Urlaub im All: Der Traum beflügelt seit langem mutige Milliardäre und die kreativsten Köpfe der Raumfahrtbranche. Spätestens seit der US-Amerikaner Dennis Tito vor sechs Jahren als erster Gast die Internationale Weltraumstation ISS besuchte, ist ein Wettkampf um die Suche nach bequemen Reisen aus der Schwerelosigkeit in Gang gekommen. Ein komfortabler Flug um den Mond und ein entspannter Aufenthalt in aufblasbaren Space-Hotels gehören zu den kühnsten Projekten.

Bislang hat sich die europäische Industrie aus dem Zukunftsmarkt Weltraumtourismus rausgehalten. „Aber jetzt kommen wir“, sagt François Auque, Chef des europäischen Raumfahrtunternehmens und EADS-Ablegers Astrium. Nach zwei Jahren strikter Geheimhaltung hat das Unternehmen Mitte Juni in Paris seinen Plan für ein revolutionäres Raketenflugzeug enthüllt. Schon in fünf Jahren soll die erste Maschine, die eine Gruppe junger Ingenieure entworfen hat, mit vier Gästen an Bord ins All starten.

Die Maschine ist so groß wie ein kleiner Privatjet

„Es gibt eine tiefe Sehnsucht, den Weltraum zu erobern“, sagt Auque und kann nur mit Mühe seinen Enthusiasmus unterdrücken. „Es ist höchste Zeit, dass die Ambitionen auch in Europa endlich geweckt werden.“ Während er in der Kabine des neuen Konzeptflugzeuges sitzt, reibt er sich aufgeregt die Hände. Die Maschine ist so groß wie ein kleiner Privatjet, die vier querliegenden Passagiersessel sind knatschgelb. In der runden Zelle sind zahlreiche Griffe befestigt, wo sich die zukünftigen Touristen festhalten können, wenn die Maschine die Schwerelosigkeit erreicht. Aus den großen Bullaugen sind dann Atem raubende Blicke auf den blauen Planeten möglich.

Bei der Präsentation in Paris ließ sich das himmlische Vergnügen schon erahnen. Allerdings waren die Sterne in dem tiefschwarzen Saal nur leuchtende Steine, die Sphärenklänge kamen von einem Streichorchester.

Tatsächlich liegt Europa um Jahre zurück. Chinesen und Inder arbeiten längst mit Hochdruck an Raketenprojekten. Die russische Raumfahrtbehörde will in einer neuen Sojus-Kapsel Reisen um den Mond möglich machen, verrät aber noch keine Einzelheiten. Der Amerikaner Robert Bigelow will 2012 gleich mehrere kommerzielle Raumstationen in den Orbit schicken. Seine aufblasbaren Space-Hotels wurden bereits erfolgreich getestet.

Astrium steigt mit seinem Raumfahrzeug zunächst in den Wettkampf bei den so genannten suborbitalen Flügen ein. Dabei geht es um Kurztrips in die Schwerelosigkeit. Die magische Grenze liegt bei einer Höhe von 100 Kilometern, also zwischen der Flugroute von Passagierflugzeugen und der Umlaufbahn von Satelliten.

„Wer Mut und Geld hat, hat schon bei Branson gebucht“

Zu den Pionieren in dem Segment gehört der britische Milliardär Richard Branson. Er will schon im nächsten Jahr an Bord des SpaceShipTwo je bis zu acht Passagiere für 200.000 Dollar ins All bringen. Der Prototyp SpaceShipOne war vor drei Jahren das erste kommerzielle Flugzeug, das binnen einer Woche zwei Mal die Schwerelosigkeit erreichte, allerdings ohne Passagiere. „4000 Festbuchungen hat Branson schon für seine Trips“, sagt Raumfahrtexperte Matthias Gründer von der Fachzeitschrift „Flugrevue“. „Wer in den kommenden Jahren das Geld und den Mut für die Reise hat, hat sich bei ihm schon gemeldet.“

Für Astrium werde es deswegen schwer. Mit 15.000 All-Touris rechnet Konzernchef Auque ab 2020 jährlich. „Ein Drittel davon wollen wir bedienen. Der Markt ist vorhanden.“ Bis dahin ist eine Flotte von zwanzig Raketenflugzeugen geplant. Die Schubkabinen und Triebwerke – ein Antrieb mit einem Methan-Sauerstoff-Gemisch ist vorgesehen – sollen in Ottobrunn bei München produziert werden. Dort baut Astrium auch schon die Schubkammern für die Rakete „Ariane“. Bei der Finanzierung hofft man deswegen neben Privatinvestoren auf Unterstützung aus Bayern. Für die Entwicklung des Flugzeuges ist eine Partnerschaft mit der EADS-Tochter Socata vorgesehen.

Raketenflugzeug könnte von einem normalen Flughafen starten

Technisch hält Experte Gründer das Projekt für machbar. Das Raketenflugzeug könnte von einem normalen Flughafen starten. Bei einer Höhe von 12.000 Metern zünden die Raketentriebwerke und bringen das Geschoss mit Mach3 in 80 Sekunden auf 60 Kilometer.

Die Schubkraft reicht aus, um es dann bis auf eine Höhe von 100 Kilometer weiterschweben zu lassen. „Und für die Passagiere bleibt es die ganze Zeit bequem, es ist kein Spezialtraining notwendig“, sagt der technische Leiter Robert Lainé.

Neben der Finanzierung – rund eine Milliarde Euro laut Auque - sieht Gründer juristische Hürden für das Projekt. „Wer soll die Flüge versichern, und was für eine Lizenz soll die Maschine erhalten? Bislang sind das völlig offene Fragen, die bis 2012 kaum geklärt werden können.“

Er vermutet, dass Astrium mit dem Raketenflugzeug noch ein ganz anderes Ziel als den Weltraum ansteuert: Ein Reiseflugzeug für sehr weite Strecken, ein Überschall-Jet für Geschäftsreisende.

AP/heg