Wären die Motoren nicht so laut, man könnte von andächtiger Stille sprechen. An Bord des Wasserflugzeugs, das uns von Male nach Velavaru bringt, verstummen peu à peu die – gebrüllten – Unterhaltungen. In unterschiedlichen Schattierungen von Türkis (die Lagunen, die die Insel umgeben), Weiß (Strand) und Grün (Palmen) schillern die unter uns vorbeiziehenden Inseln im tintenblauen Ozean. Demütig wird man angesichts dieses Anblicks und versteht plötzlich, was das Wort „Naturwunder“ bedeutet.
Gleichzeitig bin ich mitverantwortlich für den Untergang der 1190 Inseln. Allein der Flug von Frankfurt nach Male verursacht über 3000 Kilogramm CO²-Emissionen. Das Treibhausgas erwärmt die Erde, die Eiskappen der Pole schmelzen, und der Meeresspiegel steigt langsam an. Stimmen die Hochrechnungen der Vereinten Nationen, stehen in 100 Jahren die Malediven größtenteils unter Wasser.
Das „Angsana Velavaru“ liegt derweil noch über dem Meer, im touristisch wenig erschlossenen Süd-Nilandhe-Atoll, 40 Flugminuten südlich der Hauptinsel Male. In zwölf Minuten hat man die Insel umrundet. Zu Fuß. 61 Villen – und eine meeresbiologische Station. Hier wird versucht, die Urlauber für die zerbrechliche Schönheit der Unterwasserwelt zu sensibilisieren. Zweite Aufgabe der Station aber ist das Experimentieren mit Korallen. In der Lagune, wo das Wasser wärmer ist als außerhalb des Riffs, werden an zwei Stellen auf Betonblöcken und Eisengittern Korallen „angepflanzt“.
Gäste können beim Korallen-Transplantieren helfen
„1998, als ‚El Nino' die Wassertemperatur hier auf 33 Grad steigen ließ, starben zwischen 70 und 90 Prozent der Korallen. Bis heute haben sich ungefähr 40 Prozent wieder erholt“, sagt Abdul Asis Abdul Hakim. Der drahtige 60-Jährige ist Umweltbeauftragter der Banyan-Tree-Gruppe, zu der das „Angsana“ gehört. Das Unternehmen legt Wert auf soziale Verantwortung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit. So muss beispielsweise jedes Resort 2000 Bäume im Jahr pflanzen – um seine Klimabilanz zu verbessern.
„Seit 20 Jahren spiele ich mit Korallen“, sagt Asis, der bei seinen Experimenten nach besonders hitzeresistenten Arten sucht und künstliche Korallenriffe erprobt. Auf rechteckigen Eisengittern und mit Kabelbindern befestigt wachsen die Korallen seiner Erfahrung nach am besten. Auch die Gäste können beim Transplantieren helfen. Wo Asis am liebstem an jedem Resort solch künstliche Riffe errichten würde, sehen andere Forscher die Korallentransplantation eher kritisch. Die deutsche Meeresökologin Valeria Bers hält den Schutz bestehender Riffe für wesentlich wichtiger und plädiert für die Einrichtung eines Netzes strengerer Naturschutzgebiete.
Während die Gäste beim Frühstück sitzen, buddeln zwei Angestellte am Strand ein Loch und schaufeln den Inhalt ihrer mitgeführten Schubkarre hinein. Müllentsorgung auf Maledivisch? Mitnichten. Asis klärt auf: Die beiden haben am Strand scharfkantige Korallenteile eingesammelt – damit sich die barfuß laufenden Gäste nicht verletzen.
Auf den Resortinseln gehen die Uhren anders. Es gilt die Inselzeit. Und die ist angepasst an den Rhythmus der Gäste. Auf Velavaru ist man der Hauptstadt Male eine Stunde voraus. Wer will schließlich seinen Sundowner nachmittags um halb sechs nehmen? Strom spart die Zeitverschiebung außerdem. Schließlich muss jegliche Elektrizität auf den Inseln mittels Dieselgenerator erzeugt werden – nur langsam setzen sich Sonnenkollektoren durch. Das „Conrad Maldives Rangali Island“ im Ari-Atoll arbeitet an einem System zur Wärmerückgewinnung, das die Effizienz der Generatoren von 33 auf insgesamt 89 Prozent steigern soll.
Auf Rangali wird einmal im Monat, bei Vollmond, die Earth-Hour zelebriert: Für eine Stunde gehen alle nicht unbedingt notwendigen Lichter aus. Kerzenschein bringt dann Licht ins Inseldunkel. Ein kleines Zeichen, das nicht wehtut. Schließlich darf Umweltengagement im Luxusresort sich nie nach Verzicht anfühlen, die Gäste zahlen viel Geld für ihren Aufenthalt im Paradies. Ein perfekt ausgestattetes zudem – mit deutschem Joghurt, italienischem Schinken und französischem Champagner.
Zwei Mal in der Woche kommt das Versorgungsschiff nach Rangali (und ebenso oft das Müllschiff) und sorgt für Nachschub in den Vorratskammern. Das einzige Produkt, das wirklich im Überfluss vorhanden ist: Kokosnüsse. Doch auf Rangali versucht man sich ein bisschen unabhängiger von den Schiffslieferungen zu machen: Auf der Nachbarinsel Mandhoo gibt es eine Gärtnerei, in der Obst, Gemüse, Kräuter und Blumen angebaut werden. Zumindest beim Basilikum ist das „Conrad“ schon Selbstversorger. In Wasser sparenden Plastikrohrsystemen wachsen Salat und Melonen. Doch ein Ökoreiseziel werden die Malediven nie sein.
Die Malediven sind zu schön, um fernzubleiben
500000 Liter Süßwasser erzeugt das „Conrad“ jeden Tag per Meerwasserentsalzung, 400000 werden in den 150 Villen, sieben Restaurants und zwei Spas der üppig bewachsenen Doppelinsel verbraucht. In Glasflaschen abgefüllt, wird das sehr wohlschmeckende Wasser den Gästen (wie auch im „Angsana“) jeden Tag auf das Zimmer gebracht. Nicht jedoch beim Yoga und bei Bootsausflügen, hier gibt es importiertes Wasser aus Sri Lanka – in den üblichen Plastikflaschen.
Was unbedingt einmal gesagt werden muss: Die Malediven sind kein gutes Reiseziel für Frauen – zumindest wenn sie schuhverrückt sind. Denn Schuhe – also alles, was über Flipflops hinausgeht – sind auf den Inseln ähnlich nützlich wie Daunenwesten. Selbst das edle Unterwasserrestaurant „Ithaa“ auf Rangali ist ausdrücklich schuhfreie Zone. Dafür ist es der richtige Ort für das Ausführen des neuesten Sonnenbrillenmodells – zumindest zur Mittagszeit –, denn auch drei Meter unter dem Meeresspiegel blendet die Äquatorsonne. Wer seine eigene vergessen hat und beim Essen nicht die ganze Zeit die Augen zusammenkneifen will, dem reicht die freundliche Kellnerin ein Tablett mit einer Auswahl an Brillen: Darf es Chanel sein? Oder doch lieber ein Modell von Gucci?
Zum Menü gibt es eine Tafel zur Fischbestimmung. Draußen, über und neben der Plexiglasröhre, schwimmen Hunderte bunte Doktor-, Füsilier- und Papageienfische und schauen uns auf die Teller.
Von einem „außergewöhnlichen Naturerlebnis“, das Reisen auf die Malediven rechtfertige, hatte Valeria Bers gesprochen – auch wenn dort wirklich nachhaltiger Tourismus nicht möglich ist. Sie hat recht. Zu schön, um fernzubleiben.




