Die Männerrunde um Ricardo Morales Gamarra ist begeistert von der Strandschönheit. "Venga chica", rufen sie - komm rüber. Uaypi ist ihr Name, und sie lässt sich nicht lange bitten, läuft durch den Sand herbei und schaut zu den Männern hinauf. Ricardo Morales tätschelt lächelnd ihren Kopf: "Du möchtest bestimmt Kekse." Sie nickt.
Uaypi ist etwas Besonderes. Sie hat fast schwarze Haut, trägt einen gewagten Irokesenschopf, ist Vegetarierin - und ein Hund. Ein peruanischer Viringo, ein "perro sin pelo" - Hund ohne Haare. Dem europäischen Geschmack entsprechen Viringos zwar nicht unbedingt. In Peru aber gehören sie seit 2001 per Gesetz zum nationalen Erbe.
Und so genießt Uaypi hier nahe der Stadt Trujillo zwischen den Pyramiden von Sonnen- und Mondtempel Narrenfreiheit. Lange war man uneins darüber, seit wann es diese Hunde in Peru gibt. Heute weiß man: mindestens 1400 Jahre. Das ist auch ein Verdienst von Direktor Ricardo Morales und seinem Team. Sein Projekt startete 1991 und brachte Zeugnisse einer alten Kultur zutage, die den Grundstein für die Errungenschaften nachfolgender Kulturen - inklusive der Inkas - gelegt hat. Die Moche haben die Geschichte dieser Region nachhaltig geprägt - und mit dem Huaca del Sol, dem Sonnentempel, aus rund 140 Millionen Lehmziegeln den größten alleinstehenden präkolumbischen Bau auf dem Gebiet des heutigen Peru geschaffen.
Die Moche und ihre Nachfolger, die Sicán und die Chimú, erhielten lange nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient haben. Zum einen hat das Wetterphänomen El Niño an den Lehmbauten genagt, bis ihre Pracht nicht mehr zu erkennen war. Zum anderen haben die Inkas dafür gesorgt. Sie gaben die Entwicklungen und Kunstfertigkeiten eroberter Völker einfach als ihre eigenen aus. Und so erfuhr das nur kurz erstrahlte Inka-Reich viel Aufmerksamkeit, während die anderen Kulturen in Vergessenheit gerieten.
Schicht um Schicht in die Vergangenheit
Doch das soll anders werden, sagt Morales mit Nachdruck. Er zeigt auf seinen Mitarbeiter Cesar Cordova: "Sein Gesicht werden sie auf vielen der hier gefundenen Keramiken wiedererkennen." Denn Cesar Cordova ist Moche. Sie leben noch immer in dieser Region, die schon vor 1800 Jahren von ihren Vorfahren besiedelt wurde: im fruchtbaren Mochetal entlang des Rio Moche. Die Namensgebung lässt keinen Zweifel daran, wer hier mal das Sagen hatte. Und deshalb geht es nicht nur um Archäologie. Es geht auch um kulturelle Identität. Die Moche selbst sollen wieder stolz auf ihre Herkunft sein, ihre Wurzeln wieder entdecken und pflegen können.
Vom Dach der Mondpyramide zeigt sich die frühere Größe der alten Moche-Stadt. Einen halben Kilometer entfernt erhebt sich die Huaca del Sol 40 Meter hoch aus der Wüste. Die Archäologen forschen sich Schicht um Schicht zurück in die Vergangenheit. Die farbenprächtigen Reliefs und Fresken, die sie dabei finden, sind wie Geschichtsbücher: Krieger sind zu sehen und Gefangene, Menschenopfer, mystische Figuren, Fischer, Binsenboote – und nackte Hunde wie Uaypi.
Die zehn Kilometer entfernte Kolonialstadt Trujillo hat die Jahrhunderte seit ihrer Gründung im Jahr 1534 besser überstanden als die Lehmpyramiden. Beim Schlendern durch die Straßen fällt vor allem eines auf: das immerwährende Hupkonzert. Peruanerinnen verdrehen darauf angesprochen die Augen: "Machismo! Früher haben sie sich mit Pistolen duelliert, heute nehmen sie dazu ihre Autos." Den meisten Villen, Herrenhäusern und Kirchen rund um den Hauptplatz Plaza de Armas konnten weder die Geräuschkulisse noch Abgase oder El Niño viel anhaben – sie sehen fast aus wie neu.0
Hohe Schamenendichte in Chiclayo
In den Straßen stehen überall Frauen mit kleinen, bunten Verkaufsständen. Ein neugieriger Blick wird mit einem einladenden Winken beantwortet. Hier gibt es Unterstützung für alle Lebenslagen. Eine rote Kerze hilft in Liebesdingen, bei juristischen Problemen sollte dagegen eine blaue angezündet werden. Und für das allgemeine Glück gibt es die rot-schwarzen Huairuros aus dem Amazonas. Die Glücksbohnen sollte man immer dabei haben, rät die alte Dame.
Die Menschen sind hier sehr gläubig, davon zeugen auch die unzähligen Kirchen. Aber ausschließlich auf Gebete will man sich in Peru dann doch nicht verlassen. Die Rituale der präkolumbischen Völker wurden, etwas an die heutigen Bedürfnisse angepasst, in die Neuzeit herübergerettet.
Der Hauptumschlagort für Glücksbringer und Elixiere aller Art ist jedoch das 200 Kilometer entfernte Chiclayo. Nirgends ist die Schamanendichte höher. Sie sorgen dafür, dass Paare sich finden, der Rücken nicht mehr schmerzt oder ein Geschäftsabschluss gelingt. Doch es gibt auch die dunkle Seite der Macht: Manche Zauberpriester werden aufgesucht, wenn man einen Nebenbuhler loswerden will. Oder sich jemanden aus der Stadt wünscht. Da ist es besser, man benimmt sich als Tourist ganz anständig. Und besorgt sich etwas guten Zauber auf dem Mercado de Brujos, dem Hexenmarkt. Hier trifft sich, was in der Schamanenszene Rang und Namen hat. Kein Kraut, das es nicht gibt, kein unerfüllter Wunsch, für den hier nicht das richtige Mittelchen zu finden ist.
Räuber führten zur Entdeckung der Gräber der Herrscher von Sipan
Auch nebenan, im zauberfreien Teil des Mercado Modelo, geht es hoch her. Die Stimmen der Menschen scheinen sich über den Köpfen zu treffen und dort selbst noch mal ein Schwätzchen zu halten. Die Imbissbuden verströmen verführerische Gerüche. Hinter einem der Tresen stehen sechs Frauen und rufen den Vorbeigehenden zu: "Venga, sentase", "Komm und probiere". Angesichts der saftigen Kuchenstücke fällt die Entscheidung nicht schwer. "Ah, aus Alemania, wie gefällt es Ihnen hier?" Die Frauen sind fröhlich und selbstbewusst, echte Powerfrauen, bei denen man kaum glauben kann, dass Peru ein Land des Machismo ist.
Nicht weit entfernt von Chiclayo, im Museum in Lambayeque, hat ein Mann das Sagen, der dann auch gar nichts von einem Macho hat. Eher etwas von einem gütigen Indiana Jones mit Rauschebart. Seiner Aufmerksamkeit ist es zu verdanken, dass einer der entscheidendsten Moche-Funde überhaupt gemacht werden konnte. Der Archäologe Walter Alva wurde hellhörig, als 1987 auf dem Schwarzmarkt wertvolle Grabbeigaben auftauchten.
Es entspann sich eine nicht ganz ungefährliche Geschichte, bei der vorsichtige Nachforschungen, die Polizei und Grabräuber – Huaqueros – eine Rolle spielten. Und die schließlich mit der Entdeckung der reich bestückten Gräber der Herrscher von Sipán aus der Zeit um 300 nach Christus glücklich endete.
"Damit fing dann die Erforschung der Moche-Kultur erst richtig an", erzählt der Museumsdirektor und klingt dabei ganz bescheiden. Eigentlich wisse man auch jetzt noch nicht viel. Nur ein wenig aus der mittleren Epoche des Moche-Reiches, aber "wo sind die früheren Herrscher, wo die nachfolgenden?" Nicht nur für die Archäologen spannende Fragen.
Und Walter Alvas Engagement ist nicht zu bremsen. Auch die Sicán hat er unter seine Fittiche genommen. Und er hat sich dafür eingesetzt, dass der unberührte Trockenwald rund um die damals aufgegebene Hauptstadt der Moche, Batán Grande, zu einem Schutzgebiet wurde. Mehr als 20 Pyramiden verbergen sich 30 Kilometer von Chiclayo entfernt im Santuario Histórico Bosque de Pómac. Einige ragen über die Gipfel der Bäume hinaus und bieten den wenigen Besuchern einen atemberaubenden Blick auf den vor Hitze flimmernden Wald, der nur von dem weißen Band des Rio de la Leche durchschnitten wird. Und nebenan, in Tucumé, der letzten Hauptstadt der Sicán, durchsuchen derweil Dutzende Archäologen die Lehmschichten der 26 Pyramiden nach Gräbern, Schmuck und Keramiken.
Aber die Spannung steigt noch weiter: Vor kurzem hat das Team um Walter Alva ein Monument entdeckt, das aus der Zeit um 3000 vor Christus stammt. Die Erbauer: völlig unbekannt. Der Norden Perus ist eben immer noch etwas für Entdecker.


