Niemals war dieses Schloss vor den Toren von Paris wie andere, keine Wiener Hofburg, kein Quirinal in Rom, kein Stadtschloss in Berlin. Gewiss, Versailles ist Barockpracht und Park, Springbrunnen und Alleen, größte Schlossanlage Europas und Unesco-Weltkulturerbe, aber es ist mehr: ein Gesamtkunstwerk, ein Mythos und zu jeder Jahreszeit ein Fest, das so viel Stoff für einen Besuch bietet, dass ein Tag unmöglich ausreicht, um es zu erkunden.
Da ist das Versailles der Kunst und des fürstlichen Merkantilismus, die Europa die Maßstäbe des Begehrenswerten und des Erhabenen setzten. Es ist gebaute Macht durch die Jahrhunderte, das Hauptschloss mit seiner 670 Meter messenden Gartenfassade und die Lustschlösser Grand und Petit Trianon, allesamt eingebettet in eine unglaublich prachtvolle Parkanlage, an der unzählige Gärtner 40 Jahre lang arbeiteten.
Und da ist das andere, das immaterielle Versailles, Erinnerung an Blut und Tränen, Mahnmal der Macht und Schauplatz der Geschichte: Frankreichs Könige residierten hier, bevor die Revolution sie hinwegfegte. Nach dem Sieg über Frankreich wurde König Wilhelm I. von Preußen 1871 im Spiegelsaal des Schlosses zum deutschen Kaiser proklamiert, für die Franzosen eine Demütigung par excellence. Am 28. Juni 1919, vor genau 90 Jahren, musste Deutschland schließlich in demselben Saal den Versailler Vertrag unterzeichnen, als Revanche für eben jene Kaiserproklamation.
Wer durch die langen Gänge des Schlosses wandelt, kann sich gut vorstellen, wie nächtens unerlöste Gespenster erzählen von Glanz und Herrlichkeit, von Niedertracht und Verrat, von Liebe und Meuchelmord, von Angst und Verfolgung, von Demütigung und Triumph.
Zur Zeit Ludwigs XIV., der sich selbst als die Leben spendende Sonne inszenierte, war Versailles symbolischer Mittelpunkt Frankreichs. Einen Tagesritt westlich von Paris waren Monarch und Hofstaat, an die 8000 Personen, vor Gerüchen, Gefahren und Gemeinheiten der Großstadt sicher. Anfangs war das Schloss, jedenfalls in seinen Haupt- und Prunkräumen, in Silber möbliert – später ging alles in die Schmelze, um die Armeen des Königs zu bezahlen.
Kriegführen war dem Sonnenkönig Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln – dafür paktierte er mit dem Großtürken: Kein Zufall, dass 1682 das Elsass mit Straßburg erobert wurde und im Jahr darauf die türkischen Heere vor Wien standen. Der König, der sich der Allerchristlichste nannte, um noch den Papst zu übertrumpfen, hatte keine Bedenken, mit dem Widersacher der Christenheit gemeinsame Sache zu machen: Realpolitik pur. Am Ende stand die finanzielle und moralische Katastrophe Frankreichs. Der starke Mann von Versailles verspielte im Kampf um die Vormacht in Europa den Glanz des Silbers, das Blut der Armeen, das Fett des Landes. Als Ludwig XIV. starb, spuckten die Menschen auf seinen Sarg.
Das offizielle Schlafzimmer des Königs erstreckt sich, heute von Touristenscharen überlaufen, just über der Mittelachse des Schlosses, bis an den Horizont verlängert durch die große Parkallee. Das Bett war Mittelpunkt des Mittelpunkts des Königreiches zur Erzeugung legitimer Nachkommen – tatsächlich war aber die Königin dort nur selten zu Gast. Dieser Platz war der „maitresse en titre“ vorbehalten, der mächtigsten Frau im Gefolge.
Mit dem Jahr 1789 kam die Stunde der Wahrheit
Das ganze 18. Jahrhundert hindurch erlebte Versailles einen langsamen Niedergang. Das letzte Mal vor der Revolution wurde hier Weltgeschichte gestaltet, als 1783 das königliche Frankreich die junge amerikanische Republik anerkannte, um Großbritannien den Atlantik streitig zu machen. Ludwig XVI. ahnte nicht, dass die Kriegsschulden nur wenige Jahre später den Staat das Vertrauen und ihn den Kopf kosten würden. Das Jahr 1789 kam, und mit ihm die Stunde der Wahrheit. Die Revolution.
Zuvor hatten Missernten, tiefe Unruhen und drohender Staatsbankrott Frankreich heimgesucht. Wenige Monate nach dem Sturm auf die Bastille entführten Marktweiber die königliche Familie aus Versailles nach Paris und skandierten dabei: „Jetzt holen wir den Bäcker, die Bäckersfrau und den kleinen Bäckerjungen.“ Sie spielten an auf die Unfähigkeit der Krone, Brot und Arbeit zu schaffen. Dieser 6. Oktober 1789 war Anfang vom Ende des französischen Königtums von Gottes Gnaden.
Bald wurde das Schloss systematisch demöbliert, zuerst alles Silber eingeschmolzen, dann Möbel für Möbel verhökert. Die Réunion des Musées Nationaux gibt sich heute größte Mühe, die verlorenen Schätze zurückzugewinnen und hat dabei Beachtliches geleistet: Wer Versailles heute besichtigt, steht keineswegs in leeren Räumen.
Der napoleonische Hof scheute das geplünderte Schloss und die bösen Erinnerungen, ebenso hielten es die auf den Thron zurückgekehrten Bourbonen. Bürgerkönig Louis Philippe widmete das Schloss, wie um die Gespenster zu bannen, dem Ruhme Frankreichs – „A toutes les Gloires de la France“. Historienmalerei hängte, bis heute zu besichtigen, alle möglichen und unmöglichen Siege an leere Wände.
Dann aber kam der 18. Januar 1871. Die Welt blickte auf das bunte Schauspiel, das Graf Otto von Bismarck, preußischer Ministerpräsident, dort inszenierte. Wie Mephisto den Faust über den Blocksberg führte, geleitete Bismarck seinen König, Wilhelm I., zur Kaiserwürde. Im Spiegelsaal des weiland Sonnenkönigs, die Spiegel erblindet, die Eiseskälte unter die Uniformen kriechend, rief der badische Großherzog den preußischen König zum Deutschen Kaiser aus. Zuvor hatte Ludwig II., Bayerns halbwahnsinniger „Kini“, dem Vetter von Hohenzollern den Kaisertitel angetragen – wofür Bismarck fünf Millionen Taler bewilligte. Still und heimlich und in bar, dazu zehn Prozent für den hochadligen Vermittler. Das war Bestechung der Sonderklasse.
Dazu kam, dass der Preußenkönig zum Jagen förmlich getragen werden musste, dass die Krone noch gar nicht existierte und dass die Kaiserproklamation im Symbolschloss des besiegten Gegners stattfand, der dadurch – und durch die Annexion Elsass-Lothringens – gedemütigt und zum Feind wurde.
Der 73 Meter lange Prunksaal mit seinen 357 Spiegeln, seinen Deckengemälden und Kristalllüstern, ist zweifelsohne der touristische Höhepunkt der Schlossanlage – was die Heerscharen von Besuchern belegen, die ihn täglich durchziehen. Vor allem deutschen Touristen drängt sich hier die Frage auf: Warum ließ sich Bismarck auf die vulgäre Triumphgeste ein?
Die Antwort liegt in Staatsrecht und Geschichte des Heiligen Römischen Reiches. In Berlin den König zum Kaiser zu machen hätten die deutschen Fürsten nicht goutiert. Wien, Frankfurt oder Regensburg waren zu sehr Altes Reich, zu habsburgisch, zu katholisch. In die Provinz ausweichen? Absurd. Die Antwort hieß, tragisch und theatralisch, Versailles. Versailles blieb seitdem beides: das leere Schloss, das auf die Revanche wartete, und dauerhaftes Trauma der Franzosen.
Der Tag der Abrechnung kam 1919, acht Monate nach dem Waffenstillstand der Entente-Mächte mit dem Deutschen Reich am 11. November 1918, das zwei Tage zuvor kollabiert war. Was später eine Revolution genannt wurde, war der Zusammenbruch einer totgesiegten Armee, einer rebellierenden Marine und eines erschöpften Volkes.
Dem Krieg folgte ein Frieden
Dem Krieg, um alle Kriege zu beenden, folgte zu Versailles ein Frieden, um allen Frieden zu beenden. Den Deutschen wurde das Vertragsdokument zur Kenntnis gegeben im Hotel „Trianon Palace“, bis heute alte Pracht vom Feinsten. Zwei Monate später wurde dann im Spiegelsaal die Rache genossen. Hätten die Deutschen sich dem diktierten Frieden verweigern sollen? Mit dem roten Gespenst aus dem Osten drohen? Dazu reichte die deutsche Kaltblütigkeit nicht.
Deutschland wurde massiv beschnitten – mit dem Ziel, dass es nie wieder einen Krieg würde anzetteln können. Die deutschen Vertreter hatten auf der punktierten Linie zu unterschreiben, dass ihr Land über 70.000 Quadratkilometer seines Gebietes und 7,3 Millionen seiner Einwohner verlor; dass das Rheinland entmilitarisiert, das Heer geschrumpft wurde; dass das Deutsche Reich (mit seinen Verbündeten) die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg trug und Reparationen zu leisten hatte.
Es war die Rache für 1871; die Gespenster des alten Schlosses hatten ein weiteres Mal gesiegt. John Maynard Keynes, 1919 Berater der britischen Delegation in Finanzdingen, schrieb bald darauf ein Buch über die ökonomischen Folgen des Weltkriegs. Der Kernsatz: „Dieser Frieden enthält die Saat des nächsten Krieges.“
Was bleibt von Versailles? Große Architektur und große Gartenkunst – und noch mehr Erinnerung.




























