Ungeliebt zu sein, verkannt, verachtet ist ein Geburtsfehler dieser Hauptstadt. Und das bereits, seit sie 1790 zur Ehre George Washingtons, Gründungsvater und erster Präsident, entstanden war. Washington D.C. – erschaffen am Reißbrett des französischen Architekten Pierre L’Enfant, den Sümpfen des Potomac abgerungen, geplant an der Nord-Süd-Bruchstelle der Staaten zwischen New York und Philadelphia, den ersten Kapitalen.
Sie ist schwülheiß im Sommer, frostig im Winter. Es war die erklärte Absicht der Stadtväter, es dort den Politikern nicht zu wohl werden zu lassen. Das gelang.
Ihre künstliche Entstehung hinterließ eine Neurose, an der die heute kaum 600.000 Einwohner, darunter 150.000 Bundesbeamte, leiden: Die Sehnsucht, nicht mehr aufzufallen als nötig, sich in Luft aufzulösen, um die Verachtung der übrigen 50 Staaten nicht noch mehr anzuheizen. Fanatisches Misstrauen brandet gegen den kleinen District of Columbia (die Abkürzung für D.C.). Diamantförmig aus den Staaten Virginia und Maryland geschnitten, übertrifft er seiner Fläche von 177 Quadratkilometern nach kaum die Insel American Samoa.
Nichts eint die Union so verlässlich wie der Fluch, dass aus Washington nichts anderes komme als Kriege, Steuern, Amtsanmaßung. Und dass anständige Politiker ruiniert würden in einem Reizklima aus Intrige, Korruption, Sünden jeder Art.
Bei den Touristen gelingt die Abschreckung nicht
Sie übernehmen die Stadt, wenn die Politiker im Juli und August vom Tatort fliehen. Sie fallen in schweißglänzenden, mit Wasserflaschen bewehrten Trupps ein. Sie ziehen die National Mall entlang von West nach Ost in Richtung Kapitol, von Ost nach West zum Lincoln Memorial, dreieinhalb Kilometer in jede Richtung. Die National Mall ist ein lang gestreckter Park mit Museen und Monumenten im Zentrum der Macht. Die Besucher suchen Kühlung, manche auch Bildung in den formidablen Museen der Smithonian Institution links und rechts der Mall, die alle keinen Eintritt nehmen.
Dort bekommen sie das Beste über Indianer, Luft- und Raumfahrt, Naturkunde, moderne Kunst zu sehen, die Insignien der Republik im Nationalarchiv. Die Unabhängigkeitserklärung, Bill of Rights, alle vier Seiten der Verfassung, seit Neuestem kinder- und rollstuhlgerecht tiefer ausgestellt. Aber auch, für den, der Zeit hat, sie zu suchen, die Nixon-Tonbänder und die FBI-Akte über die kommunistische Gefährdung durch einen gewissen Charlie Chaplin.
Sicher, es gibt angenehmere Jahreszeiten in „D.C.“ (Dee Cee) als den Sommer, die herrliche japanische Kirschblütenzeit am Tidal Basin, einem See am südwestlichen Ende der Mall, Anfang April etwa. Doch zum authentischen Washington-Erlebnis gehören Hitze und Erschöpfung auf der Mall. Es ist die Hitze des 28. August 1963, als Pastor Martin Luther King auf den Stufen des Lincoln Memorial (die Stelle ist markiert) stand und acht Mal seine Vision von einer fairen Gesellschaft mit dem Satz „I Have a Dream“ einleitete. Ein Land, in dem seine Kinder „nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Gehalt ihres Charakters beurteilt werden“.
Sein unvollendeter Traum ist zu Füßen des sitzenden Giganten Abraham Lincoln gelegt, fast sechs Meter hoch und breit, in seinem dorischen Zeustempel. Wer hier nicht die Berührung durch die Geschichte spürt, dem ist nicht zu helfen.
Wer nur wenige Stunden Zeit in Washington hätte, hier müsste er sie verbringen.
Die Mall gehört dem Volk
Es nimmt sie sich mit Protesten und Spielen. Nach den Bürgerrechtlern kamen die Anti-Vietnam-Demonstranten, die Märsche gegen Aids, gegen Waffenkult und, in Rufweite der über 50.000 Gefallenen, deren Namen in Granit geschlagen stehen auf dem 75 Meter langen, in den Boden sinkenden Vietnam-Memorial, gegen Kriege der USA.
Nicht immer strömen sie zu Hunderttausenden wie am 4. Juli, dem Nationalfeiertag.
Die National Mall hat eine eigene Art, einzuschüchtern. Doch ist es keine Frage, dass ihre prächtige 1,25 Millionen Quadratmeter große, baumbestandene, mit Teichen labende Parklandschaft der vornehmste Boden der Republik ist. Man muss ihn sich erlaufen und erobern, am besten in der Hitze.
Zelten ist, wie die Website Washingtons dem Volk zur Sicherheit mitteilt, nicht gestattet. „Bestehen wir nur aus Marmor, Museen, Monumenten?“, fragt die Hauptstadt bang. Nicht doch, nur fast.
Washington alias „Dee Cee“ alias „The District“ ist eine gevierteilte Stadt. Die Quadranten NW, NE, SW, SE stehen für die Himmelsrichtungen, Lebensgefühle und Realeinkommen, so weit voneinander entfernt wie die beiden Berlins vor dem Mauerfall.
Was D.C. berühmt macht, liegt im reichen Nordwesten, der am Kapitol beginnt. Was es berüchtigt macht, mit einer der landesweit höchsten Raten für Mord, Arbeitslosigkeit, Analphabetismus, Drogenmissbrauch, beginnt ebendort und dehnt sich östlich des Parlaments aus. Mit gutem Grund verlaufen sich Touristen selten in den gefährlicheren Teil der Hauptstadt, zu zwei Dritteln von Schwarzen bewohnt. Duke Ellington und Marvin Gaye kamen von hier und machten Washington Ehre.
Nach einem anstrengenden Eroberungszug auf der Mall gibt es für Besucher nichts Entspannenderes als Rock, Blues und Jazz in Klubs wie „9.30“, „Blues Alley“ und dem „HR-57“. Dieser Klub in der 14th Street verdankt seinen kuriosen Namen einer Kongress-Entschließung von 1987, nämlich der sogenannten House Resolution 57, die Jazz als „wertvollen nationalen Schatz“ deklarierte, der „die höchsten Ideale und Ziele unserer Republik“ erfülle und jede Unterstützung verdiene.
Arlington und die Ruhestätten von mehr als 300.000 Soldaten
Wegen der Teilung Washingtons gehen Vergleiche mit künstlichen Hauptstädten wie Brasilia oder dem früheren Bonn fehl. Und natürlich gehört zur Aura der Stadt der in Virginia jenseits des Potomac gelegene Soldatenfriedhof von Arlington mit den letzten Ruhestätten von 300.000 Veteranen aus allen Kriegen der USA und den Gräbern von Robert und John F. Kennedy. Das Pentagon und die CIA zählen ebenso dazu wie die National Institutes of Health in Bethesda, Maryland.
Die Region führt national in der Internetnutzung, im Bildungsstand und Baumbestand, zu schweigen von der Dichte an Geheimnisträgern und Spionen pro Quadratkilometer. Man muss das nicht sehen, um es wertzuschätzen.
So wenig wie das Weiße Haus, in das Besuchergruppen nur nach Vermittlung ihres Kongressabgeordneten und einer halbjährigen Wartezeit gelangen. Man kann es virtuell durchwandern, Tag und Nacht, auf der Web-Seite des White House. George.W. Bush führt selbst durch sein Oval Office. Fast acht Minuten lang erklärt der Präsident jedes Bild und jede Büste: Washington, Lincoln, Roosevelt, Churchill, Kennedy (mehr unter: www.whitehouse.gov/history/life/video ).
Doch das Oval Office kommt an Grandezza und Würde nicht annähernd dem nahe, was jeder Besucher des Lincoln Memorial spüren und sehen kann. Der Blick erweitert sich über die Erhabenheit der Mall bis hin zum Kapitol zu einer Meditation über die Seele Amerikas. Am besten in der Abenddämmerung eines heißen Tages.

