Mitten in der Geröllwüste piept es zweimal im Rucksack. Eine SMS teilt mit, dass das Handy nun auf ein algerisches Netz eingestellt ist. Zunächst überwiegt die Überraschung: Toll, auch mitten im tunesischen Nirgendwo gibt es Mobilfunkempfang. Dann tritt daneben leichte Beunruhigung: Wie bitte, so nahe ist Algerien?

Stand nicht auf der Webseite des Auswärtigen Amtes, dass es Gefahren im Grenzgebiet gibt? – Fragen wie diese gehören ebenso zu Touren in die tunesische Wüste wie die bleibenden Eindrücke von Weite und Stille.

Nahe der Oasen Tozeur und Nefta kommt Sahara-Gefühl auf, ohne dass die Zivilisation zu sehr aus dem Blick gerät. Trotzdem wird die Region nicht von Touristen überrannt, und das hat seine Gründe. Tozeur, Nefta, die Bergoasen Chebika, Tamerza und Midès sowie die Stadt Douz südöstlich des großen Salzsees Chott el Jerid liegen am Rande der Sahara – was touristisch keineswegs immer von Vorteil ist. Denn beim Stichwort „Wüsten-Reisen“ fallen manchem heute als erstes Fälle von tagelang verschleppten Urlaubern ein; zuletzt kam es in Süd-Ägypten zu einer Geiselnahme.

Und auch zu Tunesien vermerkt das Auswärtige Amt in seinem Sicherheitshinweis ausdrücklich, dass im südlichen Grenzgebiet zu Algerien „weiterhin die Gefahr von Entführungen“ besteht. Von Individualreisen in dieser Gegend wird abgeraten. Wo genau das „südliche Grenzgebiet“ beginnt, wird vom Ministerium jedoch – auch auf Nachfrage – nicht erläutert.

Genau das sei ein Problem, sagt Naceur Mani, der Direktor des Tunesischen Fremdenverkehrsamtes in Deutschland. Tatsache sei, dass es aus Sicherheitsgründen in Süd-Tunesien Sperrgebiete gibt. „Die Leute werfen aber alles durcheinander und meiden auch sichere Orte“, sagt Mani, der den deutschen Sicherheitshinweis für „übertrieben“ hält. Aufenthalte in Tozeur, Nefta, Douz und den Bergoasen seien problemlos möglich. Einen Nonstop-Flug von Frankfurt/Main nach Tozeur gibt es schon seit einigen Jahren jedoch nicht mehr.

Großes Urlauberinteresse sieht anders aus. Dabei würde es durchaus lohnen, sich zum „Sahara-Schnuppern“ selbst in die Wüste zu schicken: Palmenoasen, weite Dünen und Pfade durch die Berge – all das bietet die Region. Wer auf der Straße von Tozeur nach Nefta fährt, fühlt sich keineswegs wie in einer Sicherheitszone. Die Polizei ist präsent, tritt aber nicht so martialisch auf wie in Ägypten. Mit der Maschinenpistole im Anschlag zeigt sich keiner der Beamten, die mit der Trillerpfeife die Autos auf der Straße dirigieren. Vor einer Gendarmeriestation stehen drei schnauzbärtige Uniformierte und rauchen – sie scheinen keine Sorge zu haben, dass der Tag noch schwere Herausforderungen mit sich bringt.

Die größte Gefahr, so scheint es, geht hier von Kamelen aus, die in der Ödnis zwischen Tozeur und Nefta die Piste kreuzen. Zumindest warnen blauweiße Hinweisschilder in Englisch, Französisch und Arabisch vor dieser Form des „Wildwechsels“.


Viel Verkehr gibt es nicht. Mal überholt ein Geländewagen ein Eselsfuhrwerk, dann kommt einem ein Pick-up entgegen, auf dessen Ladefläche ein Pferd steht. Beiderseits des Asphalts sollen flache Zäune verhindern, dass der Wind den Saharasand über die Straße weht. Nefta und Tozeur leben von den Dattelpalmen. Von den insgesamt 1,4 Millionen Palmen in Süd-Tunesien stehen allein in Nefta etwa 400.000, sagt Habib, der eine Reisegruppe durch die Altstadt führt.

Die Häuser sind am Rande des Palmenhaines gebaut, in dem auch Granatäpfel und andere Früchte wachsen und den drei Brunnen mit Wasser versorgen. Neftas Gassen sind eng und voller Sand, und manchmal erlaubt ein Spalt in der Tür einen Blick auf die staubigen Innenhöfe, wo Tauben und Hühner in der Erde scharren. Plötzlich knattert ein Moped um die Ecke, das in Mitteleuropa schon aus optischen Gründen längst aus dem Verkehr gezogen worden wäre. Der Teenager am Lenker plappert munter in sein Handy, während er an älteren Männern vorbeifährt, die vor den Häusern sitzen und den Touristen nachschauen. Der Muezzin ruft über Lautsprecher zum Gebet.

Wo für Star Wars gedreht wurde

In Nefta haben die Menschen 24 Moscheen zur Auswahl, erzählt Habib. Außerdem gibt es etwa 100 „Marabouts“ – kleine Gebäude, die über den Gräbern heiliger Männer errichtet wurden. Am zentralen Platz, der Place de la Libération, klingen später ganz andere Töne aus den Boxen: Eine arabische Version von „Macarena“ schallt aus dem Café, in dem Männer am offenen Fenster sitzen, Karten spielen und rauchen. Dem tonlosen Fernsehbild, das an der Wand flimmert, schenken sie keine Beachtung.

Die Stühle auf der Veranda sind fast alle besetzt – von Männern. Frauen sind auf den Straßen von Nefta kaum zu sehen. Einer der Läden an der Place de la Libération heißt „Star Wars“, zur Erinnerung an die „Krieg der Sterne“-Kultfilme, die in den 70er und 80er Jahren hier in der Nähe gedreht wurden. Manche Kulissen ragen noch aus der Sandwüste heraus. Im großen Stil als Attraktion vermarktet werden sie aber nicht, zum Teil verfallen sie immer mehr.

Dass dagegen „etwas getan werden müsste“, findet auch Tunesiens Touristenwerber Naceur Mani. Wer von Tozeur aus mit dem Auto nach Norden fährt, lernt nach der Sandwüste rasch zwei andere Landschaftsformen der Sahara kennen: Zuerst den Salzsee Chott el Gharsa, dann die östlichen Ausläufer des Atlasgebirges.

Der größte Teil des Salzsees liegt die meiste Zeit des Jahres trocken und weckt nach Tagen mit etwas Regen Erinnerungen an ein Wattenmeer bei Ebbe. Gefährlich wie in Karl Mays Roman „Durch die Wüste“, wo der große Fabulierer vom Verschwinden ganzer Karawanen im Schlamm der Chotts berichtet, ist eine Durchquerung heute nicht mehr: Eine Asphaltstraße sorgt für Sicherheit unter den Rädern. Sie führt nach Chebika, einer der drei Bergoasen. Die alten Lehmziegelhäuser des Dorfes sind in den 60er Jahren nach einem schweren Unwetter verlassen worden, doch nicht weit davon entfernt ist ein neuer Ort gewachsen.

Chebika: Ausgangspunkt für Tagestouren

Neben den Dattelpalmen spült heute auch der Tourismus Geld nach Chebika: Busgruppen werden durch ein schmales Tal zu einer warmen Quelle geführt, die auch im Herbst ihre 20 Grad hat und in der kleine Frösche schwimmen. Der Weg wird gesäumt von jungen Männern, die alles mögliche verkaufen wollen, vor allem bunte Halbedelsteine, allerlei Tinnef und die „Sandrosen“ genannten, bizarr geformten Kristallgebilde, die hier in der Wüste gefunden werden. Chebika ist Ausgangs- oder Endpunkt für Tagestouren durch die Wüste. Ohne ortskundigen Begleiter sollte sich aber niemand auf den Weg nach Tamerza machen, denn der Pfad ist so gut wie nicht markiert. „Karten von der Region hat nur das Militär“, sagt Wolfgang Krauland, ein Kärntner, dessen Unternehmen Wanderreisen anbietet, auch nach Tunesien.

Hilfe bietet der lokale Führer Mohammed, der genau weiß, welche Route er einschlagen muss – immerhin ist er die zehn Kilometer früher zur Schule gegangen, rund 500 Höhenmeter durch ein schattenloses Terrain. Nach einem ersten, einigermaßen steilen Anstieg ist der Trubel an der Quelle in Chebika schnell vergessen.

Es gibt so gut wie keine Vegetation, dafür aber Versteinerungen von Muscheln, die an das Urmeer erinnern, das vor Millionen von Jahren hier zu finden war. Auch Spuren von Tieren sind zu sehen: Füchse, Schlangen und vor allem Ziegen leben in dieser unwirtlichen Welt. „Es gibt keine Ablenkungen hier, man kann zu sich selbst kommen“, beschreibt Krauland die Motive vieler seiner Gäste, eine Wüstentour zu buchen. Wer die anderen Wanderer einige Dutzend Meter vorausgehen lässt, hört nichts außer dem Wind und sieht nichts außer den hellen Steinen auf dem trockenen Boden.

Ein Gefühl von Einsamkeit und Weite kommt auf, und der Eindruck, mitten in der größten Wüste der Welt angekommen zu sein. Das Wanderziel in Tamerza ist in diesem Augenblick schon fast in Sichtweite. Dort rauscht ein kleiner Wasserfall, Andenkenhändler haben in der Nähe ihre Stände mit Töpferwaren, Teppichen und Tüchern, mit „Sandrosen“ und Schmuck aufgestellt. Einer versucht, mit einer Tyrannosaurus-rex-Figur als Werbeträger seinen Umsatz anzukurbeln.

Doch viel Zulauf haben die Verkäufer an diesem Tag nicht, und weil niemand etwas kauft, wendet sich zumindest einer von ihnen rasch wieder seinem Mobiltelefon zu und plaudert munter drauflos. Auch die Handys der Wanderer zeigen längst wieder ein tunesisches Netz an.

dpa/heg