In den Wipfeln von Whistlers Regenwald, an einem Karabiner 70 Meter über dem Fitzsimmons Creek baumelnd, wird plötzlich klar, warum das Wort „Angst“ auch im angelsächsischen Sprachraum verbreitet ist. Unbeirrt sind die Kanadier an dem Stahlseil durch die Luft gesaust. Nur die Deutsche hängt in den Seilen, fixiert den Fluss, der von hier oben betrachtet zu einem Rinnsal geschrumpft ist, und den Karabinerhaken, an dem nun ihr Leben hängt. „Ziptrek“ heißt der Freizeitspaß für Furchtlose, mit dem der Wintersportort Whistler auch fern der Pisten für Adrenalinschübe sorgt. Die Technik geht auf Naturforscher zurück, die sich lautlos zwischen den Baumkronen fortbewegen wollten.
In Kanadas westlichsten Weiten wird der Traum vom Fliegen ein bisschen häufiger geträumt als anderswo, nicht nur beim „Ziptrek“, auch über den Wolken. In einer Provinz, die dreimal so groß ist wie Deutschland, ist Fliegen nicht nur Notwendigkeit, sondern auch Sehnsucht geblieben. Und viel sind wir geflogen seit unserer Landung in British Columbia. Ein Hubschrauber brachte uns in die Hauptstadt Victoria. Kurz hegten wir hier den Verdacht, der Pilot habe in der halben Stunde nicht nur die Strait of Georgia überquert – den Pazifik-Seitenarm, der Vancouver Island vom Festland trennt –, sondern die halbe Welt umrundet. So britisch mutet die Architektur an, so englisch die Gärten. Mit dem Boot waren wir dann auf das offene Meer gefahren, wo Killerwale ebenfalls den Flug probten. Das Wasserflugzeug nach Vancouver wartete schließlich im inneren Hafen von Victoria.
In Vancouver, der drittgrößten Stadt Kanadas, strebt ebenfalls alles auf. Als habe sich die Skyline von New York im westlichen Ende des Kontinents widergespiegelt. Nach Whistler ging es dann im Zug. Aber im „Whistler Mountaineer“ fühlt man sich auch auf Schienen ein bisschen wie über den Wolken. Die Stewardessen verwiesen auf Notausgänge und Schwimmwesten, servierten Snacks und Getränke. Draußen lief derweil ununterbrochen großes Landschaftskino. Spektakuläre Wasserfälle spielten mit, grüne Wälder, weite Seen, von der Sonne perfekt ausgeleuchtete Bergkuppen – und fröhlich winkende Statisten an den Schranken. Wer möchte da noch fliegen?
Die ersten Meter sind nur freier Fall
Es hilft nichts. Der „Ziptrek“-Guide drängt. Also los. Den Körper in die Gurte sacken lassen, die Füße vom Boden heben. Und auf geht's. Von wegen gleiten, von wegen fliegen – die ersten Meter nur freier Fall! Das Herz schlägt rasant, das Hirn mixt einen Cocktail aus Aufregung, Stoßgebeten und einem Schuss Höhenangst. Schließlich verliert der Körper an Tempo, um in der Mitte des Seils fast zum Halten zu kommen. Was für ein Ausblick! Einzig die Kuppen der eigenen Wanderstiefel schieben sich ins Bild und beweisen, noch nicht im Himmel, doch immerhin kurz darunter zu sein.
„How are you?“ fragt der Guide, als die Füße wieder Boden spüren. Keine Phrase diesmal, denn die Gesichtsfarbe der Befragten changiert zwischen den beiden Saisonfarben Whistlers: Sommergrün und Winterweiß. Daran ändert sich auch wenig beim Blick auf das nächste Seil. 600 Meter lang, schräg über den Fluss gespannt. Ein Teenager greift in den Karabiner, als wäre es Tarzans Liane, und presst den passenden Schrei in die Luft. Seine kleine Schwester winkelt anmutig ein Bein an und nimmt Fahrt auf. Dann wieder die Deutsche – in keiner Heldenrolle. „Es ist besser, wenn du rückwärts schaust“, meint der Guide. Ein ungewöhnlicher Rat in einem Land, das viel lieber nach vorn schaut anstatt zurück.
Seine Geschichte ist so kurz wie schnell erzählt. 150 Jahre British Columbia werden in diesem Jahr gefeiert, erst Kolonie, dann Provinz. Heißt: 150 Jahre Goldrausch in Westkanada, der die ersten Briten einst anlockte. Heißt: 150 Jahre Konflikt zwischen Siedlern und Ureinwohnern, die heute politisch korrekt „First Nations“ genannt werden. Und die kürzlich durchsetzten, dass die Gemälde im Parlamentsgebäude, auf denen die Eingeborenen barbusig und in devoter Haltung vor den vornehm gekleideten Siedlern hocken, aus dem öffentlichen Raum verschwinden.
Heißt aber auch: 150 Jahre Afternoon-Tea in der Neuen Welt! Exzellent zelebriert wird er im altehrwürdigen Hotel „Fairmont Empress“ in Victoria, wo livrierte Teaboys mit Köstlichkeiten beladene Etageren vor den gepuderten Nasen gut betuchter Gäste abstellen. Erfunden wurde der Nachmittagssnack einst von der Duchess of Bedford, Anna Maria Stanhope, die jeweils nachmittags in etwa zur gleichen Stunde über ein „sinking feeling“, ein ungutes Gefühl, klagte.
Nach der Landung sind die Knie weich wie Buttercreme
An einem Seil in die Tiefe rauschend, bekommt „sinking feeling“ eine völlig neue Dimension. Und natürlich dreht sich der Körper während der Fahrt. Das Rückwärtsschauen hat, wie in Kanada üblich, nicht lange gedauert. Nach der Landung sind die Knie weich wie Clotted Cream, Buttercreme, die bei keinem Afternoon-Tea fehlen darf.
Nur gut, dass Steve das nicht sehen kann! Ski-Legende Steve Podborski gehörte zu den „Crazy Canucks“, den „verrückten Kanadiern“, die in den 70er-Jahren auf besonders halsbrecherische Art und Weise die Hänge hinuntersausten. Achtmal gewann er den Weltcup in der Abfahrt, 1980 holte er für sein Land bei den Winterspielen in Lake Placid die Bronzemedaille.
Jetzt hat der mittlerweile 50-Jährige erneut Olympia im Blick. Für die Winterspiele 2010 in Vancouver und Whistler macht er Werbung. Und für seine Wahlheimat gleich mit: „British Columbia“ , so hatte er am Vorabend im Restaurant „Araxi“ proklamiert, „ist ein bisschen wie Neuseeland. Man hat vorzügliches Essen hier, die besten Weine – und dazu die Bären immer vor der Tür.“
Bären gibt es hier tatsächlich viele, in Whistler sind sie schon fast eine Plage. Da erscheint doch als kleiner Trost beim Anblick des dritten, längsten und auch steilsten Seils, dass hier oben der Bär schön weit weg ist. Wieder hat der Tourguide einen Tipp: „Schreien hilft.“ Gegen die Bären? Gegen die Angst? Egal, es wird ein zittriges Schreien, das wohl keinen Grizzly verjagt. Dafür aber ein anderes Monstrum: die Furcht. Plötzlich Spaß statt Stress. Und dann wandelt sich der klägliche Schrei in ein freudiges Juchzen.
Nur noch ein Seil, jetzt, wo man Gefallen daran gefunden hat? „Freestyle“ ruft der Guide. Schon stürzen sich die anderen Hals über Kopf hinunter, machen Salti und Pirouetten, als würden in Vancouver wieder Stuntmen gesucht – für die Filmindustrie, die so umtriebig ist, dass man von „Hollywood Nord“ spricht. Und die Deutsche löst die Arme vom Geschirr, breitet sie weit aus, wirft lächelnd den Kopf in den Nacken – und ist mittendrin in ihrem eigenen Abenteuerfilm.
Anreise : Mit Air Transat von Frankfurt oder München nach Vancouver, ab 625 Euro, www.airtransat.de . Lufthansa fliegt nonstop von Frankfurt nach Vancouver, ab 780 Euro, www.lufthansa.com . Per Hubschrauber von Vancouver nach Victoria, 65 Euro, www.helijet.com . Die Fahrt im „Whistler Mountaineer“ kostet ab 70 Euro, www.whistlermountaineer.com
Unterkunft : „The Fairmont Empress“, Victoria, Doppelzimmer ab 115 Euro, www.fairmont.com/empress
Auskunft : Travel British Columbia, Tel. 01805/526232, www.hellobc.com , www.bc150.ca , www.ziptrek.com
sid/dpa/jr




