Morgens schälen sich die Bergrücken aus dem Frühnebel, als wären es schlafende Riesen. Die Sonne küsst sie wach und schickt ihr erstes frisches Licht aufs Wasser im azurblauen Pool, der sofort zu leben beginnt. Kleine Kräuselwellen spielen mit den Strahlen, fangen sie auf und werfen sie auf die lehmfarbene Wand im Schlafzimmer, die plötzlich scheinbar in Flammen aufgeht.
Im Dorf auf der anderen Seite des Tals ruft der Muezzin zum Gebet, Hunde bellen, zwei Esel schreien laut, und ich beginne den neuen Tag mit einem ungewohnten Klangteppich und einem verwunderten Staunen: Wo bin ich hier gelandet? Im Mittelalter? Im Orient? Oder an einem verwunschenen Platz außerhalb unserer Zeit und meiner Vorstellungskraft?
Ein Anwesen, das, einer Festung gleich
Eva Branson, die Mutter von Sir Richard Branson, erfolgreicher Erfinder des Musiklabels Virgin, Inhaber einer Fluggesellschaft und von zwei Handvoll Luxushäuser-Immobilien weltweit, hatte die Kasbah Tamodot eines Tages seiner Sammlung einverleibt. Ein Anwesen, das, einer Festung gleich, 1300 Meter hoch auf einem Hügel thront, mit weitem Blick ins Atlasgebirge, gebaut 1920 von einem marokkanischen Berberfürsten - ein Märchenpalast wie aus "1001 Nacht", mit Türmen und Zinnen, Kuppeln und Terrassen, Innenhöfen und Bassins.
Branson kaufte die Kasbah, eine gute Autostunde von Marrakesch entfernt, von einem italienischen Designer und Antiquitätenhändler, der das Haus in den vergangenen neun Jahren renoviert, neu ausstaffiert und bewohnt hatte. Branson nahm es kaum besehen - inklusive Interieur: ein buntes Sammelsurium aus Antiquitäten und Kunst aus Marokko, Indien, Indonesien und Italien. Kaum zu glauben, hier, am Ende der Welt, eine solche Schatzkammer vorfinden zu dürfen.
Treppen führen hinauf und hinunter, Zinnen, Kuppeln und Türme erheben sich in den weiten klaren Himmel, Innenhöfe öffnen sich, Wasser spielt in azurblauen Bassins und das leise Plätschern der Alabasterbrunnen verzuckert die Stille.
Orientalisches Paradies mit üppigen Gärten
Neun Jahre nach dem Kauf ist die Kasbah Tamadot zu einem orientalischen Labyrinth verschiedener Ebenen und Terrassen geworden; Höfe und Gänge, Pools und Räume, erscheinen kunstvoll ineinander verwoben, geheimnisvoll und doch gleichsam so heimelig, dass man am liebsten für immer hier bleiben will. Das könnte man sogar, denn Branson hat die Kasbah in ein Hotel mit 18 Zimmern und Suiten verwandelt, mit Indoor- und Outdoorpools, Tennisplatz und Spa-Bereich. Dagmar und Gay Lombard, das deutsch-französische Gastgeberpaar, setzten dazu ihre Ideen vom orientalischen Paradies um, ließen üppige Gärten anlegen, gestalteten die Räume mit Farben und vielen sorgsam ausgewählten Details neu. Sie erschufen kleine, stilvolle Inseln zum Relaxen - wie diese herrliche Dachterrasse, über der nachts das Sternenzelt funkelt.
Morgens hier, auf dem Balkon des Restaurants, zu sitzen, das köstliche marokkanische Frühstück zu genießen, das jedes Mal wieder überrascht, und dazu die Vögel in den Baumwipfeln zwitschern zu hören - das ist für mich Glück hoch drei! Abdu hat den Geländewagen vor das schwere Holztor gefahren. Es ist Zeit für einen Ausflug ins Gebirge. Kurve um Kurve schraubt er sich und seine Gäste in die karge Landschaft hoch, die ihre geologische Beschaffenheit auch dem Laien verrät.
Er fährt durch kleine Dörfer, die sich an die Bergrücken klammern, rostbraun wie der Lehm, aus dem sie gemacht sind. Esel ziehen murrend ihre schwere Last in die Höhe, Kinder hüten am staubigen Straßenrand die Ziegen und winken schüchtern den Fremden, die ihnen wie aus einer anderen Welt zu kommen scheinen. Der Hohe Atlas in der Mitte von Marokko ist ein noch fast unentdecktes Abenteuerland.
Reizvolles Terrain für Wanderer, Mountainbiker und Bergsteiger
Bis auf über 4000 Meter recken sich seine Gipfel schneebedeckt in den nordafrikanischen Himmel. In den Dörfern, die an den Hängen kleben, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Doch langsam erreicht ein zum Glück naturnaher Tourismus auch diese Enklaven: Die Landschaft bietet ein reizvolles Terrain für Wanderer, Mountainbiker und Bergsteiger. Im Winter kann man hier sogar Ski laufen.
Es ist ziemlich heiß in der Küche, aber Mustafa stört das nicht. Er pult Hühnchenfleisch von den Knochen, schneidet Paprika und lässt mich an den Gewürzen und Kräutern aus "1001 Nacht" schnuppern: Zimt und Ingwer, Kreuzkümmel und Safran, Koriander und Pfeffer. Und dann entstehen aus Hühnchen und Mandeln, Eiern und Puderzucker, Zimt und Brickteig kleine, köstliche Pasteten, die die ganze Fantasie des Orients in kleine Geschmackspakete bündeln. Mustafa stammt wie fast alle seiner 110 Kollegen aus den Dörfern, die die Kasbah Tamadot umgeben.
Vier Jahre bevor das Hotel eröffnete, schickte Richard Branson einen Lehrer in den Hohen Atlas, der den Bewohnern Englisch beibrachte. Schulungen im Hotelfach folgten, und nun hat das Luxushaus nicht nur perfektes Personal, sondern auch eines der freundlichsten und herzlichsten des Landes. "Marokko ist großartig, der Hohe Atlas ist großartig, die Kasbah Tamadot ist großartig. Aber das Wundervollste hier, das sind die Menschen!", sagt James, der Weltenbummler aus London, der schon viel gesehen hat.
Und er hat noch einen Tipp: "Bevor du dich wieder aus dem Orient verabschiedest, musst du noch einmal tief in ihn eintauchen: in der Medina von Marrakesch, wo du dich im Labyrinth der jahrhundertealten Suks verlaufen, verlieren musst. Das ist ein Traum aus 1001 Nacht!"

