In Zeiten von Kerosinzuschlag, Gebühren für aufzugebendes Gepäck und mehr Beinfreiheit wird die Stimmung gegen übergewichtige Sitznachbarn schlechter, wie eine aktuelle Studie des Reiseportals Opodo zeigt: Fast die Hälfte der 951 Befragten (47 Prozent) ist dafür, eine Sondergebühr für dicke Passagiere einzuführen.

14 Prozent finden die Belastung durch Dicke derart groß, dass sie die Gebühr für längst überfällig halten. Das Thema bekommt auch bei deutschen und europäischen Fluggesellschaften mehr Gewicht. Manche Airlines setzen auf die Einsicht der schwergewichtigen Fluggäste, manche haben eine klare Regel: Wer nicht in den Sitz passt, zahlt drauf.

Neu ist die Diskussion um eine Extra-Gebühr für extrem übergewichtige Reisende nicht. Die US-Billigfluggesellschaft Southwest Airlines führte schon 1980 eine Regelung für schwergewichtige Passagiere ein – aus Sicherheitsgründen, aber auch, weil die Beschwerden von Kunden, die sich aufgrund der Körpermaße des Sitznachbarn eingeengt fühlten, überhandnahmen, schreibt das Unternehmen auf seiner Internetseite.

Bei Southwest müssen beleibte Kunden im Voraus einen zweiten Sitz buchen – die Gebühr dafür wird erstattet, sofern das Flugzeug nicht ausgebucht war. Viele US-Gesellschaften haben nachgezogen, die meisten definieren „ übergewichtige Passagiere“ wie Southwest: Lässt sich der Sicherheitsgurt trotz Erweiterungsstück nicht schließen oder die Armlehne nicht herunterdrücken, muss der Passagier einen zweiten Sitz dazubuchen.

Bei United, Continental und American Airlines beispielsweise kann der Passagier darauf hoffen, dass er kostenfrei umgebucht wird. So verfahren die Gesellschaften, wenn die Maschine nicht ausgebucht ist und noch zwei nebeneinander liegende Plätze frei sind. Anders als bei Southwest wird dem Passagier der Preis für das zweite Ticket dann allerdings nicht erstattet.

Wer absolute Planungssicherheit haben möchte, muss also zwei Tickets kaufen, oder er bleibt im Fall einer ausgebuchten Maschine am Boden. „Das ist die Vorgabe“, sagt United-Sprecher Ralph Steffen, „in der Praxis aber musste bisher kein Kunde am Boden bleiben“.

Auch in Kanada stand das Thema schon auf der Tagesordnung. Seit 2009 haben XXL-Passagiere auf Inlandsflügen Anrecht auf zwei Sitzplätze zum Preis von einem, das entschied Kanadas Supreme Court, indem er eine Klage von Air Canada und WestJet abgelehnt hatte.

Hierzulande gibt es keine einheitliche Regelung für den Umgang mit Übergewichtigen im Flugzeug, wohl aber viele Übergewichtige. Wenn auch nicht die dickste Nation, das ist laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation Samoa, dort sind demnach 93,5 Prozent der Bevölkerung „fettleibig“, belegt Deutschland nur knapp hinter den USA (66,7 Prozent) immerhin Platz 4 mit 66,5 Prozent Übergewichtigen.

Die Untersuchung „Size Germany“ befasste sich mit dem Körperumfang der Deutschen. Heraus kam: Bei Frauen wie Männern wuchs der Taillenumfang zwischen 1994 und 2009 durchschnittlich um rund vier Zentimeter.

Lufthansa-Sprecher Jan Bärwalde: „Uns ist sehr wohl bewusst, dass die Menschen immer schwerer und größer werden. Trotzdem hält sich die Zahl von Betroffenen in diesem Bereich in solch überschaubaren Grenzen, so dass wir keine dezidierte Regelung benötigen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele betroffene Passagiere sich des Themas bewusst sind und im Vorfeld einen zweiten Sitz dazu- oder aber eine höhere Klasse buchen.“

Lufthansa sei kein Fall bekannt, in dem ein Fluggast am Boden bleiben musste, weil er keinen zweiten Sitzplatz gebucht hatte oder keine individuelle Lösung vor Ort gefunden werden konnte. „Individuelle Lösung“ heißt hier etwa neben einem übergewichtigen Reisenden einen Platz frei zu lassen. Das geht natürlich nur, wenn die Maschine nicht ausgebucht ist. Das ist in der Regel der erste Lösungsansatz, den nicht nur Lufthansa, sondern auch andere deutsche wie internationale Gesellschaften unternehmen.

Lufthansa berechnet für die Buchung eines zweiten Sitzplatzes nur den Flugpreis, nicht aber die Steuern und Gebühren. Ein Preisbeispiel auf der Route Frankfurt - New York für einen Hin- und Rückflug: Ein übergewichtiger Passagier zahlt für zwei Sitze 1003,86 Euro – der Preis sestzt sich aus dem Flugpreis von zweimal 370 Euro plus einmalig 263,86 Euro Steuern und Gebühren zusammen.

Air Berlin hat folgende Regel: „Der Fluggast muss bei Start- und Landung in den Sitz passen und angeschnallt sein“. Klappt das nicht, muss er ein zweites Ticket kaufen abzüglich der Steuern und Gebühren, beziehungsweise aussteigen, wenn die Maschine voll ist.

Air France/KLM appellieren an „Passagiere mit großem Körperumfang“, von sich aus einen zweiten Sitz zu buchen. Für ihn erhält der Passagier eine Ermäßigung von 25 Prozent des regulären Ticketpreises. Neuerdings bekommen sie den Preis erstattet – das gilt aber nur, wenn die Maschine nicht ausgebucht war und der Sitzplatz neben ihnen frei gehalten werden konnte.

Besonders kulant zeigt sich Austrian Airlines. „Ist die Maschine ausgebucht, fragen wir alle Passagiere, ob einer von ihnen für eine Gegenleistung, etwa ein Voucher von Austrian Airlines, auf die nächste Maschine umgebucht werden möchte. Die Praxis zeigt, dass wir so immer zu einer Lösung kommen, denn nicht jeder Passagier muss zwingend diesen Flug nehmen, einige Reisende sind flexibel und nehmen unser Angebot gerne an“ sagt Sprecher Michael Braun.

Wenn der beleibte Passagier absolute Planungssicherheit haben möchte, kann er zwei Sitze buchen. Für den zweiten erhält er einen Rabatt von bis zu 50 Prozent je nach Strecke und Buchungsklasse.

Die US-amerikanische Interessengruppe für korpulente Menschen, Council on Size & Weight Discrimination, rät XXL-Reisenden: „Fliegen Sie nicht. Geben Sie den Fluggesellschaften nicht Ihr Geld, solange diese keine breiteren Sitze anschaffen.“ Fragt sich, ob Übergewichtige in Bussen bequemer reisen.