Noch ein Bier? Na klar, eins geht noch. Erlend, der 26-jährige Snowboarder aus Norwegen, lehnt sich gegen die Menschenmenge am Tresen und versucht, dem Barkeeper seine Bestellung durchzumorsen. Keine leichte Aufgabe, denn heute Abend ist wieder mal Hochbetrieb im "Base Camp", dem Treffpunkt der Snowboarder im bulgarischen Skidorf Bansko.

Seit 2003 schon fährt er mit seinem Kumpel Gard jedes Jahr zum Wintersport nach Bansko. Dem Rummel der Alpen entfliehen, nennt er das - er meint die Pisten, nicht die Bars. Und er meint die Preise. Die bulgarische Familie, bei der er zusammen mit Gard ein Zimmer gemietet hat, berechnet dafür gerade einmal 20 Leva pro Nacht, das sind zehn Euro. Für das Bier im "Base Camp" muss er umgerechnet bloß eineinhalb Euro hinlegen. Das ist so wenig, dass es sich die beiden Norweger leisten können, jedes Jahr einen ganzen Monat in Bansko zu bleiben.

Bulgarien steht hoch im Kurs bei Skifahrern, die für eine Woche im Schnee nicht gleich einen Kredit aufnehmen wollen und trotzdem etwas geboten bekommen wollen.

Dabei weckt das Land am östlichen Rand der Europäischen Union dank seiner Schwarzmeerküste immer noch eher Assoziationen an Liegestühle denn an Snowboards. Doch im Süden Bulgariens türmen sich hochalpin anmutende Gebirgsmassive auf. Die beiden Skigebiete Bansko und Borowez bieten jeweils mehr als 50 Kilometer Piste. Mit so einem Angebot zählt man auch in Österreich schon zu den besseren Adressen.

Der Skiverleih verfügt über die neuesten Modelle

Bansko, zwei Stunden Fahrzeit von der Hauptstadt Sofia entfernt, gehört das am besten ausgestattete Skigebiet Osteuropas. Seit die örtliche Liftgesellschaft vor ein paar Jahren 40 Millionen Euro in das vorsintflutliche Pistenareal rund um den 2746 Meter hohen Gipfel des Todorka gepumpt hat, herrschen dort Bedingungen, wie sie in den Alpen nicht besser sein könnten: Walzen und Schneekanonen präparieren die Pisten.

Die hochmoderne Talstation der nagelneuen Kabinenbahn ist mit Teppich ausgelegt; über Flachbildschirme flimmern aktuelle Pistenbilder. Der Skiverleih verfügt über die neuesten Modelle. Und neben dem Skischulbüro steht ein funktionierender Geldautomat - ansonsten eine Seltenheit in Bulgarien.

Das Publikum ist international. In Bansko schwingen dänische Internatsklassen, wohlhabende Bulgaren, junge Russinnen in schicken Overalls und griechische Großfamilien über die Hänge. Der Sechs-Tage-Skipass kostet 140 Euro. Und die Unterkunfts- und Nebenkosten halten sich schön in Grenzen.

Anders als in den Alpen werden die Skiferien außerdem mit reichlich balkanischer Exotik gewürzt. Ungewohntes begegnet einem schon bei der Autofahrt vom Flughafen Sofia ins Gebirge. Die Ortsschilder sind auf Kyrillisch geschrieben; am Straßenrand stehen Bauern und bieten Säcke mit Kartoffeln feil. Eselskarren rumpeln vorbei, frierende Gestalten auf dem Bock. Hin und wieder prescht ein Geländewagen mit Hauptstadtkennzeichen, verdunkelten Scheiben und Skisarg auf dem Dach durch die Schlaglöcher.

Bansko hat ein doppeltes Gesicht

Während die neu gebauten Hotels und Apartmenthäuser fast alle am Stadtrand liegen, macht der Ort selbst, ein altes und gewachsenes Städtchen, einen seltsam unbeteiligten Eindruck.

Die Häuser sind aus runden Flusskieseln und viel Holz erbaut; über geschnitzte Eingangstore ranken sich armdicke Klematisstämme. In Kopfsteingassen sind alte Frauen mit Kopftuch und Gummigaloschen unterwegs. Ein paar Wintersportler in grellen Funktionssoutfits, die tagsüber mit ihren Skistiefeln durch die stillen Straßen knallen, wirken in diesem alt-bulgarischen Idyll wie Marsmenschen. Erst abends gerät die Szenerie in Bewegung. Dann erwacht nicht nur das "Base Camp" zum Leben, sondern auch die vielen "Mechanas" von Bansko, traditionsreiche Wirtschaften, in denen zu Kaminfeuer, Bier und viel Gesang gewaltige Fleischspieße aufgetragen werden.

Eine ganz andere Art von Ski-Exotik herrscht in Borowez, das ebenfalls im Süden Bulgariens im Rila-Gebirge liegt. Das älteste Skiresort des Landes wurde Ende der 70er-Jahre als Retortenstation errichtet. Hotels im sozialistischen Stil prägen das Bild, zehn Stockwerke hoch und mit steil abfallenden Dächern, die wohl an Berghänge oder Nadelbäume erinnern sollen. Das "Samokow" hat nur 294 Zimmer und vier Lifts, dafür aber eine Speisesaal, dessen bombastische Decke aus polierten Alu-Röhren wie geschaffen scheint für einen Auftritt des DDR-Fernsehballetts. In den Kunstleder-Fauteuils der zugigen Halle lassen sich englische Familien von gleichgültigen Kellnern Tee und Bier servieren. Abends setzen sich junge Bulgarinnen mit platinblonden Haaren und unmoralischen Absichten an die Bar und wippen mit gefährlich hohen Stiefelabsätzen.

Zwischen Grillhütten, Erotikbars und Wechselstuben

In Borowez blühen Gastronomie und Einzelhandel in zwei völlig vereisten Budengassen, die nach Landessitte offenbar nie gestreut werden. Die Skier unter die Arme geklemmt, schlittern die Urlauber zwischen Grillhütten, Erotikbars, Wechselstuben und Sportartikelgeschäften hin und her.

Das Skigebiet am fast 3000 Meter hohen Musala, einer eleganten Pyramide mit weiß gleißenden Flanken und höchster Gipfel des Landes, umfasst satte 50 Pistenkilometer. Nur mit der Infrastruktur hapert es; in die wurde seit den Gründertagen nicht allzu viel investiert. Die Schlange vor der alten und kapazitätsschwachen Kabinenbahn, die ins Skigebiet hinaufzuckelt, wächst bis tief in den verschneiten Fichtenwald hinein und rückt nur dank der starken englischen Präsenz diszipliniert nach vorn. Oben warten antiquierte Einer-Schlepplifte.

Das könnte sich allerdings bald ändern. Denn auch in Borowez soll es spätestens im Jahr 2012 vorbei sein mit dem sympathisch-postsozialistischen Gewurstel. "Super-Borowez" heißt das von der bulgarischen Regierung vor sechs Monaten angekündigte Projekt. Es sieht Investitionen von 500 Millionen Euro in Lifts, neue Pisten und nagelneue Feriendörfer vor. Dann wird Borowez zum teuren "Premium-Skiresort".

Skiabenteuer, Studenten und sparsame Wintersporttouristen werden sich dann wohl neue Ziele außerhalb Bulgariens suchen müssen. Erlend und Gard, die am nächsten Morgen etwas verkatert vor der Skihütte "Teekessel" in Bansko sitzen, haben sich schon Gedanken gemacht. "Wo es jetzt ja ganz cool sein soll", sagt Gard und spuckt etwas Kautabaksaft in den Schnee, "ist Rumänien."