Gekrönt von einer Burgruine ragt im Département Ariége zwischen Foix und Lavelanet ein bizarr zerklüfteter Fels in den Himmel: die roca fisada. Das Adlernest, das heute Roquefixade heißt, gehörte den Grafen von Toulouse und hatte während des Kreuzzuges von 1209 bis 1229 den Katharern als Fluchtburg gedient. Da ihnen, die sich selbst boni homines, "gute Menschen", nannten, ihr Glaube verbot, selbst zur Waffe zu greifen, waren sie auf den Schutz durch mächtige Regionalfürsten angewiesen. Und dies waren in Okzitanien, dem Zentrum der Katharerbewegung, allen voran die Grafen von Toulouse.
Mit deren Niederlage im April 1229 waren die Katharer der systematischen Verfolgung durch die Inquisition ausgesetzt und daher gezwungen, sich in schwer einnehmbaren Burgen zu verschanzen oder bei Glaubensbrüdern in Italien und Katalonien Schutz zu suchen.
Eine der Hauptrouten, auf denen sie sich nach Spanien durchschlugen, ist heute unter der Bezeichnung Chemin des Bonshommes – "Pfad der Guten Menschen" – als Fernwanderweg von Foix in der Ariège bis Berga in Katalonien touristisch erschlossen.
Idealer Ausgangspunkt für einen fünftägigen Wanderritt, der freilich einiges an reiterlichem Können verlangt, ist Roquefixade. Von hier ist es nur ein halber Tagesritt bis zum Bauernhof und Gîte La Paquetayre, dessen Besitzer, das Ehepaar Thouzery, ökologische Landwirtschaft betreiben und daneben Heilkräuter sammeln und anbauen. Ihre Küche ist deftig und schmackhaft, die Spezialität des Hauses ist das Toulouser Cassoulet, für das sie hauptsächlich eigene Produkte verwenden. Sogar das Brot backen sie selbst. Aber auch den Pferden geht es hier gut: Sie verbringen die Nacht auf einer Wiese mit saftigem Gras und stärken sich für die erste große Etappe am folgenden Tag.
Der wichtigste Zufluchtsort der Katharer
Am nächsten Morgen geht es zuerst zu der von der Koppel aus sichtbaren, auf einem Felskegel errichteten Burg Montségur, die den Katharern ab 1232 als wichtigster Zufluchtsort gedient hatte. Nachdem einige der Verteidiger zwei Angehörige des Inquisitionstribunals ermordet hatten, begann die Gegenseite 1243 mit der Belagerung der Festung durch über 6000 Soldaten. Zehn Monate leisteten die Eingeschlossenen Widerstand. Am Ende vor die Wahl gestellt, entweder ihrem Glauben abzuschwören oder verbrannt zu werden, wählten über 200 Katharer den Feuertod. Sie endeten allesamt am 16. März 1244 auf einem riesigen Scheiterhaufen zu Füßen der Burg.
Da der Aufstieg zur Ruine von Montségur für Pferde zu schwierig ist, müssen sich Reiter mit dem Besuch des Gedenksteins auf der Prat des Crémats, der "Wiese der Verbrannten", begnügen. Sogar der anschließende Abstieg durch das Dorf ist so abschüssig, daß die Pferde bis zum Talboden geführt werden müssen, von wo der Weg entlang dem Flüßchen Hers zu den Gorges de la Frau führt. Der so steile wie steinige Pfad durch die malerische Schlucht bringt die Pferde ordentlich zum Dampfen und erfordert manche Pause, bevor das weite Hochtal mit den Gemeinden Comus, Prades und Mantaillou erreicht ist, wo heute nur noch ein paar Dutzend Seelen leben.
Ohne größere Anstrengung geht es nun zur Refuge du Chioula, einer einfachen Berghütte mit Matratzenlager auf 1626 Metern Höhe. Die Pferde verbringen die Nacht auf einer Bergwiese am Waldrand.
Von der Hütte führt der Weg am anderen Morgen zunächst über Weideland, dem sich bald ein Abstieg ins Tal der Lauze anschließt. Das starke Gefälle macht es immer wieder erforderlich abzusteigen und die Tiere am langen Zügel zu führen. Unmittelbar hinter Ascou geht es aber schon wieder bergauf und wenig später auf sehr steilem Pfad hinab ins Tal der Oriège.
Kurz hinter der Brücke von Orgeix windet sich eine breite Forststraße langsam höher, bis die Bäume den Blick freigeben auf eine durch Wanderweidewirtschaft geprägte Landschaft. Dann beginnt erneut ein größtenteils zu Fuß zu bewältigender Abstieg nach Mérens-les-Vals im Tal der Ariège.
Méners bewältigen extreme Steigerungen scheinbar mühelos
Die enormen Gefälle, die es auf Pyrenäen-Wanderungen zu bewältigen gilt, stellen vor allem an die Pferde höchste Anforderungen. Kaum eine Rasse aber ist diesen besser gewachsen als die der Mérens. Die recht kleinen, dafür aber umso kräftigeren Tiere sind perfekt an die harten Lebensbedingungen in Höhen zwischen 1000 und 2500 Metern angepasst. Grund dafür ist ihre halbwilde Aufzucht, bei der sie jene Trittsicherheit und Schubkraft gewinnen, die sie befähigt, selbst extreme Steigungen scheinbar mühelos zu bewältigen.
Von Mérens-les-Vals mit dem romanischen Campanile aus dem 12. Jahrhundert sind es noch rund zwei Stunden durch das Tal der Ariège entlang der Bahnlinie bis zum Gîte von Liliane und Christian Lousteau in L'Hospitalet. Da es hier keine Koppel gibt, muss erst ein kleines Stück Wiese zwischen den Häusern eingezäunt werden, bevor Pferde und Reiter die wohlverdiente Ruhe und Stärkung finden.
Tags darauf gilt es direkt vom Dorf aus den Steilhang hinaufzuklettern. Nach über einer Stunde ist das schwierigste Stück geschafft. Etwa in Höhe der Baumgrenze wird das Gelände flacher. Bis zum über 1900 Meter hohen Col de Puymorens ist es nurmehr ein Spazierritt. Da die heutige Etappe recht kurz ist, ist Gelegenheit für ein ausgedehntes Picknick, bei dem sich bei Rotwein, Wurst und Käse auch das grandiose Panorama mit den zahlreichen fast 3000 Meter hohen Gipfeln genießen lässt. Der anschließende Abstieg nach Porta im Tal des Carol ist leicht, die Unterkunft im Gîte und Gestüt La Pastorale von Pierre Enoff einfach aber komfortabel.
Vorbei an wiederkäuenden Kühen und den Mérens nahe verwandten Castillon-Pferden geht es in der Früh gemächlich durch das Campcardos-Tal. Mit dem Pass Portella Blanca in 2517 Metern Höhe ist gegen Mittag die Grenze nach Spanien erreicht. Von da folgt der Pfad dem Rio de Llosa. Grasende Rinder und Pferde auf den Hochmatten und zwischen Pyrenäen-Kiefern bieten ein idyllisches Bild, bis bei Viliella die Straße erreicht ist.
Die eindrucksvolle Kette der Sierra del Cadi jenseits des Rio Segre im Blick sind es bald nur noch wenige Kilometer auf der wenig befahrenen Asphaltstrecke bis Prullans, wo das Hotel Muntanya all den üblichen Wellness-Komfort bietet. Dabei hat man den in den letzten Tagen eigentlich gar nicht vermisst: Gibt es ein größeres Glück, als auf dem Rücken eines Pferdes ein so herrliches Gebirge zu überqueren, wie es die Pyrenäen sind?
Auskunft:
Solenne Odon, Comité Régional du Tourisme,
54 Boulevard de l'Embauchure,
F-31022 TOULOUSE CEDEX 2,
Telefon 0033/561 13 55 19, Fax 0033/561 47 17 16,
www.tourisme-midi-pyrenees.org
Laurent Levoyer (Guide professionnel de tourisme équestre),
Les Cavaliers des Étoiles, Ferme Équestre de la Vallée du Douctouyre,
F-09600 Dun, Telefon 0033/561 68 71 03,
www.equipyrene.com/cde




