Reisen hat etwas Magisches, es verheißt die Faszination fremder Länder und Kulturen. Auch wenn wir dort manchmal enttäuscht sind, weil die Glitzerwelt der Prospekte und die Bilder in unseren Köpfen nicht mit der vorgefundenen Realität kompatibel sind. Warme Zufriedenheit breitet sich dennoch aus. Der Tourist empfindet Sehnsucht, ihn lockt ein fernes Ziel. Deshalb sieht man oft Zeitgenossen, in angespannter Erwartung und von einem seit der Kindheit mitgeschleppten, lange Zeit verschütteten und nun wieder aufbrechenden Fernweh.

"Es war ein Charterflug nach Tunesien", sagte mein Bekannter Hans O., der sich oft daran erinnert, wie es war, als er, ehemaliger DDR-Bürger, seinen ersten Pauschalurlaub antrat, der nicht in ein FDGB-Heim oder schon wieder an Bulgariens Goldküste führte, sondern frei gewählt und selbst gebucht war. "1990, ich war damals schon ein gestandenes Mannsbild, im vierten Lebensjahrzehnt, aber ich habe gezittert, als ich meinen Platz im Flieger einnahm. Die Welt hatte mich endlich."

Die Welt ruft, und wir folgen. Der Alltag wird abgeblockt, ausgeblendet, wie mit einem Spamfilter. Lärm und Unruhe an Flughäfen stören zwar, aber das ist vorbei, sobald wir im Flieger sitzen. Die Unfreundlichkeit des Personals ignorieren wir - denn es bleibt hier, wir fliegen in die Sonne. Wir sind glücklich, obwohl wir doch wissen, dass wir keine Reise ins Paradies gebucht haben.

Kritische Einwände neben beliebten Klischeebildern

30 international bekannte Künstler haben diese Welteroberungsstimmung in Ausstellungsarbeiten umgesetzt, die begeistern, anrühren, nachdenklich und wütend machen. Die Frankfurter Ausstellung zielt auf die Sinne ihrer Besucher, sie stellt kritische Einwände neben beliebte Klischeebilder von fotogen krummen Palmen, blütenweißen Stränden und bunten Cocktails, neben die obligatorische Urlaubssymbolik von Sehnsucht, Schönheit, Abenteuer und Erholung.

Sie fragt: Was ist zu halten von der weltgrößten Skihalle in Dubai, einem Wüstenland mit 42 Grad sommerlicher Durchschnittstemperatur? Brauchen wir künstliche Regenwälder, gigantische Shoppingwelten mit mehr als tausend Läden, verkitschte Disneyworld-Imaginationen oder betörende Vergnügungsoasen wie Las Vegas, das pro Jahr knapp 40 Millionen Neugierige anlockt? Wie wirken sich Inszenierungen von Landschaft auf dieselbe aus? Wie sinnvoll sind Schneekanonen in den Alpen?

Wie authentisch sind Wüstensafaris, auf denen PS-starke Jeeps ihre Spuren im Sand und ihre Insassen nicht selten ihren Müll hinterlassen? Welchen Reiz haben bewässerte Golfplätze in Ländern mit chronischem Wassermangel? In welchem Zusammenhang stehen Prostitution, Umweltverschmutzung und Tourismus? Was hat die Welt vom Zusammenprall von Reich und Arm, die das Reisen zwangsläufig mit sich bringt?

Tourismus, drittgrößter Wirtschaftszweig der Welt

"Die Spuren, die von Reisenden überall auf der Welt hinterlassen werden", schreibt Schirn-Direktor Max Hollein im Katalog, "sind sowohl Teil einer stetig wachsenden Tourismusbranche als auch der Anfang einer globalen Bewegung, die von Reichtum und Not gleichermaßen gekennzeichnet ist." Der Tourismus hat die Weltbevölkerung bis in letzte Winkel in Aufregung versetzt, er ist ein enorm bedeutsamer Wirtschaftszweig - der drittgrößte der Welt - und schafft fortlaufend neue Arbeitsplätze. Aber er relativiert und dezimiert Kulturen, Brauchtümer und Sitten. Er schafft als globale Bewegung eine Weltgesellschaft und weicht nationale Identitäten auf. Der Tourismus ist eine der großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Auch Flughäfen als Orte von Transitbewegungen ziehen viele Künstler in ihren Bann. Eine von ihnen, die Chinesin Yin Xiuzhen, fertigte aus alten, von Schirn-Mitarbeitern gespendeten Klamotten für ihre Arbeit "Portable Cities" ein dreidimensionales Stadtbild von Frankfurt am Main mit Hochhäusern aus Stoff, das sie in einen Reisekoffer einnähte und persönlich nach Deutschland transportierte.

Der Taiwaner Lee Mingwei flog für sein "The Tourist Project" im letzten Sommer ebenfalls nach Frankfurt und ließ sich von Einheimischen ihre Stadt zeigen. Ebbelwoi-Idylle unter Flugzeugrudeln am Himmel über der Mainstadt - die Bilder seiner Begegnungen hielt der Künstler für diese Ausstellung fest. Mit dem Blick des Fremden blicken die Ostasiaten aufgeschlossen, aber auch irritiert auf deutsche Befindlichkeiten.

Nicht viel anders fällt unser Blick aus. Wir schauen in der Ferne auf das, was wir nicht kennen, auf das, was nicht alltäglich ist, und versuchen es zu ergründen.

Handtücher auf Poolliegen

Der britische Künstler Martin Parr hat das festgehalten: Er begleitete Landsleute aus der Unterschicht mit der Kamera in ihren Urlaub und hielt ihr Verhalten fest, das zum Klischee gerann. Arten des Kofferpackens, überladene Büfetts, Handtücher auf Poolliegen - Ferien in einer kleinen Welt irgendwo in der großen weiten Welt. Stereotypen hat auch Reiner Riedler aus Österreich in seiner Fotoserie "Fake Holidays" gesammelt. Ein Adonis in Badehose inmitten von Bikininixen, aufdringliche Bauchladenverkäufer, die Hängematte als Rettungsnetz für Stressgeplagte, die Hafenmole als Flirtmeile, der Berggipfel für den Ausblick.

Die Künstler zeigen die touristische Realität in grotesken Abbildungen, andere verfremden sie und richten dabei den Fokus auf die Massen in den Städten, auf die blonde Europäerin, die in Kenia gut gebaute Massai taxiert, oder auf übergewichtige Menschen in aufgeplusterten Schwimmreifen, die in einem Pool planschen, der von einem Skilift überspannt ist. Aussichtspunkte ziehen die künstlerische Aufmerksamkeit auf sich - etwa die Verheißung blütenweißer, überbreiter Hotelbetten oder Bettenburgen als Erlebniswelten, die die Gäste zwei Wochen lang nicht ein einziges Mal verlassen.

Auch die Sphäre der boomenden Kreuzschifffahrt, des Bahntourismus und der Autobahnraststätten ist in der Schirn zu besichtigen, neben Hunderten von Accessoires, die Touristen als Souvenirs aus ihrem Urlaub mitbringen: Tickets, Papierschnipsel, Schlüsselanhänger, Kofferaufkleber, Sonnenhüte - und gestohlenes Kulturgut. Der Tourismus, das zeigt sich, macht alles möglich und vieles kaputt.