In der Sitcom „Seinfeld“ stellt Cosmo Kramer eines Tages fest: „Mother Nature is a maaad scientist!“ Genau das kann man als Safariteilnehmer nicht nur mit Blick auf Flora und Fauna konstatieren, sondern auch mit Blick auf die Reisegesellschaft. So eine Safari ist ja auch eine soziale Angelegenheit: Man bildet eine temporäre Zufallsgemeinschaft unter Führung eines Guides, mehr noch: nach Auffassung von Wilderness Safaris, dem traditionsreichen Tour-Veranstalter im südlichen Afrika, dem wir uns nun anvertrauen, bildet man sogar eine Familie. Diese Familie rückt besonders eng zusammen beim sogenannten Rhino Tracking, jener Form der Nashorn-Safari, bei der man sich seinem Ziel, dem Spitzmaulnashorn, behutsam in der Kolonne zu Fuß nähert. Das ist die beste Methode, denn Spitzmaulnashörner haben einen exzellenten Geruchssinn und ein gutes Gehör. Dafür sehen sie schlecht, sodass man ziemlich nah herankommt, sofern man keinen Krach macht.

Wir logieren im „Desert Rhino Camp“ in der Buschsavanne der namibischen Provinz Damaraland. Das Camp arbeitet eng zusammen mit dem Save The Rhino Trust (SRT), der sich große Verdienste erworben hat um die Rettung der Spitzmaulnashörner, die noch in den 90er-Jahren akut vom Aussterben bedroht waren. Heute bietet das Palmwag-Wildreservat, in dem das Camp liegt, die größte frei lebende Population von Spitzmaulnashörnern weltweit. Und die wollen wir uns nun anschauen. Aber nicht nur die. Folgen Sie mir.

Tag 1

Wir landen in der Savanne mit einer kleinen Propellermaschine, die wir uns mit Mathilde und Yoann aus Grenoble teilten, einem französischen Pärchen auf Hochzeitsreise. Safaris sind eine Reiseform, die von den meisten Leuten paarweise angetreten wird. So auch von mir, denn ich befinde mich in Begleitung von Richie, meinem Ehemann.

Das „Desert Rhino Camp“ umfasst acht große Zeltbungalows mit Veranden sowie eine Lodge mit Feuerplatz unter freiem Himmel. Da wir spät gelandet sind, reicht die Zeit nur noch für einen Spaziergang durch die Umgebung, bevor die Sonne untergeht. Nicht begleiten auf diesem Gang werden uns Bonnie und Ronnie, ein amerikanisches Ehepaar gesetzteren Alters und größeren Gewichts. Ronnie hat gerade eine Operation am Fuß hinter sich und kann nicht gut laufen.

In den namibischen Camps trifft man auf Leute mit Geld. Und das heißt: Man kann hier sehr schön die gewaltigen Klassenunterschiede in ein und derselben Einkommenskohorte studieren. Hinsichtlich der Typen teilt sich das Safaripublikum grob in zwei Kategorien: 1. Abenteurer jeden Alters, die auf der Suche nach kulturellem Austausch und Naturerfahrung sind. 2. Vermeintliche Abenteurer jeden Alters, die etwas erleben wollen, aber nicht bereit sind, ihre Comfort Zone zu verlassen.

Kategorie 2 ist mir sympathischer, vielleicht auch, weil ich ihr selbst angehöre. Allerdings birgt diese Kategorie einen gehörigen Anteil an problematischen Exemplaren, vor allem Geschäftsmänner mittleren Alters, wie bei uns einen Herrn aus Portugal, der aussieht wie Silvio Berlusconi, mit dem Unterschied, dass er dauernd den Mund offen stehen lässt. Er wird begleitet von seiner agilen Ehefrau, die den Eindruck macht, als wolle sie sich ständig für ihn entschuldigen. In Kategorie 1 gehören hingegen Rod und Todd. So haben wir das bleiche amerikanische Bruderpaar genannt, dessen eine Hälfte irgendwas mit Software-Entwicklung zu tun hat.

Unsere Guides heißen Aloysius und Gotlod; sie fassen die kleine Gruppe quasi ein bei unserem Abendspaziergang, indem der eine an der Spitze, der andere am Ende des Zuges läuft. Allerdings müssen wir oft stehen bleiben und warten, weil Silvio auf Motivsuche ist. Die Kamera hat bei modernen Safarigästen die Flinte ersetzt, und es ist erstaunlich, was die Leute alles ablichten: Gräser, Spuren, Steine, Sand, ja: Sand! So kann man hinter der Linse das Leben versäumen.

Tag 2

Heute ist großer Rhinotracking-Tag mit Picknick. Die Tracker, also die professionellen Nashornspurensucher, sind schon mal rausgefahren, um uns nachher das Aufspüren der Tiere zu erleichtern. Während die Guides einen kleinen Vortrag halten über Aufmachung und Auftreten für die Exkursion (keine leuchtenden Farben, keine Unterhaltungen beim Anpirschen, immer im Block laufen, damit das Nashorn denkt, man sei ein Strauch), stelle ich in Gedanken die Kriterien für die ideale Safaritruppe zusammen, die ich anschließend Richie auseinandersetze: Man braucht jemanden, der schlecht zu Fuß ist, wie Ronnie, damit man so nah wie möglich mit dem Auto an alles heranfahren kann. Ferner braucht man eine ältere Dame im Team, wie Bonnie, die eine schwache Blase hat, damit man ihr die Schuld geben kann, wenn man vor jedem zweiten Busch halten muss, obschon man eigentlich auch selbst regen Gebrauch davon macht. Und man braucht jemanden, der die Hassfigur übernimmt (Silvio), sowie jemanden, der nur brüchig Englisch redet und damit die Konversationsenergie des Guides absorbiert (man will schließlich nicht jede Sukkulente erklärt bekommen).

„Wir müssen vermeiden, mit Silvio in einen Wagen zu kommen“, sage ich. „Aber“, wendet Richie ein, „wer soll dann die Hassfigur sein?“ „Das übernehme ich!“, lautet mein Angebot. Anschließend entsteht eine wundervolle Situation, die mich für sämtliche Demütigungen im Sportunterricht entschädigt: Vor der Lodge stehen zwei Range Rover, einer gesteuert von Aloysius, der andere von Gotlod, und alle wollen zu uns in den Wagen. Wir enden schließlich mit Rod und Bonnie und Ronnie.

Die Guides stehen in Funkkontakt mit den Spurensuchern, die melden, wo sie frische Abdrücke gesichtet haben. Dabei ist, wie immer auf Safari, falscher Alarm nicht selten. Doch schließlich, nach einem kleinen Marsch durch die Savanne, sehen wir in einer Insel aus Strauchwerk: Getaway. So heißt ein notorisch scheuer Bulle, Jahrgang 1990 (sämtliche Tiere sind katalogisiert). Getaway steht im Busch, wir ihm gegenüber, bewaffnet mit Kameras und Ferngläsern, knapp 100 Meter entfernt. Getaway kann uns nicht sehen. Wir bewegen uns vorsichtig und flüsternd, wie Aloysius, unser Guide, der plötzlich begeistert wispert: „Endlich ein Netz!“ und sein Mobiltelefon schwenkt.

Am Nachmittag, nach der Picknickpause, sind die Spuren schwerer zu finden, wir fahren lange durch die Landschaft, was ja auch schön ist. Dann verlassen wir kurz den Wagen, um die perfekt getarnten Küken eines Perlhuhns am Boden zu beobachten, und als wir wieder aufblicken, sehen wir: Big Ben. Big Ben ist ein gewaltiger, 27 Jahre alter Spitzmaulnashornchefbulle, und er ist direkt in unserer Nähe stehen geblieben. Er wittert uns nicht, sodass wir noch ein bisschen näher herangehen können. Big Ben blickt in unsere Richtung, man sieht, wie er die Ohren justiert, um Signale aufzufangen, aber wir geben keinen Mucks von uns. Mutter Natur in all ihrer Glorie.

Tag 3

Neben Südafrika ist Namibia das einzige Land, in dem Schutzmaßnahmen für das Spitzmaulnashorn wirklich greifen. Das liegt auch an den relativ stabilen politischen Rahmenbedingungen. Heute ist der Tag unserer Abreise, und ich sitze an der Frühstückstafel neben einer schlichten blonden Reisenden aus Ohio. Sie ist nicht glücklich mit ihrem Präsidenten, und als ich frage, wieso, antwortet sie, sie sei Republikanerin. Und als ich frage, wieso, macht sie mit drei Fingern der rechten Hand das Gut-betucht-Zeichen und sagt: „There are no rich Democrats.“

Dann machen wir noch eine kurze Tour. Unsere Gruppe sieht ein frisch geborenes Zebrababy, das gerade laufen lernt, die anderen sehen: nichts. „Damit hätten wir gewonnen!“, stelle ich fest. „Das ist kein Wettbewerb“, sagt Richie und klopft mir beruhigend auf den Oberschenkel. „Du hast recht“, antworte ich, „wenn es allerdings ein Wettbewerb wäre, wäre es ein triumphaler Erfolg für uns.“

Anreise: Air Berlin und Air Namibia fliegen nonstop von Deutschland nach Windhuk.

Preisbeispiel: 7 Tage Flugsafari ab/bis Windhuk (je drei Nächte „Desert Rhino Camp“/ „Ongava Tented Camp“) ab 2495 Euro p. P. im DZ, 9 Tage ab/bis Frankfurt ab 3295 Euro, jeweils inklusive Flugtransfers, Verpflegung, Safari, Wäscheservice, buchbar bei Abendsonne Afrika , Tel. 07343/929980, abendsonneafrika.de . Infos zu den Camps: www.wilderness-safaris.com

Auskunft: Namibia Tourism Board, Tel. 069/1337360, www.namibia-tourism.com ; die Reise wurde unterstützt von Abendsonne Afrika und Wilderness Safaris.