Wie damals, nur mit vertauschten Rollen: Ein Kind steht auf der Hafenmole von Saint-Cyprien-Plage, winkt in die Kamera, rudert dann übertrieben mit den Armen, als ob es das Gleichgewicht verliert. Reflexartig rufen die Eltern: "Pass auf!" Der Elfjährige grinst: "Ätsch, war doch bloß Spaß."
Es ist wie vor 30 Jahren. Damals balancierten meine Schwester und ich auf derselben Steinmauer, hüpften albern herum, während Mama uns mit der Super-8-Kamera filmte. Und Papa beobachtete seine beiden Töchter aus dem Hintergrund und ermahnte gutmütig mit erhobenen Zeigefinger: "Keine Faxen!"
Heute stehe ich mit meinem Sohn wieder auf dieser Mole im Südwestzipfel Frankreichs, und dieses Urlaubsgefühl von einst erfasst mich wie eine Welle. Damals, das war im Sommer 1978, Titelverteidiger Deutschland hatte gerade die Fußball-WM vergeigt. "2:3-Niederlage gegen Österreich, noch nicht mal unter die ersten vier gekommen, die Schmach von Cordoba", erinnert sich mein Vater.
Statistisch waren wir eine Musterfamilie in Sachen Reisen: Wir unternahmen - und mit uns rund 35 Millionen andere Westdeutsche - eine große Urlaubsreise im Jahr, und zwar im Sommer. Wir ignorierten, wie alle anderen Familien, die ADAC-Warnungen im Verkehrsfunk und starteten am ersten Ferientag mit dem Auto Richtung Süden. Mal nach Frankreich, mal nach Italien, immer abwechselnd und niemals zweimal an denselben Ort. Das war Familientradition.
Der erste Stau wartete schon kurz nach dem Start auf uns und auf all die anderen Urlauber, und wenn die gefühlte Temperatur im roten VW-Käfer 1300 mit schwarzen Sitzbezügen und ohne Schiebedach dann zum ersten Mal 40 Grad Celsius überschritt und wir Töchter anfingen zu maulen ("Wie lange noch?"), wurde es Zeit für ein Picknick aus der Kühltasche auf dem Autobahnparkplatz.
Wir fuhren immer häppchenweise zum Urlaubsort, auf einer präzise ausgearbeiteten, mit gelbem Textmarker auf der ADAC-Tourenkarte nachgezeichneten Route. Während die meisten anderen Kinder, denen wir in den vorbeifahrenden Wagen auf der Autobahn zuwinkten, längst in Rimini oder Biarritz Sandburgen bauen konnten, erreichten wir grundsätzlich erst als Letzte, nach zwei Zwischenübernachtungen, unser Ziel. Jede dieser Übernachtungen wurde traditionell mit einem verpflichtenden Kulturprogramm verbunden - wir haben Straßburg im Elsass und das Kolosseum in Nîmes besucht.
30 Jahre später haben wir uns bloß in den Billigflieger nach Barcelona gesetzt und sind von dort mit dem Mietwagen über die Pyrenäen anderthalb Stunden nach Saint-Cyprien-Plage gefahren. Gesehen haben wir so gut wie nichts.
Der Ort, bescheiden an Sehenswürdigkeiten
Der Urlaubsort der Kindheit bleibt mir fremd. Er war ohnehin anspruchslos, bescheiden an Sehenswürdigkeiten, weil er erst in den 60er-Jahren auf einem trockengelegten Sumpfgebiet als Badeort entstanden ist. Gut, dasselbe Meer, derselbe Blick auf die Pyrenäen, dieselbe Hafenmole, der breite, sechs Kilometer lange Strand. Auch unser "Hotel Mar i Sol" von damals existiert noch, zwei Sterne, Zimmer mit Dusche und ohne Balkon. Hotelier Jean Luc Padros wirbt, wie sein Vater damals, mit unmittelbarer Strandlage, obwohl eine Hauptstraße das Hotel vom Strand trennt. Vor 30 Jahren haben wir zusammen im Hof gespielt.
Mehr Ähnlichkeit hat das heutige Saint-Cyprien-Plage nicht mehr mit dem Badeort von einst. Die Pinien wurden an den Boulevards abgeholzt und durch importierte Dattelpalmen ersetzt. Der puderweiche Sand von damals ist heute grobkörnig, weil er aus einem Kieswerk stammt und jedes Frühjahr nach den Winterstürmen neu aufgeschüttet wird. Die Fischer sind bis auf auf wenige Familien weggezogen, übrig geblieben ist noch Luis Bono, 75, der heute an der Hafenmole sitzt, Kiesel mit Fischen bemalt und an die Touristen verhökert. Er erzählt, wie er vor 30 Jahren drüben im Sumpf Enten und Stare gejagt hatte, heute ist dort der 27-Loch-Golfplatz des "Hotel du Golf". Und man findet längst keine großen Muscheln und Seesterne am Strand mehr.
Saint-Cyprien-Plage ist heute wie damals ein Badeort für Familien, im Sommer restlos ausgebucht, in dem vor allem Franzosen (und ein paar Briten und Deutsche) urlauben. Aber es ist nicht mehr der Urlaubsort meiner Kindheit. Immerhin weckt er Erinnerungen, die längst vergessen geglaubt waren.
Papa in Jeans-Shorts und Sandalen mit Socken
Herrje! Ich erinnere mich, wie meine Eltern damals Arm in Arm vor den Sportbooten am Yachthafen für die Kamera posierten, Mama im bunten Minikleid und mit übergroßer Sonnenbrille, Papa in Jeans-Shorts und Sandalen mit Socken. An seinem Handgelenk baumelte diese lederne Herren-Schlaufentasche, die war damals unglaublich modern.
Erinnerungsfragmente, an die man 30 Jahre nicht gedacht hat. Wie meine Schwester und ich nach roten Seesternen und Muscheln schnorchelten. Wie wir Abba- und Bee-Gees-Songs am Strand summten. Wie wir unseren Eltern stolz einen Eimer voll Seeigel zeigten, und plötzlich dieser Strandnachbar sich zu uns gesellte, weil er irrtümlich dachte, das sei wohl der Lunch. Und ein Messer holte, unsere niedlichen Seeigel halbierte und die flüssigen Innereien mit der Messerspitze auslöffelte. Dies sei eine französische Delikatesse.
Meine Eltern langweilten sich recht schnell am Strand. Deshalb waren unsere Sommerurlaube immer ein Kompromiss aus Kultur- und Badeurlaub, ein Tag Strand, ein Tag Besichtigung, immer abwechselnd. Also wanderten wir in den Pyrenäen, besuchten Perpignan, das mittelalterliche Collioure und das Salvador-Dalí-Museum im spanischen Figueras. Am letzten Urlaubstag besuchten wir, wie jeden Sommer, einen Winzer, und meine Eltern kauften, günstiger ab Hof, "einen guten Tropfen" für den Weinkeller, in diesem Fall einen Muscat de Rivesaltes. Zolltechnisch gesehen waren es meist ein paar mehr Flaschen als erlaubt, weshalb wir an der Grenze immer besonders artig guckten. Kaum in Deutschland, gab mein Vater Vollgas, der Käfer schaffte 141 Stundenkilometer. Jetzt aber nach Hause!
30 Jahre später haben auch wir am dritten und letzten Tag ein paar Flaschen Muscat de Rivesaltes gekauft. Bei unserem nächsten Familientreffen bringen wir sie den Eltern mit, werden den Super-8-Projektor herauskramen und uns den Stummfilm mit dem Etikett "Saint-Cyprien-Plage 1978" anschauen. Jetzt schon ein Klassiker.
Anreise : mit dem Auto bis Perpignan, dann Schnellstraße nach Saint-Cyprien-Plage. Bequemer: mit Ryanair ab Frankfurt-Hahn nach Girona ( www.ryanair.com ), mit Easyjet ab Berlin nach Barcelona, weiter mit dem Mietwagen, www.easyjet.com , www.citer.com
Unterkunft : "Hotel Mar i Sol", Doppelzimmer mit Halbpension ab 57 Euro, www.hotelmarisol.com
Auskunft : Maison de la France, Telefon 0900/157 00 25, www.franceguide.com





