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Nicht nur in München feiert man das Oktoberfest

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Hans Schloemer

Das Oktoberfest und bayerische Biergarten-Herrlichkeit werden weltweit begeistert gefeiert. Denn: Immer wenn auf der Münchner Theresienwiese geschunkelt wird, hat man es auch auf anderen Kontinenten gerne bajuwarisch. Morgenpost Online stellt die größten Veranstaltungen vor – von Kapstadt bis Shanghai

Bayerisch blau der Himmel, liebevoll betupft mit ein paar schneeweißen Wölkchen. 26 Grad im Schatten und dazu passend ein kräftiger Durst. Und wo bleiben unsere Bierchen? Ah, da kommen sie schon! Sechs Mass auf einmal schleppt das zarte Geschöpf. Respekt! Lächelnd und mit munter wippendem Dirndlsaum stellt die Kellnerin die Literkrüge auf den Holztisch: „Gesondheit!“ Wie bitte? „Cheers, Guys!“

„Zum Wohl“ auf Afrikaans und Englisch – das passt nicht ganz ins Bild aus bayerischem Biergarten und weißblauen Fahnen, aus Brezeln und Haxen, ebenso wenig wie die schwarze Hautfarbe des Serviermädels. Des Rätsels Lösung: Wir sind im deutschen Biergarten an der Waterfront, dem trubeligen Vergnügungsviertel auf den ehemaligen Docks von Kapstadt .

Egal ob Schwarz oder Weiß, hier an der Südspitze Afrikas wird bayerisch-gemütlich gefeiert und am Wochenende schon mal mittags auf den Tischen getanzt. Drinnen blinken mächtige kupferne Braukessel mit glänzenden Rohrleitungen und Armaturen, draußen spielt eine Band Bewährtes von den Rolling Stones. Dunkelhäutige junge Männer in Krachledernen balancieren riesige Tabletts mit Schweinebraten, Knödeln und Kraut durch die ausgelassen feiernde Menge. „Probieren Sie mal die Würstel“, ruft Braumeister Wolfgang Ködl, „Die stammen von einem deutschen Metzger aus Kapstadt. Schmecken besser als in München!“

Alle Jahre wieder pünktlich zur Oktoberfest-Gaudi braut Ködl ein Festbier, bernsteinfarben und süffig. „Die sind hier alle ganz narrisch auf guten Gerstensaft und bayerische Wirtshauskultur“, sagt der Biermeister, der streng nach dem deutschen Reinheitsgebot von 1516 braut. In seine blitzblanken Kessel kommen ausschließlich Hopfen, zu Braumalz verarbeitete Gerste, Hefe und Wasser. Und das mundet auch dem afrikanischen Gaumen ganz vortrefflich.

Mehr noch als die Goethe-Institute sind deutsche Biergärten Botschafter der Bundesrepublik – und das vor allem zum Oktoberfest. Immer wenn auf der Münchner Theresienwiese geschunkelt wird (Anstich in diesem Jahr am 19. September), hat man es auch auf anderen Kontinenten gerne bajuwarisch.

Das größte Oktoberfest außerhalb Deutschlands zieht 700.000 Besucher an und findet in Kitchener-Waterloo statt. Kitchener wo? Nun, die Stadt muss man nicht unbedingt kennen. Sie liegt in Kanada und ist stark von deutschen Einwanderern geprägt. Seit 1969 heißt es dort „O'zapft is!“

In Blumenau werden seit 1984 jeden Oktober die Dirndl und Lederhosen ausgepackt. 600.000 Menschen feiern dann bei Blasmusik und Samba das nach dem Karneval in Rio zweitgrößte Volksfest Brasiliens. Und mit immerhin einer halben Million Besuchern rechnet Cincinnati in Ohio, wo die „Gemütlichkeit Games“ ein besonderer Höhepunkt des Oktoberfestes sind.

Auch in Tokio schäumt ein eigenes Wies'n-Bier, eine original bayrische Blaskapelle fliegt ein, und statt Sushi stehen Semmelknödel auf der Speisekarte. In Saigon wird eigens der Jade-Ballsaal des „Windsor Plaza Hotels“ in ein Festzelt umfunktioniert, wo Vietnamesen bereits seit 18 Jahren Oktoberfest feiern. Ein Kuhglockenkonzert, ein Kasperle-Theater und ein „Bavarian Strongman“-Wettbewerb krönen wiederum die bierseligen Feierlichkeiten im australischen Brisbane .

Doch nirgendwo ist deutsche Biergarten-Herrlichkeit derart angesagt wie mehr als 8000 Kilometer östlich von München. So lockt das größte Bierfest Asiens jedes Jahr mehrere Millionen Besucher nach Qingdao an Chinas Ostküste. Das zwei Wochen andauernde Gelage beweist: Bier boomt gewaltig im Reich der Mitte. Längst ist die Volksrepublik zum größten Bierproduzenten der Welt aufgestiegen – vor den USA und Deutschland. In China stehen über tausend Brauereien. Die größte in Tsingtao (chinesisch: Qingdao) wurde 1903 von deutschen Kolonisten als Germania-Brauerei gegründet. Heute wird Tsingtao-Bier in über 50 Staaten exportiert.

Am beliebtesten ist beim chinesischen Bierfreund jedoch eine ordentliche Mass bayerischen Bieres. Die ist für ihn ebenso Statussymbol wie prickelnde Exotik. Chinesen lieben Klischees, und Deutschland verbinden sie zu gern mit Bayern, Bier und Oktoberfest. Als 1991 das erste Paulaner-Brauhaus in Peking eröffnet wurde, hatte außerhalb Chinas kaum jemand mit einem derartigen Erfolg gerechnet. In acht chinesischen Städten – darunter Shanghai und Nanking – hat sich der Münchner Exportschlager inzwischen etabliert. Ein Konzept, das Einheimische ebenso anzieht wie Besucher aus dem Ausland.

Zur Shanghaier Weltausstellung Expo im kommenden Jahr soll für rund vier Millionen Euro eine weitere Mikro-Brauerei im Stadtteil Pudong entstehen. Drei Brauhäuser finden sich bereits in der Mega-Stadt. Der schönste Biergarten liegt an der Uferpromenade des Hangpu-Flusses mit Traumblick auf die historische Straße „Bund“ und die Skyline von Shanghai. Im zugehörigen Brauhaus können Besucher den Brauprozess live miterleben. Warme Farben und viel Holz sorgen für eine heimelige Atmosphäre.

„Wir liefern unseren chinesischen Gästen die Illusion einer Reise nach Europa, einen Kurzurlaub in Bayern“, sagt Braumeister Rene Schwichtenberg. Wohl deshalb stecken die chinesischen Kellnerinnen in niedlichen Dirndln, tragen die Kellner Lederhosen, weiße Kniestrümpfe und rot-weiß karierte Hemden. Allerlei Deftiges kommt auf den Tisch wie Schweinshaxe, Rostbratwurst und ein knuspriger Gänsebraten.

Als Deutscher kann man über die Preise nur staunen, umgerechnet fast 15 Euro für eine Mass, soviel zahlt man nicht mal auf der Theresienwiese. „Das ist bewusst so kalkuliert“, sagt Schwichtenberg. „Etwas Besonderes muss für Chinesen auch einen besonderen Preis haben – sonst taugt es in ihren Augen nichts.“ Schwichtenberg arbeitet seit acht Jahren in Shanghai, er kennt die Trinkgewohnheiten der Chinesen und auch die Tricks, mit denen Westler gelegentlich unter den Tisch getrunken werden.

„Normalerweise vertragen Chinesen nicht so viel Alkohol wie Europäer“, erklärt der Braumeister. „Deswegen brauen wir auch kein Starkbier.“ Was viele Chinesen aber nicht davon abhält, sich mehr oder minder gepflegt die Kante zu geben. Ganz heftig kann es dabei für nichtsahnende „Langnasen“ kommen, die von einer chinesischen Delegation freundlich zum Bier eingeladen werden. Schwichtenberg: „Da sitzt du dann acht Mann gegenüber und musst mit jedem anstoßen. Gan bei – das heißt so viel wie ,Glas leeren'. Halleluja!“ Der Trick ist: Jedes Mal steht ein anderer Chinese auf und stößt mit dem Gast auf ex an. Nach einer kompletten Runde hat der Besucher acht Bier intus – und jeder Chinese nur eins.

Was man dagegen tun kann? „Auf deutsche Gepflogenheiten pochen und bei jedem Toast unbedingt mit allen am Tisch anstoßen. Sonst bist du verloren.“ Es kommt auch vor, dass beim Trinken streng delegiert wird. Schwichtenberg: „Ist der Chef blau, muss sein Stellvertreter weitersaufen.“

Gewisse Tücken haben deutsche Biergärten aber auch in Bangkok . Dass frittierte Heuschrecken zur Haxe gereicht werden, mag noch als Lokalkolorit gelten. Obacht sollte manch lebenslustiger Europäer allerdings beim Anbändeln walten lassen. Denn die Dame im Dirndl, die da das Bier serviert, mag zwar auf den ersten Blick umwerfend sexy und wohlgefällig ausschauen, auf den zweiten hat sich aber so manche als Katoey erwiesen. Katoey ist Thailändisch und bedeutet transsexuell.