Norachai ist ein Dreikäsehoch mit enormer Energie. Unermüdlich zieht er einen breiten Holzrechen durch den feinen Sand von Pa Sai Beach. Um ihn herum sind mindestens weitere 50 Kinder beschäftigt. „Beach cleaning“ nennen sie das. Doch obwohl der Pa Sai Beach zu den längsten und beliebtesten Stränden auf Koh Yao Noi zählt, gibt es hier wenig zu säubern. Bestenfalls ein paar herabgefallene Blätter von den tief über den Boden hängenden Mangroven oder ein paar Bambusrohre. Trotzdem sind die Kinder mit Feuereifer bei der Sache, zum Schluss werden sie verschwitzt in die warmen Fluten der Andamanensee tauchen. Der Strand sieht dann aus, als sei er beim Friseur gewesen.
„Beach cleaning“ gehört zum Umweltunterricht des „Koh Yao Children Community Center“, das allen Kindern offen steht. Sie können dort Englisch lernen, Musik machen, Tischtennis und an Computern spielen. Gegründet wurde es von zwei Schweizern: „Als ich vor rund zehn Jahren zum ersten Mal nach Koh Yao Noi kam, gab es nicht einmal Strom“, sagt der Zürcher Markus Frey. „Die 4000 Inselbewohner lebten vom Fischfang und von ihren kleinen Gummibaum-Plantagen.“ Das tun sie bis heute, auch wenn inzwischen mit dem Tourismus ein wenig Wohlstand auf das Eiland kam. Gleichwohl ist Koh Yao Noi weit weniger überlaufen als die meisten anderen Inseln im Süden Thailands.
Die zwei Schweizer stehen auch hinter dem luxuriösen „Six Senses Hideaway Yao Noi“, das im Spätherbst 2007 eröffnet wurde und seither von internationalen Reisemagazinen mit Lob überhäuft wurde. Kein Wunder. Die Anlage bietet viele Annehmlichkeiten: Die Bungalows sind mindestens 150 Quadratmeter groß und haben einen eigenen Pool. Die Einrichtung ist edel und der Blick von den hoch über der Phang-Nga-Bucht gelegenen Villen auf die Koh-Hong-Kalksteinfelsen beeindruckend. Das noch sehr unberührte Eiland trennen zwar nur 40 Schnellboot-Minuten von Phuket. Doch die „gefühlte“ Distanz ist weitaus größer. Wer auf den wenigen asphaltierten Straßen durch die tropische Landschaft fährt, glaubt sich in das Thailand von vor hundert Jahren zurückversetzt: Wasserbüffel äsen träge in den Reisfeldern, Affen turnen durch Mangrovenwälder, Ziegen schlafen am Straßenrand.
Die namenlose Insel-Kapitale, von Einheimischen schlicht City genannt, besteht aus einer Straßenkreuzung mit einem guten Dutzend Marktständen und ein paar Hütten. Eine Bank mit Geldautomat, eine Apotheke und ein Friseur zählen zur städtischen Infrastruktur, zudem eine Schule und eine Moschee.
95 Prozent der Einwohner von Koh Yao Noi sind Muslime, aber keine von der strammen Sorte, viele Insulaner glauben nämlich auch an Geister und an Wunder wie jene des holy pond, einem sagenumwobenen Wasserloch an der Westküste der Insel, dessen Gewässer angeblich die Manneskraft stärken, sie in besonders schweren Fällen sogar wiederherstellen können.
Zwischen City und holy pond befindet sich eines der malerischsten Dörfer der Insel: Ban Oh Pao, eine Fischersiedlung über dem Wasser, die Wohnhäuser sind aus Holz gezimmert und schweben über einer türkisblauen Lagune. Unter den Hütten sind Netze und aus Bambus geformte Körbe zu sehen. Sie werden nachts ins Wasser gesenkt und Stunden später mit üppiger Beute nach oben gezogen. Ban Oh Pao lockt denn auch mit einem der besten Insel-Restaurants. Das „Pradu Seafood Restaurant“ ist zwar kaum mehr als eine hölzerne Plattform auf Stelzen, doch die einfachen Tische sind schön gedeckt, die Gerichte sind köstlich und die Kulisse wogender Reisfelder ist perfekt.
Eine andere gute Adresse ist das „Good View Restaurant“ im Süden der Insel. Gleich am Eingang stehen Wasserbecken mit Hummern, Krebsen und Garnelen. Garoupas und Tintenfische sind fangfrisch in der Küche zu begutachten, und wer möchte, kann sich ein Dutzend der frischen Austern öffnen lassen.
Wer genug von der Insel gesehen hat, mietet sich eines der typischen Longboats mit Fahrer und fährt knatternd durch die spektakuläre Felsenlandschaft der Phang-Nga-Bucht. Richtig: Das ist die Bucht, die in den 70er-Jahren Filmgeschichte machte, als rund um die Insel Koh Khao Phing Kann Teile des James-Bond-Streifens „Der Mann mit dem goldenen Colt“ gedreht wurden. Heute nimmt ein lang gezogener Souvenirstand fast den gesamten Strand ein.
Naturfreunde werden sich eher für die unzähligen unbewohnten Kalksteinfelsen mit ihren Hongs begeistern. Hongs sind prähistorische Höhlen, die man je nach Meerwasserstand entweder per Boot oder zu Fuß erkunden kann. Und zum Ende des Ausflugs steuern die Longboats eine idyllische Badeinsel an – einsame Buchten und unberührte Strände gibt es hier tatsächlich noch. Für einen kurzen Moment denkt man: Schade eigentlich, dass es hier keine Internet-Cafés gibt, aus denen man Bilder an die Lieben daheim verschicken kann. Doch dann überwiegt das Glücksgefühl, dass man diesen schönen Winkel ganz für sich allein hat.




