Vorbei die Zeiten trostloser Jugendherbergen, dünnem Kakao und Schnitzeljagd oder ein Besuch im örtlichen Heimatmuseum als typische Freizeitbeschäftigung. Heute ist eine ausgeklügelte Kombination aus Freizeitvergnügen und Wissensvermittlung bei Klassenreisen gefragt. Schulfahrten sind zu einem attraktiven Geschäftsfeld für Reiseveranstalter geworden. Denn jedes Jahr gehen zwei Millionen deutsche Schüler auf große Fahrt. Der Jahresumsatz wird von den Experten auf 300 bis 800 Millionen Euro Umsatz geschätzt.
Fortsetzung des Unterrichts mit anderen Mitteln
Pädagogisch korrekt ausgedrückt sind Klassenfahrten eigentlich keine Urlaubsreisen, sondern die Fortsetzung des Unterrichts mit anderen Mitteln, weshalb sie auch grundsätzlich nur zwischen Montag und Freitag stattfinden. Sie basieren auf einer freiwilligen Lehrerleistung.
Auf dem Rittergut Barnstedt bei Lüneburg. Zwei dritte Klassen mit Lehrern reisen an, schwärmen aus und suchen im umliegenden Gelände nach Kräutern oder machen sich mit Feuereifer an die Gestaltung ihrer mittelalterlichen Kleidung. Ein Zaubertrank später und die Kinder befinden sich im Jahr 1107, auf dem Land des mysteriösen Grafen Karl - das Mittelalter-Abenteuer hat begonnen. Markus Kristen, Geschäftsführer von Abenteuercamps Umweltpädagogische Erlebnisreisen e.V. hat sein Angebot - nämlich Mittelalter- und Indianer-Spielgeschichten - ganz auf die Bedürfnisse seiner neun-bis elfjährigen Kunden ausgerichtet.
Bevor die Zeitreise beginnt, geben sich die Kinder mittelalterlich anmutende Namen und wählen einen Beruf. So werden sie Mitglied in verschiedenen Zünften wie der Hexen-, Gaukler- oder Handwerkszunft und widmen sich ihren berufsspezifischen Fertigkeiten. Die kleinen Gaukler üben sich in Akrobatik und Jonglieren, die Hexen in Heilkräuterkunde,und die Handwerker schnitzen Löffel oder nähen Lederschuhe. Zum Abenteuer gehört außerdem die Verfolgung der Hexen und Gaukler durch den Grafen, die Rückeroberung eines gestohlenen Zauberschwerts sowie die Suche nach einem verborgenen Schatz.
Pädagogischen Ansatz mit fantasievollem Freizeitangebot
"Abenteuercamps" bietet mit seinem Angebot für dritte und vierte Klassen einen umfassenden Service, der einen pädagogischen Ansatz mit einem fantasievollen Freizeitangebot kombiniert. Das ist wichtig, um am heutigen Markt zu bestehen, denn "die Ansprüche an Klassenreisen sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen", sagt auch Thomas Gehlen, Geschäftsführer der RUF Jugendreisen Trend Touristik: "Kinder und Jugendliche sind heute bereits reiseerfahren und wissen genau, was sie wollen."
Das Grundangebot für Klassenreisen besteht aus Transfer, Übernachtung und Verpflegung, "darüber hinaus machen wir alles möglich, arrangieren je nach Zielort etwa Freizeitangebote wie eine vom Förster geführte Wanderung oder einen Besuch beim Kinderbauernhof", sagt auch Fritz Gläser, Inhaber von F&F-Reisen, einem Spezialreiseveranstalter für Kinder, Jugend und Familie, der vor allem Klassenreisen in die neuen Bundesländer anbietet. "Hier kommen wir auf etwa 80 verschiedene Angebote", schätzt er. "Aber wir bieten auch individuell maßgeschneiderte Klassenreisen." Wichtig sei vor allem "die Zusammenarbeit mit dem Lehrer, denn der vermittelt die Interessenlage der Schüler und wir konzipieren dann ein altersgerechtes Angebot."
Begegnung mit Kultur und Sprache der Gastregion
Zwar dienen Klassenreisen nach wie vor dem Sozialgefüge innerhalb der Gruppe, darüber hinaus gehe es aber auch um die Begegnung mit Kultur und Sprache der Gastregion, da sei eine entsprechende Vorbereitung sinnvoll. Besonders, wenn es ins Ausland gehe. Thomas Gehlen: "Unser Stärke sind Auslandsangebote, die werden gern für Abiturfahrten oder Abschlussklassenreisen gebucht." Und welches Land ist bei den Jugendlichen besonders beliebt? "Spanien" , sagt Gehlen ohne Zögern, "sowie die großen Städte: Prag, Rom und London. Aber auch Berlin ist seit einigen Jahren ausgesprochen beliebt."
Marion Lambeck, Studienrätin aus Schleswig-Holstein, fährt bereits zum siebten Mal mit Schülern in die Hauptstadt. "Auf Einladung eines Abgeordneten geht es in den Bundestag, wo wir eine Sitzung miterleben und später mit ihm diskutieren." Organisation und Aufgaben des Bundestages würden natürlich vorher im Unterricht erarbeitet, erklärt Lambeck. "Über das Reiseziel stimmen die Schüler demokratisch ab und bereiten auch einzelne Programmpunkte vor".
Trotzdem bleibt für Lambeck und ihre Kollegen noch mehr als genug Arbeit. Deshalb arbeitet die Lehrerin seit zwei Jahren mit einem professionellen Veranstalter zusammen. "Schon der Basisservice ist nicht zu unterschätzen. So liegen im Hotel für alle 60 Schüler Fahrkarten bereit - die müssten wir sonst für jeden Einzelnen am Automaten ziehen." Außerdem werden Stadtpläne zur Verfügung gestellt, Besuche sind angemeldet und eine geführte Stadtrundfahrt ist geplant. "Dabei ist wichtig, dass sich die Anbieter auf das Alters- und Interessenniveau unserer Schüler einstellen".
Auch das Freizeitangebot ist englischsprachig
Doch nicht nur bei Veranstaltern und in den Schulen macht sich das veränderte Interessenniveau der Schüler bemerkbar. So stellt sich etwa das Personal der "Jugendherberge Warnemünde" ganz besonders auf seine Gäste ein: Wann immer es auf die Schüler trifft, wird ausschließlich Englisch gesprochen. Das ist Teil des neuen Klassenfahrt-Angebots von der Firma English for Professionals. "Die Schüler werden von Muttersprachler während des gesamten fünftägigen Aufenthalts begleitet. Auf dem Programm stehen täglich drei Stunden Englischunterricht, und auch das Freizeitangebot ist englischsprachig gestaltet", erklärt Geschäftsführerin Eveline Goodman-Hedtke. Ob Hafenrundfahrt, Stadtführung oder ein Spieleabend, stets heißt es "Let's speak English."
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