Die rote Warnlampe mit der stilisierten Zapfsäule leuchtet auf, und die Anzeige sagt mir, ich habe noch zwölf Meilen zu fahren. Ich bin mit einer BMW F800 ST in der Wüste Nevadas, und Kingman, das erste Städtchen auf der sagenumwobenen Route 66, ist noch nicht in Sicht. Sehr gut in Sicht sind dagegen unendliche Wüstenflächen, ab und zu ein „Mobile Home“, und einige Wüstenpflanzen wie die Orgelpfeifenkakteen, die auch Arizonas Nummernschilder schmücken.

Es geht leicht bergauf, die Anzeige läuft rückwärts: Noch drei Meilen, noch zwei, noch eine... dann erscheinen vier Striche auf dem Display. Fast gleichzeitig, wie durch ein Wunder, taucht hinter der Anhöhe eine Tankstelle auf. An die Entfernungen und die langen, schnurgeraden Landstraßen, fern jeglicher Zivilisation muss man sich wirklich erstmal gewöhnen.

Auch Edward Abbey habe ich nicht gelesen, der in seinem Buch „Desert Solitaire“ warnte: „Bleiben Sie zuhause, und lesen Sie ein gutes Buch. Die große amerikanische Wüste ist grauenvoll. Sie können sich verletzen, krank werden, sich verirren. Selbst wenn Sie überleben, was nicht sicher ist, wird es ihnen da draußen dreckig gehen. Die Wüste ist gut fürs Kino und für gottestrunkene Mystiker, aber sie ist nichts für einen Sonntagnachmittag.“ So weit der gute Abbey, auf benzinlose Motorradfahrer ist er damals nicht eingegangen.

Oldtimer-Wracks lagern hier neben alten Coca-Cola-Werbetafeln

Unterwegs begegnen uns fast ausschließlich Harleys, deren coole Fahrer uns immer lässig mit dem leicht nach unten gerichteten linken Arm grüßen. Für längere Strecken scheinen die Harley-Davidsons eine deutlich angenehmere Sitzposition zu bieten – den Rücken nach hinten gelehnt, die Beine nach oben. Während wir auf der F800 immer in leicht gebückter Haltung kauern. Wir versuchen uns damit zu motivieren, dass die BMW eindeutig sportlicher aussieht.

Vor einem Schuppen auf Kilometer 22,8 fotografiert eine Gruppe Schweizer Touristen aufgeregt um die Wette. Die alte Tankstelle bei Hackberry ist ein Open-Air-Museum für Route-66-Enthusiasten. Oldtimer-Wracks lagern hier neben alten Coca-Cola-Werbetafeln und verrosteten Tanksäulen und Greyhound-Bus-Schildern. Eine Bedeutung bekam das Örtchen Hackberry 1882, als die Eisenbahntrassen hier ankamen. Hackberry wurde zu einer wichtigen Viehverladestation. Dann kam die Route 66, die ab 1926 Stück für Stück zu einer Ost-West-Verbindung ausgebaut wurde, und der „General Store“, wie die Tankstelle damals hieß, erlebte seine Blütezeit. Als die Regierung jedoch die Route 66 durch die Interstate 40 ersetzte, war es vorbei mit dem Geschäftsleben. 1998 begannen John und Kerry Pritchard, den Schuppen in ein Open-Air-Museum zu verwandeln. Aus rein privater Initiative, die Pritchards verlangen nicht einmal Eintritt für ihren „Park“.

Im Barber Shop in Seligman, ein Stück weiter ostwärts in Richtung Flagstaff, treffen wir den wohl berühmtesten Anwohner der Route 66. Angel Delgadillo ist mittlerweile 93 Jahre alt und mit seinem Rasiershop eine fester Termin auf der Route. Der Laden wirkt ebenfalls wie ein Museum. Die Rechnung des wunderschön gearbeiteten Barbiersessels aus dem Jahr 1928 – über 180 Dollar – hängt gerahmt im Hinterzimmer. „Mein Vater hatte in Seligman einen Pool-Salon“, erzählt Angel. Der ging aber pleite, als die Route 66 innerhalb des Ortes um einen Block verlegt wurde.

1950 beschloss Angel, sich auf das Rasiergewerbe zu konzentrieren. Die 50er- und 60er-Jahre seien Hochzeiten der Route 66 gewesen, erinnert sich Delgadillo. „Vor allem die Oakies, so nannten wir die Siedler aus Oklahoma, die nach Kalifornien wegen der Dürre auswanderten, gehörten zu den häufigsten Befahrern der Straße.“ Heute sind es Touristen, die sich rasieren lassen.

Nach der Wüste kommt der Wald. Und die Kälte

Nach den geschichtsträchtigen Orten Ash Fork, Williams und Bellemont wandelt sich die scheinbar endlose Wüste, es wird waldig. Und gleichzeitig eisig kalt. Wir erreichen Flagstaff und müssen die bittere Erfahrung machen, dass sich ein Besuch im „Galaxy Diner“, einem angeblich „authentischen Route-66-Diner“ nicht lohnt. Es sei denn, sie mögen Pommes mit dem Geschmack alten Maschinenöls.

Straßentechnisch der herausfordernste Teil ist die kleine Nebenstraße von Flagstaff nach Sedona, durch den Oak Creek Canyon. War es in Flagstaff noch kühl, wird es in dieser fast alpinen Schlucht saukalt. Auf Serpentinen winden sich unsere Räder entlang orangefarbener Felsmassive tief hinunter in das Tal, in dem unten ein Gebirgsbach sprudelt; Angler schätzen ihn für seine Forellen.

In Sedona einem kleinen Touristennest, halten wir kurz an, um den Panoramablick auf die Red Rocks zu genießen, dann geht es weiter nach Phoenix, der Endstation unserer Reise. Dort drehen wir eine letzte Runde durch die Schachbrettmuster-Stadt, ohne Helm, im T-Shirt und mit dem Gefühl, die Weite Amerikas bezwungen zu haben.