Lächelt sie, oder macht es die Atmosphäre, jene Aura ungezählter Gebete, die ihr seit Jahrhunderten zugeflüstert werden? So heilig ist die Marmorstele mit der kleinen Holzfigur, dass der Messdiener, der ihren samtenen Umhang mit einem Tuch berührt, sich nur rückwärts von ihr fortbewegen darf. Dabei ist nicht die Maria mit dem Jesuskind heilig, sondern der Ort. In Saragossa wollte die Muttergottes keine stumpfe Holzfigur oder ätherische Erscheinung sein wie in Lourdes oder Fatima. Sie kam selbst und höchstpersönlich, sprach dem erschöpften Apostel Jakobus gut zu, damit er die frohe Botschaft weiter verbreiten konnte.
Seit jenem legendären 2. Januar des Jahres 40 nach Christus wurde aus dem römischen Verkehrsknoten Caesaraugusta ein Wallfahrtsort mit dem ersten Marienheiligtum der Christenheit. Täglich von 6.45 Uhr bis 20.30 Uhr strömen die Menschen in die riesige Basílica del Pilar. Sie kommen mit Bussen aus ganz Europa angereist oder machen nur eben einen Schlenker, um kurz bei der Jungfrau Pilar vorbeizuschauen. So hilft Maria noch immer, auch den Souvenirgeschäften, die die Heilige Jungfrau in allen Formaten vorrätig haben.
Schön und gut, sagten sich die Tourismusplaner - nur wie schaffen wir es, dass die Besucher ein oder zwei Tage länger bleiben? Ein Wunder wäre gut, irgendetwas Neues und Großes, ein nachhaltiges Spektakel, damit die ganze Welt nach Saragossa schaut. Wer weiß, wer die Bitten der Bürokraten, Hoteliers und Einzelhändler gehört hat - denn genau das geschah: Saragossa wurde im Dezember 2003 zur Expo-Stadt gewählt.
Seitdem ist viel geschehen, zu viel sagen die Taxifahrer. Expo - ja, aber muss man alles auf einmal machen? Neue Autobahnen, Stadttrassen, Brücken und ganze Stadtteile. Warum nicht erst die Infrastruktur und dann das Expo-Areal? Aber dafür war keine Zeit. Saragossa hat in drei Jahren nachgeholt, wofür andere Städte Jahrzehnte brauchen. Die Hauptstadt Aragoniens ist im 21. Jahrhundert angekommen - zumindest teilweise.
Schon der Bahnhof Delicias, wo man dem rasenden AVE-Zug entsteigt, ist typisch für das neue Saragossa. Ob riesige Lagerhalle oder minimalistisches Kunstwerk - das Bauwerk wirkt auf alle Fälle sehr modern. Auch auf dem Bahnhofsplatz bleibt man im Bild der utopischen Gegenwart. Zum 700 Meter entfernten Expo-Areal führt eine Schwebebahn; und wer zu Fuß geht, flaniert auf einer nagelneuen Promenade, die in einem seltsamen Objekt mündet, das sich quasi wie ein Raumschiff über den Fluss Ebro gelegt hat.
Der Brückenpavillon der irakischen Stararchitektin Zaha Hadid ist schon jetzt das neue Wahrzeichen der Stadt. Allein für dieses Bauwerk, könnte man sagen, hat sich die Weltausstellung gelohnt. Die Brückenskulptur, in deren Innerem man sich über den verantwortlichen Umgang mit Wasser informiert, öffnet sich zur Expo-Seite hin wie die Blüten einer Gladiole - so zumindest sieht es die Pritzker-Preisträgerin.
Am anderen Ufer des Ebros wartet schon das nächste Architekturkunststück. Der Torre del Aqua ist ein 76 Meter hoher Glasturm ohne Zwischenetagen. Hauptdarsteller im Innern ist die Skulptur "Splash", die wie ein riesiger Wasserfall aussieht. Vom Dach des Wasserturms hat man die beste Aussicht über das neue Areal. Mit fußfreundlichen 25 Hektar ist die Weltausstellung eher klein. Im Unterschied zu früheren Expos hat nicht jedes Land seinen eigenen Pavillon. Bis auf die Gastgeber Spanien und die autonome Region Aragonien befinden sich die Länderpavillons in einem gemeinsamen Gebäudekomplex. Das ist einerseits schade, weil man nicht mehr die imposanten Länderarchitekturen bestaunen kann. Andererseits hat Saragossa so keine Probleme mit der Nachnutzung und hält die Kosten in Grenzen. Von oben erinnert der Komplex an Sandbänke, die hier und da aus den flachen Wassern des Ebro auftauchen.
All die Themen, Inszenierungen, Ausstellungen und schönen Bilder rund ums Thema Wasser überraschen in einer Stadt wie Saragossa. Durch die 650 000-Einwohner-Stadt fließt zwar der breite Ebro, "aber der Fluss führt wenig Wasser, man kann praktisch hindurchwaten", meint Marco Ferrer, Tourismuschef der Expo. Saragossa liege in einer weitgehend trockenen Steppenlandschaft, "daher kennt man Wasserprobleme aus erster Hand". Er hofft, dass Saragossa durch die spektakulären Bauwerke zur Expo "sehr europäisch und avantgardistisch" werden wird. So könnten die 1,65 Milliarden Euro, die auf dem Expo-Areal und in der Stadt verbaut wurden, eine lohnende Investition sein.
Auch wenn sich Saragossa gerade neu erfindet, heißt das nicht, dass man sich die Altstadt sparen sollte. Die Mudéjar-Türme, die Kathedrale La Seo, der Alfajería-Palast, das römische Theater und überhaupt die ruhigen Gassen der Altstadt machen erst das Lebensgefühl der Provinzhauptstadt aus. Saragossa will und kann sich nicht mit Barcelona, Madrid oder Sevilla messen, weder was den Rang der Sehenswürdigkeiten angeht noch die Intensität des Lebens. Aber das muss auch gar nicht sein, es macht einfach Spaß, kleine Plätze wie San Pedro Nolasco oder Santa Marta zu entdecken, einen Rotwein aus dem Somontano in der Stierkämpfer-Bar "Marpy" zu genießen und im Museum von Saragossa vorbeizuschauen und einige Frühwerke Goyas zu betrachten. Selbstverständlich gehört auch ein Besuch in der Basílica del Pilar dazu, die den Bewohnern Saragossas die Sicherheit gibt, dass ihre Stadt immer für ein Wunder gut ist.
*Anreise: Mit Iberia (www.iberia.com) von Frankfurt, 295 Euro.
* Expo: 14. Juni bis 14. September, Tagesticket 35 Euro, www.expozaragoza2008.es
*Auskunft: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Tel. 06123/991 34, www.spain.info



