Es wird an diesem Tag 16.37 Uhr, bis Michele Petritsch auf die ersten Raser des Tages stößt, die im deutschen Sprachraum zutreffend auch „Pistensau“ genannt werden. Gerade steht der Carabiniere mit seinem Motorschlitten am sogenannten Fun-Park im Südtiroler Grödnertal und fordert herumhockende Snowboarder mit einem freundlichen, aber bestimmten „weiter geht’s“ dazu auf, die Piste frei zu machen, da rasen drei, vier Skifahrer wie Pfeile quer über die Piste, hinüber zum Schlepplift Nummer 58.
Hinter ihnen staubt der Schnee, hinter ihnen dröhnt jetzt auch der Motorschlitten, mit dem Petritsch die Verfolgung aufnimmt. Das Blaulicht blinkt, die Sirene heult. „Die nicht fahren lassen“, ruft der Polizist dem Lifthelfer zu, dann bremst er scharf, stellt den Motor ab und ruft im deutsch-italienischen Sprachmischmasch Südtirols: „So, ragazzi, Jungs, avanti, jetzt mal herkommen.“
Die gestellten Pistensäue schauen, als wären Marsmenschen gelandet. Aber Petritsch ist ganz echt. Er ist Beamter der Carabinieri, der Polizeieinheit der italienischen Armee, und als solcher dafür zuständig, hier oben in den Bergen die Sicherheit der Skifahrer zu garantieren. Ja, so ist das in Italien: Die Sicherheit auf der Piste ist Sache des Staates, nicht des Pistenbetreibers oder des Skiverbandes wie in Deutschland. Wer hier gegen die Pistenregeln verstößt, der kriegt es mit dem Staat zu tun.
"Gegen die Arroganz auf der Piste“
Seit 2003 gibt es ein Gesetz zur Pistensicherheit, derzeit läuft eine weitere große Aufklärungskampagne der Regierung: "Gegen die Arroganz auf der Piste“ steht auf den Plakaten, darunter der Unterzeichner: "Der Ministerpräsident“. Muss Italien im Fach Müllentsorgung – wie derzeit in Neapel – nachsitzen, ist es bei der Pistensicherheit europaweit vorbildlich.
Polizist Petritsch nimmt es entsprechend genau: "Jetzt zeigts mir mal eure Skipässe und die Ausweise“, sagt er zu den Skifahrern, die eben so stürmisch die Piste kreuzten. "Sagen Sie das denn jetzt unseren Eltern?“ fragt einer. Die vom Carabiniere gestoppten Jungs sind acht bis zehn Jahre alt, also eher Pistenferkel als Pistensäue.
Unten, im Süden Italiens, da mag es gehen, dass man mit dem Auto unbehelligt in der zweiten oder dritten Reihe parkt, selbst wenn die Polizei guckt. Hier oben auf den Pisten im Grödnertal, drei Autostunden von München, aber sieben von Rom entfernt, da kennen die Ordnungshüter keine Ausreden, da kennen sie nur 363/2003, das Pistengesetz mit 23 Artikeln.
Potenzielle Gesetzesbrecher gibt es hier in Südtirol genug: Schon das Grödnertal mit den Touristenorten Sankt Ulrich, Sankt Christina und Wolkenstein zählt jährlich rund zwei Millionen Übernachtungen. Aber die Carabinieri sind nicht nur hier im Einsatz, sondern überall auf Italiens Pisten. 170 Ordnungshüter sind auf Skiern oder mit Motorschlitten allein für das Gebiet von „Dolomiti Superski“ zuständig, ein Wintersportverbund mehrerer Dolomiten-Gemeinden, zu dem auch das Grödnertal gehört.
Erziehen, nicht bestrafen
"Wir wollen erziehen, nicht bestrafen“, sagt der Leiter der Carabinieri im Grödnertal, Capitano Matteo Ederle. Kurz nach Sonnenaufgang, lange bevor sein Kollege Petritsch die Sirene zur Raserjagd anwerfen wird, sitzt er schon in seinem Büro in St. Ulrich und erklärt, was seine Männer heute und die ganze Saison über zu tun haben: verunglückten Skifahrern helfen. Schauen, ob die Pisten gepflegt sind. Kontrollieren, ob alle Hindernisse auf und entlang der Piste mit orangefarbenen Matratzen umwickelt sind. Ausschau halten nach illegalen Skilehrern und jungen Kiffern auf der Piste.
Aber alles habe seine Grenzen: Radarfallen, Tempolimits, Alkoholkontrollen, davon hält Capitano Ederle nichts. "Wir handeln nur, wenn jemand die anderen Fahrer in Gefahr bringt“, sagt er, dafür hätten sie vom Tourismusverband und den Liftbetreibern volle Unterstützung. Gefahren gibt es genug: "Immer mehr Touristen werden immer schneller über immer bessere Lifte zu Pisten gebracht, die nicht breiter sind als zuvor. Es wird also enger auf der Piste, das ist die große Gefahr“, sagt Ederle.
Und dann sind da noch die Carver, also die Skifahrer, die in weiten Bögen ins Tal düsen, aber nicht auf den Verkehr achten, dessen Bahn sie munter kreuzen. Wenn sich da zwei begegnen, dann kracht es gern mal. Capitano Ederle demonstriert das mit seinen Händen, die über die Tischplatte wedeln und kurz vor der Tischkante zusammenstoßen. Autsch.
Auf der Piste ist die Zeit zwischen elf und ein Uhr die gefährlichste, dann sind laut Statistik die Pisten am vollsten, da ist schnell ein Unfall passiert. Mehr als 2000 Einsätze haben die Carabinieri im Grödnertal in diesem Winter bereits absolviert. Mal haben sie betrunkene Raser gestoppt, mal Pflaster verteilt, mal einen Hubschraubertransport für Verletzte organisiert.
Der Hubschrauber verschwindet im blauen Himmel
Prompt krächzt es zweimal aus dem Funkgerät: "Knie verdreht“ auf der Abfahrt bei Lift 55, „Oberschenkelbruch“ beim Piz-Seteur-Gipfel. Petritsch fährt mit den Skiern hin, winkt den Hubschrauber herbei, hilft beim Tragen, schaut dem Hubschrauber nach, der im blauen Himmel verschwindet.
Ein neuer Funkspruch: Ein holländisches Kind hat seine Eltern verloren und sitzt weinend im Lifthaus. Petritsch wedelt hin, legt beruhigend den Arm um den aufgelösten Jungen und fragt, wie er heißt: "Jim“, sagt der Bub. Jetzt fährt er mit Michele die Piste hinunter zum Auto der Familie, da warten die Eltern, die Freude ist groß: "Ciao, John“, sagt Michele beim Abschied zum kleinen Jim. Andauernd zu helfen schlaucht eben.
Ein paar Einsätze später hat es heftig zu schneien begonnen auf den Pisten rund um den Langkofel, es wird dunkel. Petritsch hat immer noch zu tun, notiert die Namen der Pistenferkel, die eben quer über den Schnee rasten: „Beim nächsten Mal nehm’ ich euch den Skipass ab“, droht er. Dann entlässt er die Jungs in die Freiheit. Michele Petritsch setzt sich auf seinen Motorschlitten, schaltet das Blaulicht an und braust die weiße Piste hinab.
Er fährt zu Skifahrern, die Fotos von sich im Schneesturm machen. "Ich bin der Letzte“, ruft er ihnen zu, das bedeutet: Ich mache jetzt die Piste dicht, fahrt schnell nach unten. Die Skifahrer verschwinden, Michele steht mit seinem Motorschlitten allein im stillen Weiß des Schnees. Für heute ist die Arbeit getan. Morgen wartet eine neue Friedensmission auf die Staatsmacht auf der Skipiste.




