„Barfuß oder Lackschuh, alles oder nichts, leg ich mir 'nen Frack zu, oder komm ich vor Gericht? Barfuß oder Lackschuh, so geht es bei mir zu, nie die goldene Mitte, immer volles Risiko!“
So pflegte es Harald Juhnke einst in seinen großen Fernsehshows zu singen – freilich mit einem Augenzwinkern und im eleganten Smoking.
Heute, ein paar Jahrzehnte später, scheint ein gewisser Dieter Bohlen das Lied von Juhnke wörtlich genommen und als Motto für seine Castingshow „Das Supertalent“ auserkoren zu haben. Denn eine gelegentliche goldene Mitte oder auch nur ein paar Zwischentöne sucht man in dieser Show vergebens. Hier zählen nur Extreme.
Bei dilettantischen Darbietungen (und von denen gibt es beim „Supertalent“ bekanntlich etliche) buht das Publikum grundsätzlich nach wenigen Sekunden lauthals, dreht sich geschlossen vom Kandidaten auf der Bühne weg und zeigt wütend mit dem Daumen nach unten. Halbwegs passable Auftritte werden hingegen mit sofortigen Standing Ovations quittiert – das Publikum springt hellauf begeistert von den Sitzen und klatscht frenetisch. Hopp oder top und sonst nix – so einfach ist die Welt beim „Supertalent“.
Ein weiteres Mal gab es dieses Schauspiel, dessen Dramaturgie aus billigen Comics entsprungen zu sein scheint, am Samstagabend zu begutachten – und wie üblich wurden hierbei sämtliche Momente, die der Holzhammer-Regie in irgendeiner Weise bemerkenswert erschienen, gleich dreifach in Zeitlupe wiederholt. Damit auch der Letzte mitbekommt, dass etwas vermeintlich Lustiges oder Tolles passiert sei.
Zu Beginn versprach Kandidat Christian (53) einen sexy Tanz mit weichen, flüssigen Bewegungen und gab zu Protokoll, er sei voll und ganz von seinem Talent überzeugt. Nachdem er jedoch anschließend ungelenk über die Bühne geschwurbelt war und dies mit seltsamen Armbewegungen garniert hatte, bilanzierte Oberjuror Bohlen: „Das sah ja so’n bisschen aus, als wenn du gepupst hast und den irgendwie wegwedelst hier, und auf der Flucht vor deinem eigenen Furz warst.“
Kandidatin Anna-Marie (65) war hingegen trotz vieler Buhrufe vollends davon überzeugt, das Zeug zur Opernsängerin zu haben. Bohlen war jedoch anderer Meinung: „Ich glaube eher, dass deine Stimme sich für andere Sachen eignet, zum Beispiel so für Grabsteine schleifen.“
Die dann folgende Dressurnummer unter Beteiligung eines Pferds und Adlers konnte Publikum und Jury ebenfalls nicht überzeugen. „Für mich würde es reichen, wenn das Pferd fliegt und der Adler wiehert“, hatte der Poptitan befunden, doch die Tiere wollten nicht.
Besser kam bei Jury und Publikum die Gesangseinlage der dreizehnjährigen Lina an, einer frechen, brünetten Kreuzbergerin, die ein bisschen wie die kleine Schwester einer gewissen Castingshow- und Eurovisionsgewinnerin namens Lena Meyer-Landrut wirkte. Lina, die neue Lena? Bohlen schien noch nicht vollends überzeugt: „Du hast eben so ne ganz kleine, intime Schnuckelstimme, so dass man dich eigentlich in den Arm nehmen möchte.“
Einen weiteren Doppelgänger gab es anschließend zu bewundern, als ein männliches Lady Gaga-Double über die Bühne fegte und laut Bohlen dabei aussah, „so als wenn Lady Gaga in nen Tornado gekommen ist.“ Jurykollegin Sylvie van der Vaart befand: „Du hast nicht die tollste Stimme überhaupt, aber du kannst performen“, und so wird man den Wirbelwind in einer der nächsten Shows wiedersehen.
Keine erneute Chance wird es jedoch für Zachi Noy (57) geben, der Manchen vage bekannt ist aus den „Eis am Stiel“-Sexklamotten der Siebziger. Er hatte gehofft, beim „Supertalent“ ein Comeback als Sänger feiern zu können, doch Co-Moderator Daniel Hartwich urteilte hämisch: „Wir kennen dich aus ‚Eis am Stiel’, aber das war eher Kacke am Stock.“ Bohlen gab sich hingegen mitleidig: „Da tut’s mir echt weh am Herzen. Ein Superstar als Schauspieler gewesen vor 30 Jahren, und dann machste dich hier zum Affen und wirst ausgebuht.“
Nicht nur seine gesanglichen Qualitäten, vor allem die Songauswahl von Zachy Noy fiel bei Jury und Publikum durch. Angetreten war er mit „Wenn ich einmal reich wär“ aus dem Musical Anatevka nach dem Roman „Tewje, der Milchmann“. Er hätte es vielleicht besser mit „Barfuß oder Lackschuh“ versuchen sollen.












