Unsere ostdeutschen Kindheitssommer, sie sind vor allem eins: in rosarotes Licht getaucht. Jede muffige Unterkunft, das Anstehen nach einem Kneipentisch, 14 Tage Dauerregen - für uns waren das Herausforderung und Abenteuer, für unsere Eltern war es die Apokalypse schlechthin. Szenen und Gerüche von weiland irrlichtern durch unser Hirn, darauf harrend, qua Sentimentalisierungsbegehren später wieder abgerufen zu werden. Lange warten müssen sie nicht. Auch nicht bei mir. Ein neues Körperöl, jüngst erstanden, aufgeschraubt und den Duft eingesogen - und schon bin ich alten Zeiten wieder nah. Urlaubszeiten.
Auch denen an der Ostsee. Den DDR-Gestaden, um genau zu sein, unserem Ferienziel Mitte der 70er- bis Anfang der 80er-Jahre. Viel Auswahl gab's ja nicht, Mallorca oder Kreta waren nur im Traum bereisbar, und wer mal raus und weiter weg wollte, dem blieben Ungarn und Bulgarien. Doch im Wartburg an den Balaton, fünf Mann im Auto? Musste man mögen, meine Eltern taten es scheinbar nicht. Vielleicht fehlte ihnen das Abenteurergen, vielleicht schreckte sie der Fünftageritt im Zweitakter zu den Magyaren, vielleicht waren sie einfach nur schlau.
Ihren Urlaub als Werktätige der DDR-Volkswirtschaft verbrachten sie lieber in der Heimat. Denn hier lag das Gute weiß Gott nah: breiter Strand und kecke Ostseewellen. Gab es besseres für eine fünfköpfige Familie aus dem Plattenbau in Rostock-Schmarl? Keine Kosten für Hotel oder Ferienbungalow, einfach Stullen schmieren, Kaffee in die Thermoskanne füllen - und los ging's ins Ostseeidyll Warnemünde, 14 Tage lang aufs Neue. Und egal, bei welchem Wetter.
Vor Ort ließen wir uns in der FFK-Zone nieder, was seinerzeit gewöhnlicher und irgendwie auch angesehener war als das Tragen irgendwelcher Swimwear, die damals natürlich noch nicht so hieß und erst recht nicht so aussah. In die Strandkörbe - damals noch umsonst zu haben - gingen nur die Spießer. Noch heute höre ich das Tock-Tock-Tock der Neuankömmlinge, die mit einem Handgriff zwei Dinge erledigten: ihr Revier abstecken und den Wind abwehren, mit einem Sonnenschutz Marke Eigenbau, den wir alle damals hatten. Eine rund drei Meter lange Stoffbahn, in die Mutter kleine Tunnel nähte, um darin dünne, lange Stöcke zu versenken. Unter Zuhilfenahme eines Steins wurden die dann in den Strand gehämmert, fertig war der Schutzwall aus Baumwolle.
Als Sonnenschutz diente er freilich nicht, wer dachte seinerzeit schon an Sonnenschutz? Ich erinnere mich nur an namenlose Öle und Cremes, die weder einen Lichtschutzfaktor hatten noch irgend einen anders gearteten Warnhinweis. Rot wie die Krebse fuhren wir abends wieder heim, sangen im Auto laut und falsch Abbas "Fernando" nach, den Hit des Sommers, und krümelten - längst wieder in der Realität unseres "Arbeiterschließfaches" angekommen, den Abend lang Sand von irgendwelchen Körperstellen. Um in zwei Wochen Strandurlaub nicht gänzlich zu versengen, hüllten wir uns an den Folgetagen in kühle Baumwolle, und ich persönlich wartete - einem typisch pervers-weiblichem Hang folgend - auf das Einsetzen der Häutungsphase auf Vaters Rücken. Ich durfte dann Hand an ihn legen. Mein Warten wurde jeden Sommer belohnt.
Später, schon zur "Jugendlichen" herangereift (den Begriff Teenager kannten wir nicht), rückte ein anderer Ort in Warnemünde in den Blickpunkt unseres Interesses - das Hotel "Neptun". Ein großer weißer, steil aufragender Zahn am Ostseestrand, gebaut aus Schwedenstahl und getönten Fenstern, finanziert aus Devisen, gemacht für Devisenbringer. Ein Solitär, 64 Meter hoch. Dieses "Neptun" war für uns nicht nur der Westen, es legte auch den Blick in dessen Richtung frei, auch wenn dort eigentlich nur Norden und - außer Wasser - nichts zu sehen war. Das dänische Gedser, etwa 50 Kilometer entfernt, lag hinter dem Horizont.
Aber nicht nur Bürger mit Westgeld und aus dem "NSW" (Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet) sollten auf Dauer im "Neptun" Gäste sein, zur Stimmungssicherung im Lande checkten bald auch verdiente Werktätige ein - auf Auszeichnungsurlaub ihres VEB oder Kombinats. Während diese allerdings nur auf der Ostseite zum Wohnen kamen, wo kein Westfernsehen geschaltet war, und sich staunend und in Pantoffeln am Buffet herumdrückten, schmausten die aus dem Westen ungezwungen und in Kostüm und Anzug zu einem Tauschkurs, der paradiesisch für sie war.
Für die einen war das "Neptun" der Himmel, für die anderen war es ein Hotel am Strand. Für uns Rostocker Jungvolk war es vor allem ein Versprechen. Allein die Gerüche, die aus ihm drangen und die man peu à peu erhaschen konnte - eine Melange der Freiheit. Dabei mischten sich nur Fa- und Bac-Düfte aus dem hoteleigenen Intershop mit Brathuhn-Ausdünstungen aus der legendären Broiler-Bar. Doch uns duft- und farblos Aufwachsenden reichte das zum Träumen. Disco, Skybar waren auch für uns geöffnet, doch rein kam nur, wer über Stunden anstand, mal mit Bakschisch nachhalf - und in jedem Fall schick angezogen war. Brav wie die Schafe reihten wir uns in meterlangen Schlangen. Und egal ob Staatsgast Fidel Castro in der Präsidentensuite oder Ehepaar Müller in Etage vier: Wir alle waren - wie man heute weiß - im Visier der Stasi. Mitmacher sind bis heute nicht zu finden, weil Unterlagen wundersam abhanden kamen.
Die Disco, die sich damals noch mit "k" schrieb, war Kontakthof pur, ein Platz des Knisterns. So manches Ostgirl bahnte hier die eigene Hochzeit in den Westen an, und meine beste Freundin Susi verfiel in Liebe zu einem Ingenieur aus Schweden. Dessen Firma hatte das "Neptun" 1970 mitgebaut. Auch andere Grenzen wurden im "Daddeldu", so hieß die Tanzbar, aufgesprengt, die 60/40-Vorschrift zum Beispiel. Das war der in der DDR einzuhaltende Prozentsatz, der das Verhältnis von Ost- zu Westsongs festlegte. Nicht so im "Neptun" - hier wurden mehr als die zulässigen 40 Prozent Westmusik aufgelegt, vor allem Abba.
Musiktechnisch hat sich nicht viel geändert: damals Achtziger-Musik und heute auch. Zieht einfach immer. Auch dunkle Nischen, Discokugeln und Rum-Cola. Die hölzerne Undine, die sich gleich am Eingang ihren Busen rausstreckt, könnte es früher schon gegeben haben, doch dem DDR-Geprägten fehlt was: Nirgendwo mehr Schlangen, kein "Ich-bin-endlich-drin-Gefühl", kein Sieg mehr über andere.
Noch immer ist das "Neptun" Platzhirsch im Warnemünder Ostseebad, zu Recht auch, doch irgendwie fehlt ein Stück Geheimnis. Man ist jetzt ein Fünf-Sterne-Haus mit angeschlossenem Thalasso-Zentrum, die Geschäfte laufen, kommen kann wer will. Und es kommen: viele Ossis, die früher schon mal Gast sein durften oder immer davon träumten. Und wenn Marketingstratege Mario Derer, der zur Wende gerade sieben war, heute Leute durch die Zimmer führt, dann kommt schon mal die kühne Frage: Und die Wanzen, ja wo waren die denn nun? Die Nachwuchsgeneration im "Neptun" nimmt das sportlich, was können sie für die Geschichte, Hausphilosophie ist jetzt nur noch der Blick nach vorn. Und der Intershop im Erdgeschoss ist sowieso schon lang Geschichte. Die Boutique "Chelsea" verkauft hier heute Sportives, durch die Lobby weht Lilienduft, am Abend schlägt ein Pianist galante Töne an.
Noch immer lieben Abiturienten oder Frischvermählte die Skybar mit dem Dach zum Öffnen als Partyplatz mit Panorama-Ausblick: Von hier, Etage 19, ist das Meer ein großes graues Tuch, und die Hunderttausend-Tonnen-Fähren sind nur noch kleine weiße Jollen, angesteckt ans Tuch wie Modebroschen. Alles ist freundlich, hell, maritim; und auch der Blick gen Westen, also Richtung Norden, ist weit von oben unverändert fulminant.
Und unser Strand von damals? Ist heute Puppenstube. Alles lackiert und eingezäunt. Strandkörbe, Villenfronten, Imbissbuden. Nix mehr "morbider Charme", der solchen Ostseebädern durchaus steht. Alles ist proper, durchorganisiert - und kostet. Aber die Menschen, die man mittendrin sieht, mögen das, sie sehen zufrieden aus. Noch immer mopsen sie sich nackt oder textil im Sand, von der Mole hoch bis nach Stolteraa, bauen Sandburgen und schlagen - Tock-Tock-Tock - ihren Windschutz in den Ostseesand. Der heißt heute Beach Shelter, ist aus Polyester und kommt von Jack Wolfskin. Wer sparen will, schlappt mit der Kühltasche durch die Dünen, ansonsten sind mitgebrachte Stullen und Kaffee in der Thermoskanne passé - es gibt nun allenthalben Fressbuden und Restaurants. Und Westgeld ist für alle da.
Unterkunft
: Hotel "Neptun", fünf Sterne, Thalasso-Zentrum, Doppelzimmer ab 170 Euro, Telefon 0381/777 77 77,
www.hotel-neptun.de
Auskunft
: Tourist-Information Rostock-Warnemünde, Telefon 0381/54 80 00,
www.rostock.de




