Spritztour

Im knatternden Oldtimer durch Oberbayern kurven

Oldtimer zu unterhalten ist eine kostspielige Angelegenheit. Deshalb leihen sich immer mehr Fans alter Autos die Wagen einfach aus statt sie gleich zu kaufen. In Oberbayern gibt es sogar organisierte Touren, bei denen man mit einem röhrenden Ford Mustang Cabrio oder einem Triumph Spitfire in die Berge fahren kann.

Foto: Hilmar Poganatz

Mit sattem Knattern kreuzt die Kolonne durch grüne Hügel. Vorneweg der Triumph TR-6 unseres Reiseleiters Thomas Rippel, im klassisch-britischen Renn-Grün. Dahinter brummt die kleine Oldtimer-Parade, vorbei an deftig grünen Weiden und Kirchlein mit Zwiebeltürmen: ein nougatbrauner Triumph Spitfire; ein weißer MG-B Roadster; ein stahlblauer Mercedes 280 SE; und, am lautesten von allen, der goldene Ford Mustang Cabrio. So still und aufgeräumt die Landschaft ist, so geräuschvoll und kantig sind unsere Autos.

„Oldtimertour durch Oberbayern“ heißt unser Programm für die nächsten drei Tage: Autowandern durchs Alpenpanorama, Motorengeheul neben Mistgabeln, Chrom und Kühe im Bilderbuchland zwischen München und der Zugspitze.

„Für Oldie-Freunde ist das eine klasse Gelegenheit, auf einer Spritztour verschiedene Autos auszuprobieren“, wirbt Jo Weber. Vor sechs Jahren hat er gemeinsam mit Rippel die „Oldie-Garage“ gegründet. Aus ihren sechs Mietwagen sind 60 geworden. Immer mehr Leute leihen sich alte Autos, statt sie selber zu unterhalten. „Alte Schätzchen sind kostspielig bei Reparaturen“, sagt Weber. Gemeinsam mit ADAC Reisen bietet die Oldie-Garage daher organisierte Touren durch Bayern an. Von der Zweigstelle Nürnberg aus kann man entlang der Altmühl durch die Fränkische Seenplatte fahren. Oder von Anzing aus zur Zugspitze – diese Tour haben wir uns ausgesucht. Der Plan ist, dass jeder Fahrer jeden Wagen testet.

Los geht es auf einem umgewidmeten Bauernhof in Anzing. Im Norden führt die A94 ins nahe München, im Süden breitet sich der große Ebersberger Forst aus. Wir flitzen vorbei an Fachwerkhäusern mit prächtigen Blumenkästen, der bayerische Sommer steht in voller Blüte. Das Verdeck ist offen, oben fliegt das Blau vorbei, und wir atmen würzige Landluft. Dazu klingen die 69 PS des Spitfire wie ein Speedboot. Auch der schlanke Holzlenker erinnert ans Bootfahren, und das Hinterteil des Fahrers sitzt so nah am Asphalt, dass man meint, den Wellengang zu spüren. Der Triumph ist ein guter Ersatzspieler für den versprochenen Porsche 912, der heute leider Zicken macht. Alte Autos sind eben anfällig. „Vor allem die Engländer“, hatte uns Oberschrauber Weber noch gewarnt. Die britische Elektronik der Marke Lucas habe ein unheimliches Eigenleben: Mal funktioniert sie, mal nicht. Ohne Grund. Weil die Scheinwerfer häufig versagen, nennen Fans den Hersteller liebevoll den „Prinz der Finsternis“, das Internet ist voll von Witzen dieser Sorte: „Die beste Diebstahlsicherung: Lucas Electrics“. Mal sehen, wie weit wir kommen ...

Das Ergebnis: genau 20 Kilometer weit. Am Wasserwerk von Zorneding, zwischen Tannenschonungen und Butterblumen, zieht Reiseleiter Rippel rechts ran, der Motor stottert. Rippel, ein wuchtiger Mann mit rot gebrannter Nase, schält sich aus dem schlanken TR-6 und verdammt den Prinzen der Finsternis: „So ist das mit den Engländern, mir ist die Tankuhr hängen geblieben!“ Da muss man sich nicht wundern, dass es kaum noch einen unabhängigen britischen Autohersteller gibt. Wie einst Roger Moore in „Der Mann mit dem goldenen Colt“ schwingt sich Rippel notgedrungen in den weißen MG-B – allerdings nur, um in Oberpframmern Benzin zu besorgen.

Gestärkt mit Super und Bleiersatz, springt der Triumph zurück auf die Straße. Mit singenden Motoren geht es durch die Märklin-Landschaften des Alpenvorlandes. Egmating, Aying, Altenburg: Dörfer sind ordentlich in die Landschaft gestellt, blank gewienerte Höfe erzählen von althergebrachtem Reichtum, und jeder Grashalm scheint zurechtgekämmt. In den Gefährten fühlen wir uns wie Statisten eines Heimatfilms.

Den Staub der Straße spülen wir beim Bartewirt in Valley hinunter – mit dem örtlichen Bier „Graf Arco“. Der Biergarten liegt unter Kastanien an einer alten Poststation. Valley hat eine uralte Tradition, und so zieren Frauen im Dirndl und Männer in Lederhosen die Tische. Es gibt Brezeln, gesottene Ochsenbrust und Schweinsbraten mit Kruste in dunkler Biersoß'.

Die Bajuwaren winken mit ihren Filzhüten

Derart gestärkt, lassen wir wieder die Motoren heulen. Die Bajuwaren erheben sich von den Tischen und winken uns zum Abschied mit ihren Filzhüten zu. Die schwarzen Ledersitze des MG-B knarzen wohlig, der Motor verbreitet ein freudiges Knurren. Der weiße Bond-Schlitten ist „sound-designed“, wie das Überarbeiten des Motorengeräusches neudeutsch heißt. Norbert, der Beifahrer mit der ergrauten 50er-Jahre-Haartolle, ist begeistert: „Alles edel, die Wurzelholzarmaturen, die Schaltung so exakt und das alte Nadelstreifenradio Becker Mexiko.“ Das fiept zwar nur, aber dafür fällt in jeder Kurve das Handschuhfach auf. Sportlich flitzen wir an Orten vorbei, die auf „öd“ enden oder „Einsiedl“ heißen. Hinter Bad Tölz faltet sich das Vorgebirge auf. Bei Jachenau nehmen wir die Maut-Straße der Bayerischen Staatsforste und tauchen in eines der waldreichsten Gebiete Deutschlands ein.

Grund genug, mal umzusteigen in den stahlblauen S-Klasse-Mercedes, „RAF-Mercedes“, wie unsere Mitfahrerin Erica das 160-PS-Ungetüm getauft hat. Fühlt sich tatsächlich an wie ein Schlachtschiff mit Zielfernrohr. Das Erste, was wir ins Fadenkreuz nehmen, ist ein ergrauter Bilderbuchbayer in Lederhosen. Der wankt uns irgendwo bei Sufferloh vors Auto, wohl weil er nach der sonntäglichen Messe so einige Maß zu viel bestellt hatte. Doch die Bremsen des Benz sind verlässlich.

In Garmisch-Partenkirchen rauschen wir an der Großen Olympiaschanze vorbei, die wie ein futuristisches Sonnensegel am grünen Hang hängt. Die Autowanderer sind rastlose Gesellen, denen der Weg das Ziel ist. Es geht ihnen darum, charakterstarke Autos zu fahren, die Landschaft ist dazu nur Kulisse. Folglich wird nur zum Essen gehalten. Und natürlich, um sich mit den Oldtimern zu fotografieren, vor möglichst schönem Hintergrund: barock bemalten Gasthöfen, tannenbestandenen Höhenzügen und Kühen auf blumigen Wiesen.

Der Mustang röhrt wie ein Brunfthirsch auf Speed

Nach nobler Nachtruhe unter dem schroffen Hausberg von Garmisch wird es Zeit, sich an den Angeberschlitten unter den Autos zu wagen: den Mustang. In der Tiefgarage des Hotels „Zugspitze“ röhrt der goldene Achtzylinder wie ein Brunfthirsch auf Speed. Von den 220 PS sind höchstens 70 fürs Fahren – der Rest ist für den Klang. Das abgewetzte Holzlenkrad diktiert den Weg nur schwammig. Auch Trommelbremsen sind tückisch. So wird der „Ritt“ durch die Kurven des Isarwinkels zum Abenteuer.

Nahe der österreichischen Grenze formt der Oberlauf der Isar ein wildromantisches Tal. Eingeschlossen von dichten Wäldern rollt der Fluss über ein Bett weißer Steine durch ein kleines Stück alpiner Wildnis. Leider hat sich die Schönheit der Strecke sehr herumgesprochen, sodass die enge Straße nach Vorderriß recht befahren ist – obwohl sie drei Euro Maut kostet und gerade Montagmorgen ist.

Zurück in der Zivilisation, rauschen wir mit dem Mustang ins teure Tal vom Tegernsee. Im Stau vor einer Baustellenampel versperrt unser US-Schlitten zwei jungen Frauen im BMW-Cabrio die Ausfahrt. Sogleich hupt hinter uns ein Handwerker im weißen Kastenwagen: „Macht doch mal Platz für die Damen!“ Die aber lachen nur herzhaft und bestaunen lieber das goldbraune Ungetüm – dem prompt die Pumpe stottert. Abgewürgt. Hinter uns hupt Handwerksmeister Huber wütend weiter, dann passieren grinsend die Damen, und als der Mustang wieder will, gönnen wir uns erst mal ein Tegernseer Helles auf der Klosterterrasse am See.

Nach einem spontanen Bad in den Tegernseer Fluten sind wir fit für den Rückweg. Auf der A8 loten wir zum ersten Mal die Geschwindigkeit der alten Schätzchen aus, die ja sonst gern gemächlich unterwegs sind. Ganz vorn liegt der weiße MG-B. Wie schnell genau er ist, bleibt ein Geheimnis. Sein Tacho funktioniert nämlich gar nicht.

Erst auf dem Rückweg, kurz vor der Bierstadt Aying, bremst eine zweite Panne den kurzen Ausflug ins Adrenalingebiet. Wieder ist es der renngrüne TR-6. Hat der Prinz der Finsternis seine Finger im Spiel? Nein. Unser Oldtimer-Experte Rippel ist einfach mehr lebensfroher Genuss-Kumpel denn Reiseleiter. Er hat vergessen zu tanken.

Oldtimer-Reisen: „Oldtimertour Oberbayern“ – Individuelle Autotour ab/bis Anzing bei München, 3 Tage/2 Nächte im DZ/F; eigene Anreise, Auswahl aus sieben Oldtimertypen. Mit Vollkasko (500 Euro Selbstbeteiligung) ab 789 Euro für zwei Personen im Doppelzimmer bei ADAC Reisen, Tel. 01805/337603, www.adacreisen.de