Schleswig ist ein beschauliches Städtchen. Selbst in den Sommermonaten passiert hier nicht viel. Die Touristenströme, die sich auf der A 7 Richtung Flensburg entlangquälen, lassen die Stadt rechts liegen. Auch die Wassersportler aus Hamburg stören die Ruhe kaum, wenn sie ihre Segeljachten flottmachen und auf der Schlei hin- und herschippern. Die Förde, die sich 40 Kilometer lang von der Ostsee bis ins Landesinnere zieht, hat wenig ihrer Ursprünglichkeit verloren.

Dabei befand sich hier, wo heute Fleckvieh weidet, einmal die wichtigste Verbindung der Seefahrer aus dem Norden zu den Landratten Mitteleuropas. Nur wenige Kilometer südlich von Schleswig stehen die Überreste einer der bedeutendsten Wikingersiedlungen: In Haithabu wohnten zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert bis zu 1000 Menschen - für damalige Verhältnisse eine gigantische Ortschaft.

Ein Teil der Siedelung am Originalplatz nachgebaut

Seit 1985 kümmert sich das Wikinger-Museum um die Geschichte dieser frühen Großstadt. Zurzeit wird ein Teil der Siedlung am Originalschauplatz nachgebaut. Die Ergebnisse aus rund einem Jahrhundert archäologischer Arbeit fließen in die Rekonstruktionen ein. Sieben Häuser entstehen, angeordnet in typischer Halbkreisform.

Ein arabischer Kaufmann, der Haithabu zu seiner Blütezeit besucht hatte, berichtete von einer "sehr großen Stadt am Ende des Weltmeeres", deren Bewohner schreckliche Laute ausstießen: "Das ist ein Gebrumm, das aus ihren Kehlen herauskommt, gleich dem Gebell der Hunde, nur noch viehischer." Wilde Kerle sind die Wikinger auch in den nordischen Heldensagen: finstere Seeräuber, vor deren Beutezügen niemand in ganz Europa sicher sein konnte. Dass sie auch feste, große Ansiedlungen gründeten, scheint zum Bild der wilden Eroberer nicht zu passen. Dabei leitet sich ihr Name Wikinger von "wik" ab, was "Bucht" oder "Handelsort" bedeutet.

So ein Wik war Haithabu. Hier wurde bis zu seiner Vernichtung durch ein slawisches Heer 1066 ein Großteil des Austauschs zwischen Skandinavien und dem Frankenreich abgewickelt. Aus Norwegen und vom Rhein, aus Spanien und vom Schwarzen Meer kamen die Händler. Münzen aus Kleinasien wurden gefunden, die das Museum ausstellt.

Auch strategisch hatte die Landenge Bedeutung: Hier konnten die dänischen Könige mit geringem Aufwand ihr Gebiet gegen Eindringlinge aus dem Süden abschotten. Sie ließen einen Wall quer durch das heutige Schleswig-Holstein errichten. Dieses "Danewerk" zieht sich bis nach Haithabu, wo noch deutlich die 1000 Jahre alten Aufschüttungen zu sehen sind.


Filme dokumentieren die Ausgrabungsarbeiten


Neben den Ausgrabungen in der Stadt waren die Archäologen auch am Hafenbecken interessiert. 1953 entdeckten Taucher im Uferschlamm die Reste eines Schiffsrumpfs, die aber erst mehr als 20 Jahre später mit großem technischen Aufwand geborgen wurden. Um das Wrack zu heben, mussten Teile des Binnensees Haddebyer Noors leer gepumpt werden. Nirgendwo sonst wurde eine frühmittelalterliche Hafenanlage so genau erforscht. Und auch wenn Archäologie vielleicht nicht jeden begeistert: Dem Museum ist es gelungen, die Forschungsergebnisse so zu präsentieren, dass der Besucher einen faszinierenden Eindruck vom Leben der Wikinger bekommt. Die Ausstellung ist überschaubar, die Texte zu den Vitrinen sind knapp, aber lehrreich. Filme dokumentieren die Ausgrabungsarbeiten und sind - auch für Kinder - genauso spannend wie die Funde selbst. Der Wiederaufbau der Wikingerhäuser, der in diesem Jahr abgeschlossen werden soll, ist ebenfalls Teil der Museumsarbeit.

Wer in Haithabu durch die Museumsräume geht, stellt fest, dass die Wikinger nicht nur die unkultivierten Haudegen gewesen sein können, die unsere Vorstellung prägen. Sie hatten zum Beispiel durchaus Sinn für Mode. Vor allem die Oberschicht orientierte sich an den Vorbildern aus dem Frankenreich, mit dem die Haithabuer in Kontakt standen. Gegen die Kälte hatten sie mehr zu bieten als grobe Tierfelle. Die Frauen trugen wärmende Thermomäntel aus mit Daunen oder Federn gefütterten Wollstoffen.

Die Wikingerdamen hatten nicht nur die bessere Kleidung, sondern auch das Sagen. "Das Recht der Scheidung steht den Frauen zu; das Weib scheidet sich selbst, wann sie will", schrieb der arabische Kaufmann, der Haithabu damals besuchte. In den Augen eines Arabers waren das wilde Sitten.