Um in die Fußstapfen eines Helden zu treten, muss man viele Stufen erklimmen. Am Ende der ausladenden Treppe, die auf den Vorplatz des Philadelphia Museums of Art führt, findet sich ein in Beton gegossener Fußabdruck.

Genau an dieser Stelle reckte der Boxer Rocky Balboa, gespielt von Sylvester Stallone, an einem kalten Wintermorgen 1975 seine Arme gen Himmel. Im Hintergrund sang dazu ein Frauenchor: „Trying hard now, feeling strong now, gonny fly now“ – das alte amerikanische Märchen von den unbegrenzten Möglichkeiten und dem Streben nach Glück. Darum wohl traben täglich so viele Touristen, Jogger und Filmfans die Treppe hinauf, um, oben angekommen, triumphierend zu posieren wie einst Stallones Rocky.

An der Rocky-Statue stehen die Touris Schlange

Seit vergangenem September steht rechts von der Treppe eine Rocky-Statue, die Stallone für den dritten Teil seiner Boxer-Saga in Auftrag gegeben hatte. Es kann passieren, dass Touristen Schlange stehen, um sich neben der Statue fotografieren zu lassen. Von den Stufen aus blickt man auf den lang gezogenen Benjamin Franklin Parkway, die City Hall und die Hochhäuser der 1,4-Millionen-Stadt. Und der Besucher kann noch weiterschauen, nach South Philly, der Gegend, aus der Rocky stammt. Hier boxte der Mann mit dem Knautschhut in einem Kühlhaus gegen Schweinehälften, von hier aus lief er im grauen Trainingsanzug und in Converse-Schuhen um vier Uhr morgens am Italian Market in der neunten Straße vorbei zum Museum.

Sicher, es gibt noch den Film „Philadelphia Story“ mit Katherine Hepburn, Cary Grant und Jimmy Stewart, viel später dann „Philadelphia“ mit Tom Hanks, aber der ultimative Philly-Film bleibt „Rocky“, für den Sylvester Stallone den Oscar erhielt. Gedreht in 28 Tagen, zeigt der Film den Aufstieg eines Underdogs in der sogenannten Stadt der brüderlichen Liebe, die im Film kalt, grau und dreckig wirkt. Sowohl der erste als auch der sechste Teil des Boxer-Epos’ „Rocky“ spielt in Philadelphia im Nordosten der USA.

Am 8. Februar kommt der voraussichtlich letzte Teil mit dem Titel „Rocky Balboa“ in die deutschen Kinos, Stallone ist mittlerweile 60 Jahre alt. Und Philadelphia hat sich mit ihm verändert. Die berühmte Freiheitsglocke mit dem Sprung gibt es natürlich immer noch, ebenso wie die Independence Hall, das Haus, in dem die Gründerväter der Vereinigten Staaten den Grundstein für die amerikanische Verfassung legte. Philadelphia ist eine, wenn nicht die geschichtsträchtigste Stadt der USA, ihr spirituelles Oberhaupt ist der Erfinder und Staatsmann Benjamin Franklin.

Philadelphia, eine Stadt im Aufwind

Der „National Geographic Traveler“ erklärte Philadelphia 2005 zu einem der „next great places“, einer Stadt im Aufwind. Und zeigte den schicken Park Rittenhouse Square im Herzen der Stadt, das ultramoderne Kimmel Center for the Performing Arts, in dem Christoph Eschenbach eines der renommiertesten Orchester der USA dirigiert. Und eben South Philly, das Einwandererviertel.

„Vor Philadelphia gab es South Philadelphia“, sagt Murray Dubin, Reporter bei der Tageszeitung „Philadelphia Inquirer“, der ein Buch über South Philly geschrieben hat. Schon fünf Jahre vor Gründung der Stadt 1682 beteten dort Gläubige in einer Kirche. Hier stand im 18. Jahrhundert eines der ältesten Theater des Landes. Vor den Italienern, die 1852 die erste italienische Kirche in den USA bauten und nach wie vor dieses Viertel prägen, lebten in South Philly vorwiegend Iren, dann auch Deutsche, Holländer und Briten. Heute ist das Leben südlich der quirligen South Street bunter und heiterer als zu Rockys Zeiten. Die früher tristen Fassaden schmücken teilweise imposante Wandbilder. Ganz entgegen amerikanischen Gepflogenheiten sitzen die Leute an Tischchen vor den Cafés und frühstücken.

An einem Samstag, an dem die Straßen voll sind von Marktgängern, Einheimischen und Touristen, kann es passieren, dass eine Band auf einem Parkplatz an der neunten Straße Rhythm and Blues spielt. Dann schlendern die Gäste von „Anthony’s Italian Coffeehouse“ gegenüber über die Straße, um zur Musik zu tanzen.

„Schmeck’ die Tradition“ heißt Anthonys Slogan. „Und Tradition ist wichtig“, meint Anthony Anastasio. Der 36-Jährige ist stolz darauf, dass sein Café im Herzen des Italian Market liegt. Es gibt zwar keinen echten Marktplatz wie in europäischen Städten, doch immerhin sei ihr Markt „European Style“, sagt Anthony.

Die Nachbarschaft in South Philly verändert sich

Längs der neunten Straße reiht sich ein kleines Geschäft an das andere – Obst- und Fischhändler, Fleischerei, Pizzeria, Kramläden, ein Spezialgeschäft für Töpfe und Pfannen made in Europe. Auch Anthonys Kaffeebohnen und italienische Kekse sind allesamt aus der alten Heimat importiert. Anthonys Urgroßvater Thomas Anastasio kam vor dem Zweiten Weltkrieg aus Sizilien in die USA. Er startete sein Geschäft mit einem Wägelchen auf dem Italian Market, auf dem er frischen Fisch anbot. Sohn Tony eröffnete 1938 einen Obst- und Gemüseladen, die Familie lebte über dem Geschäft. Irgendwann in den Achtzigerjahren veränderten die Leute mit dem Aufkommen von Supermärkten ihr Einkaufsverhalten, 1993 mussten die Anastasios ihr Geschäft schließen. Schon 1989 besuchte Anthony die Heimat seiner Familie und kam auf die Idee, ein Café aufzumachen, denn das gab es auf dem Italian Market damals noch nicht. 1995 eröffnete er schließlich sein Kaffeehaus, seit 2003 gibt es nicht weit entfernt auch ein Schokoladen-Haus. „Die Nachbarschaft in South Philly verändert sich“, sagt Anthony. Leute aus anderen Stadtteilen zögen in die Gegend, weil die Immobilienpreise hier billiger seien als anderswo in der Stadt. Nun steigen die Preise freilich auch hier.

Seit den 80ern ziehen verstärkt neue Einwanderer aus Asien nach South Philly, seit Kurzem lassen sich auch immer mehr Mexikaner hier nieder. „South Philly zieht alle möglichen Leute an“, sagt Murray Dubin. „Nirgendwo gibt es eine so gemischte Ansammlung von Leuten. Und es macht immer noch Spaß hier.“

Ein Klassiker auf dem Italian Market ist DiBruno’s. Das kleine Geschäft ist vollgestopft mit Käsesorten, Schinken, Olivenölen und all den anderen Spezialitäten, nach denen sich Feinschmecker im Land der Scheibletten die Finger lecken. Die Brüder Danny, Thomas und Joe gründeten DiBruno’s 1939. Von ihnen lebt heute keiner mehr; drei Neffen führen den Laden.

Nur echte italienische Ware

Hunter Fike arbeitet seit neun Jahren bei DiBruno’s, angefangen hat er als sogenannter Stock Boy, der die Ware in die Regale räumt. „Wir verkaufen nur echte italienische Ware, das ist hier kein Little Italy wie in New York“, sagt Hunter. Vor wichtigen Feiertagen bilden sich vor dem Laden lange Warteschlangen. Allein 30 verschiedene Sorten Schafskäse habe man im Angebot und sogar elf unterschiedliche hausgemachte Frischkäsesorten, zählt Hunter auf. „Manche Kunden finden, unsere Auswahl ist zu groß.“ South Philly ist auch die Geburtsstätte des Cheesesteaks – die Antwort Philadelphias auf den Hamburger und das Hotdog.

Ein Cheesesteak ist, vereinfacht gesagt, ein Sandwich mit einem dünnen Steaklappen in der Mitte, geschmolzenem Käse und wahlweise Zwiebeln. Zur ultimativen Abrundung bestellt man sich dazu einen Becher mit Pommes frites, übergossen mit heißem, flüssigen Käse. Das Epizentrum des Cheesesteaks liegt an einer Kreuzung weiter südlich von den Cafés und Marktständen. Hier liefern sich Pat’s King of Steaks und Geno’s rund um die Uhr, tatsächlich 24 Stunden an sieben Tagen die Woche, einen – größtenteils mit friedlichen Mitteln ausgetragenen – Wettbewerb.

Frank Olivieris Onkel Pat erfand der Legende nach Anfang der 30er das Cheesesteak. „Keiner bekommt das Cheesesteak so hin wie wir“, wirbt Neffe Frank. Und kündigt an diesem Samstagmorgen schon mal an, er werde sich in zehn Minuten mal wieder eines genehmigen, mit Zwiebeln versteht sich. Er meint: „Wir sind einfach die Besten.“ Ähnliches behaupten freilich auch die Betreiber von Geno’s an der Ecke gegenüber von sich. Während die Mitarbeiter bei Pat’s sich ganz in ihrem historischen Glanz sonnen, macht Rivale Geno, der in den 60ern in den Wettbewerb eingriff, mit greller Neonbeleuchtung auf sich aufmerksam.

Dutzende Kunstgalerien, Bars und elegante Restaurants

Die Liste weiterer traditionsreicher Läden ist lang: Sarcone’s Bakery rühmt sich, das beste Brot der Stadt zu backen. Kuchen kauft man dagegen bei Isgro Pastries. Fante’s Kitchen Wares Shop brüstet sich mit der besten Auswahl an Töpfen, Messern und sonstigen Küchengerätschaften. Für leckere Würstchen ist Fiorella’s Sausages die erste Adresse.

Philadelphia, das ist klar, will mehr sein als nur Rockys Heimatstadt. In der historischen Altstadt gibt es Dutzende Kunstgalerien, Bars und elegante Restaurants. Die Stadtverwaltung plant, ein W-LAN-Netzwerk für das gesamte Stadtgebiet einzurichten, das überall einen kabelfreien Zugang zum Internet ermöglicht.

Doch nach wie vor verschafft man sich am besten einen Überblick, wenn man Rocky auf den Vorplatz des Kunstmuseums folgt, das übrigens zum Pflichtprogramm eines jeden Besuchers gehören sollte. Von hier aus schaut man auf eine Stadt im Wandel. Und hört man genau hin, singt vielleicht von irgendwoher ein Chor Rockys Hymne.