre Rinderherden brauchen und Angst vor zertrampelter Ernte haben, vertreiben manche von ihnen die grauen Riesen: 2009 wurde eine Herde von einem Menschenmob, Motorrädern und Traktoren einen Abhang hinuntergejagt. Sechs Elefanten brachen sich das Genick.
Die letzten steilen Meter zum Shu'mata Camp legen wir zu Fuß zurück. Wir klopfen uns den Staub von den Jacken und sinken in die Safari-Schaukelstühle unter dem prächtigen Baldachinzelt. Der Wind spielt mit den Kristalltropfen des Leuchters über dem Esstisch. An den terrakottafarbenen Lehmwänden rundherum hängen Schwarz-Weiß-Fotos mächtiger Elefanten. Von der Terrasse aus blicken wir hinunter in die endlose Sinya-Ebene. Mit Ferngläsern suchen wir unter den Schirmen der Akazien nach den massigen Tieren. Nach einer Weile deutet Mr Duracell in Richtung Kilimandscharo. Und tatsächlich: Mit bloßem Auge erkennen wir dort unten fünf Riesen, die gemächlich wie eine majestätische Prozession durch die Savanne streifen.




