Jeden Freitagabend kommt Leben in die Bude. Dann kurven Tausende Turiner die schmale Straße aus dem Susatal hinauf. Die Jalousien der Apartments rollen nach oben, Straßen und Einkaufspassagen füllen sich. Auf der Piazza Fraiteve wird gelacht. Man trifft sich, umarmt sich, verabredet sich fürs Abendessen. Sestriere ist aufgewacht, so wie es das zwischen Dezember und April jeden Freitag tut, um sonntags nach Pistenschluss wieder in den Halbschlaf zu sinken.

Der bekannteste und gleichzeitig exklusivste Skiort des norditalienischen Piemont gleicht unter der Woche einer Geisterstadt. Dabei ist das 2000 Meter hoch und dicht an der französischen Grenze gelegene Sestriere eines der Einstiegstore in die beliebte Via Lattea („Milchstraße“), das mit 400 Kilometern Piste größte zusammenhängende Skigebiet Italiens.


Schneesicherheit ist bis April garantiert. Regelmäßig finden hier Weltcuprennen statt; olympische Weihungen kamen im Februar 2006 hinzu, als am Monte Motta die Alpinski-Disziplinen der Herren ausgetragen wurden.


Sestriere ist fest an eine Großstadt gekoppelt: Es ist gewissermaßen „Turin on Ice“. Vor 80 Jahren kam Giovanni Agnelli, der Fiat-Gründer, auf die Idee, den Skisport erschwinglich und massentauglich zu machen. Um 1930 ließ er ein paar Hotels aus dem Boden stampfen und errichtete moderne Drahtseilbahnen – eine unerhörte Bequemlichkeit zu damaligen Zeiten. Fiat-Traktoren hielten die Zufahrtsstraßen schneefrei. In den 50er-Jahren wurden die ersten „Condomini“ errichtet, Eigentums-Wohnanlagen. Im Turiner Bürgertum war es schick geworden, eine Wohnung in den Bergen zu haben. In den 60er- und 70er-Jahren wurde gebaut wie verrückt: viele Apartmentblocks, wenige Hotels. Heute kommen auf 28.000 Ferienwohnungen (mit insgesamt vielleicht 100.000 Betten) 5600 Hotelbetten.

Architektonisch unterscheidet sich Sestriere nicht sehr von den städtischen Wohnvierteln im 90 Kilometer entfernten Turin. Die Straßen sind breit und voller Autos, die Häuser modern. Um rustikalen Charme hat man sich nicht zu sehr bemüht. Eine Kirche ist auf den ersten Blick nicht zu entdecken, dafür stechen zwei 15-stöckige Hoteltürme ins Auge, die in den 30er-Jahren gebaut wurden und heute dem Club Med gehören, eine der seltenen größeren Hotelanlagen der Region.


Die paar Hotelgäste der Via Lattea haben wochentags, wenn die Apartmentbesitzer in der Stadt arbeiten, die 400 Kilometer mit ihren 90 Liften praktisch für sich. Die Pisten liegen fast alle auf der Südwestseite des Ortes und reichen bis auf 2600 Meter hinauf. Könner wählen die Piste Nr. 31, die „direttissima“ zurück nach Sestriere, Garant für Temporausch und wackelige Knie. Wer heil unten angekommen ist, darf sich auf die Schulter klopfen: Er hat die olympische Abfahrtsstrecke der Herren bewältigt.


Wem die Pisten von Sestriere nicht mehr reichen, der schaukelt in die Nachbartäler. Zwei Kabinenbahnen schwingen sich über den Gebirgskamm nördlich von Sestriere nach Sauze d'Oulx und Sansicario. Von dort kann man sich mithilfe zweier moderner Kabinenbahnen über das Bergdorf Cesana nach Westen weiterhangeln, auf die Pisten von Clavière und ins französische Mongenèvre, das auch noch zur Via Lattea gehört.

Eine gemütlichere Welt tut sich dort auf, mit Waldabfahrten und Zweier-Sesselliften aus Gründerzeiten, so puppenhaft klein, dass es normal gewachsenen Skifahrern nicht gelingen wird, die Beine zwischen Sicherheitsbügel und Fußbrett zu stellen. Aber das passt zur Atmosphäre, zu den Hexen-Häuschen, die im Wald neben der Piste stehen, zur Hütte „Montanina“ mit schöner Aussichtsterrasse. Dort wird eine unvergessliche heiße Schokolade serviert – aromatisch, von einem Sahneberg bedeckt und so dick, dass der Löffel darin stecken bleibt.

Die nachmittägliche Schokolade ist für Ski fahrende Piemontesen ein Ritual. Seltener sieht man sie beim Après-Ski mit Bier oder Schnaps über die Stränge schlagen; das ist einfach nicht die italienische Art. Die fröhlich singenden Gruppen, die in den Abendstunden Arm in Arm durch die Altstadtgassen von Sauze d'Oulx schwanken, sind Engländer. Sie haben das neben Sestriere zweitgrößte Skidorf der Via Lattea schon vor Jahrzehnten für sich entdeckt. In Charterfliegern werden sie nach Turin verfrachtet, purzeln über die Pisten von Sportinia und Clotes und sorgen auch unter der Woche für gute Auslastung in den Pubs. Gelegentlich verlieben sie sich und bleiben dann ganz da, so wie Jane aus der Drogerie, die vor 20 Jahren ihren Skilehrer geheiratet hat.

Auch Sauze (von den Italiener schlicht „Sause“ genannt) hat viele Apartmenthäuser. Wie ein Gürtel haben sie sich um den historischen Ortskern gelegt, in dessen schmalen Gassen zwischen alten Steinhäusern und sprudelnden Brunnen noch viel Romantik wohnt.

Im Skigebiet dominieren schöne und mittelschwere Waldpisten, dazwischen Hütten, vor denen es zugeht wie am Adriastrand: Liegestühle, Kinderjuchzen, tobende Hunde. Hier sitzen besser verdienende Turiner, die „Anzi-Besson“-Anoraks von Lokalmatador Giuliano Besson, einem ehemaligen Rennläufer, tragen und vor der Skihütte Zeitung lesen. Die das Leben genießen. Bis zum Sonntagabend. Dann geht es zurück in die Stadt.