Prominente Gäste wie Bruce Willis und Harrison Ford, Cindy Crawford und Naomi Campbell, Wladimir Putin und George Bush schätzen die Costa Smeralda, Sardiniens Jetset-Paradies am 55 Kilometer langen Küstenstreifen im Nordosten. Doch das ist nur ein kleiner Fleck im Vergleich zu den übrigen 1750 Kilometer Strand, Felsen und Buchten, von denen die zweitgrößte Mittelmeerinsel gesäumt wird, ganz zu schweigen vom wildromantischen Hinterland.
Abgesehen von der Promi-Parzelle an der Costa Smeralda ist Sardinien ruhig und ursprünglich, eine Insel der Einheimischen. Verbaute Strände, Neonreklame, Animation und Fast-Food-Ketten? Fehlanzeige. Sardinien hat sich nicht dem Massentourismus geöffnet, sondern seinen authentischen Charakter bewahrt.
Familienfreundlich ist es auch: Billigflieger steuern Flughäfen im Norden, Westen und Süden der Insel an. Es gibt Mietwagenangebote ab etwa 200 Euro pro Woche, Ferienhäuser ab 64 Euro pro Tag in der Hochsaison, kinderliebe Einheimische und vor allem: fantastische Strände, die selbst in der Sommerzeit nie überlaufen sind. Kenner schwärmen von der "Karibik Europas", wenn Sardiniens Traumbuchten und das smaragdgrüne, warme Wasser im Gespräch sind. Besonders die Ostküste Sardiniens bietet Familien eine wunderbare Kulisse für ganz persönliche Ferienträume - wie den folgenden ...
Arabische Piraten an der Ostküste Sardiniens
Die Seeräuber sind da! Sie springen aus ihrer Schaluppe und stürmen durchs smaragdgrüne Wasser an den Strand. Ihr Anführer hält direkt auf uns zu. "Come state?" dringt es an mein Ohr. Der Pirat fragt, wie es uns geht. Träge rappele ich mich vom Laken hoch. Es muss ein Traum gewesen sein. Vor uns steht Pietro, der Sohn unserer Gastgeberin Paola, und streift sich lächelnd seine Schnorchelausrüstung ab. Dass die Sinne einem Streiche spielen, liegt an der Hitze. Und an den Abenteuergeschichten um die Sarazenen-Überfälle, von denen wir gehört haben. Hier im Golf von Orosei an Sardiniens Ostküste fielen über Jahrhunderte immer wieder arabische Piraten ein.
Julian (8), und wir, seine Eltern, sind Besucher ganz anderer Art. Entsprechend freundlich werden wir bei unserer Ankunft auf der "Azienda Donna Lina" von der Patronin Paola Cabras empfangen. Der Gutshof mit acht Ferienwohnungen liegt am Ortsrand von Orosei, einer historischen Kleinstadt.
Mit Fernsicht über die Weinstöcke genießen wir wenig später auf der Terrasse ein köstliches Menü: Es gibt Pane Carasau, ein knuspriges, hauchdünnes Fladenbrot, dazu fruchtige Oliven und Salami. Dann kommen die Nudeln auf den Tisch, in Tomaten-Pecorino-Soße. Rosmarinhähnchen mit Backkartoffeln und gedünstete Zucchinischeiben folgen, zum Dessert gibt es Trauben und frische Feigen. Die meisten Zutaten stammen vom Hof mit zehn Hektar Weinfeldern, Olivenhain, Obstbäumen und Gemüsegarten.
Jeden Tag ein anderer Strand
Der erste Ausflug führt natürlich an den Strand. Knapp drei Kilometer sind es bis zum nächsten, Su Petrosu. Weit und breit gibt es keine großen Hotels, die Küste ist unverbaut und naturbelassen. Das Meer leuchtet wirklich so verführerisch grün, wie es auf Postkarten zu sehen ist. Nichts wie hinein! Das Wasser hat 26 Grad, kein Vergleich zu den Kälteschocks in Nord- und Ostsee. Jeden Tag entdecken wir in der Umgebung einen neuen Strand, eine andere Badebucht. Ideal für kleine Kinder ist Cala Ginepro. Es gibt viel Schatten im Pinienwald, der feinsandige Strand fällt flach ab.
Cala Cartoe liegt malerisch zwischen Felsen. Im Wasser wird es rasch tief, die heranrollenden Wellen brechen sich an einer Sandverwerfung. Julian findet das klasse für "Kreuzfahrten". Seine Seefahrergelüste beschränken sich allerdings auf Scheingefechte vom Schlauchboot aus, echte Schiffstouren sind ihm nicht geheuer. Sein Vater neckt: "Eigentlich bist du ein Erdpirat!" "Gar nicht!" zürnt Julian und sorgt dafür, dass wir am nächsten Morgen hinunterzuckeln zum Hafen des Nachbarortes Cala Gonone.
Auf der "Marisa" stechen wir mit etwa 30 anderen Gästen in See. Unser Ziel ist Cala Luna, als die schönste aller Buchten gerühmt und nur über das Wasser zu erreichen. Am Ufer öffnen sich Karstgrotten. "Da drinnen werden bestimmt Piratenschiffe repariert", vermutet Julian. 20 Minuten später kommt der Traumstrand in Sicht. Perlweißer Sand, mit von Pinien bewachsenen Felsen eingefasst. Die Stunden verfliegen. Der Picknickkorb wird geplündert, wir sammeln hübsche Marmorkiesel. Julian schnorchelt den Fischen nach und tobt unermüdlich im Wasser herum. Erst mit dem letzten Boot fahren wir zurück.
Nuraghier, das sardische Urvolk
Anderntags verkünde ich: "Heute machen wir mal in Kultur!" Die Begeisterung bei Mann und Sohn ist gedämpft. Ich bleibe ungerührt: "An der Straße nach Dorgali gibt es eine Kultstätte aus der Bronzezeit, den Mottorra-Dolmen." Zum Glück will Max, einer von Julians neuen Gefährten, auch mitkommen. Das 3500 Jahre alte Ganggrab gehört zu den Bauwerken des sardischen Urvolkes, der Nuraghier. Es zu finden ist ein Abenteuer für sich.
Beim Kilometerstein 207 weist ein Schild die Richtung: bergauf über einen Pfad, der teilweise von Dornengestrüpp überwuchert ist und an einer bröckeligen Mauer entlangführt. Natürlich übersehen wir die entscheidende Abzweigung an einem Tor, markiert durch einen aufgemalten Pfeil. In sengender Hitze stolpern wir weiter, bis uns dämmert, besser umzukehren. Beherzt klettern wir auf halber Strecke über die Mauer, und da sehen wir den Dolmen endlich, auf verdorrtem Feld unter Olivenbäumen. Die Jungs klauben "Faustkeile" zusammen, beobachten Eidechsen, machen "Feuer".
Auf dem Rückweg machen wir einen Abstecher zum Abkühlen in den Schlund der Erde. Die Grotta di Ispinigoli liegt - gut ausgeschildert! - an einer Abzweigung von der Straße 125 zwischen Dorgali und Orosei. 17 Grad erfrischen uns, als wir der Führerin über Treppen und Stege in die Tiefe folgen. Die beleuchtete Kulisse ist spektakulär: Eine 38 Meter hohe Tropfsteinsäule gilt als die größte in Europa, über Millionen von Jahren hat das tropfende Sintergestein fantastische Skulpturen gebildet Wir erfahren, dass hier Goldschmuck der Nuragher gefunden wurde und dass tiefer im Berg noch ein weiteres Höhlensystem existiert mit einem Wasserlauf, der ins Meer mündet. Das findet Julian verlockend: "Ich werde auch Höhlenforscher, dann kann ich da mit meinem Schlauchboot herumfahren!"
An einem späten Nachmittag fahren wir nach Orosei hinein. Wir bummeln über den Itinerario storico, den historischen Pfad durch die Altstadt. Über der von Palmen und Platanen gesäumten Piazza del Popolo thront die schönste Kirche des Ortes, Chiesa di San Giacomo. In der Via Sas Animas besuchen wir Paolas Mann Alfonso Silba in seinem Atelier. Seine Gemälde und Keramikbilder zeigen farbenfrohe Szenen aus der Geschichte und Mythologie Sardiniens. Gelegentlich gibt er auch Kurse für Feriengäste. Während wir uns umschauen, setzt er Julian und Max an die Töpferscheibe, lässt sie Ton modellieren und mit Acrylfarben malen. "Molto creativo" lobt Alfonso. Ja, die Jungen haben Talent.
Es könnte ewig so weitergehen. Aber unvermeidlich kommt der Tag, den glücklichen Urlauber fürchten: die Abreise. Auf der Fahrt zum Flughafen wird gejammert, was wir noch alles hatten unternehmen wollen: in der Felsenschlucht Gola su Gorruppu wandern, einen Ausflug zum Castello in Posada machen, an der Cala Liberotto baden. Julian hat die einzig richtige Lösung parat: "Dann fahren wir einfach noch mal hierher!"


