Nicht kleine bedruckte Kärtchen mit Namen, Titel und Berufsbezeichnung sind unsere Visitenkarten, sondern vielmehr unsere Hände. Sie sind der Spiegel unserer Seele. Oder wie die Anthropologen sagen: "Sie haben den Menschen zum Menschen gemacht.“

Handlesen gilt als Aberglaube und man muss auch nicht alles daran ernst nehmen, aber spannend ist es allemal. Die Chirologie (von griechisch chiro: Hand; logie: Wissenschaft) ist eine uralte Lehre, die es seit der Antike gibt und die bis ins 18. Jahrhundert an europäischen Universitäten unterrichtet wurde.

Im Zuge der Aufklärung landete sie im wissenschaftlichen Abseits und zählt seitdem zu den sogenannten Parawissenschaften. Trotzdem prägt sie weiterhin unseren Alltag und das Miteinander von Menschen: Der erste Händedruck – entweder entschlossen oder lasch – vermittelt schnell ein Gefühl für das Gegenüber.

Man bildet sich intuitiv ein Urteil: zupackend oder zart. Um etwas mehr zu erfahren, ist es am einfachsten, bei den Fingerkuppen anzufangen. Runde Fingerspitzen bedeuten viel Fläche, sind also mit vielen Nerven besetzt – und das spricht auch für eine intensivere gefühlsmäßige Wahrnehmungsfähigkeit.

Im Übrigen weisen Frauen mehr Nervenzellen auf. Menschen mit flachen und geraden Fingerkuppen gelten als pragmatisch, sachlich und materialistisch. Ich kann also von einer Person mit eckigen Fingerspitzen nicht zu viel erwarten und sollte mich darauf vorbereiten, dass ich eine Menge Kompromisse eingehen muss. Aber alle Finger der Reihe nach: Zuerst der Daumen, er hat eine Sonderstellung unter den fünf Fingern: Kürzer, beweglicher und unabhängiger steht ein starker Daumen für eine starke Willenskraft.

Schließlich kennen wir alle die Geste: Mit geballter Faust und hoch gestrecktem Daumen drücken wir Anerkennung und Triumphgefühle aus. In die digitale Welt übertragen ist das der kleine „I like button“, der Gefällt-mir-Daumen, den wir so oft anklicken. Wir drücken mit dem Zeigefinger die linke Maustaste, die „Control Taste“ – und im Zeigefinger sitzt das Denken.

Ist er deutlich länger als der Mittelfinger, gehört er einem sehr kopflastigen Menschen. Ist der Ringfinger länger als der Zeigefinger, dann ist die Person sehr harmoniebedürftig. Sie gibt in kritischen Situationen lieber nach, als recht zu behalten. Weist der Zeigefinger eine Biegung zum Mittelfinger auf, dann werden diese Menschen ihre Entscheidungen in wichtigen Situationen immer nach „ihren Interessen“ biegen.

Der Schwerpunkt der Gefühle sitzt im Ringfinger. Deshalb werden Ehe- oder Freundschaftsringe dort getragen. Dieser Prozess läuft unbewusst ab und ist circa 100.000 Jahre alt, wie Ausgrabungsfunde und Höhlenzeichnungen beweisen. Ist der Ringfinger zum Beispiel gegen den Mittelfinger gebogen, verhält sich die Person eher egoistisch. Die Partnerschaft wird hinten angestellt. Ist der Mittelfinger gut geformt, lässt sich auf eine gesunde egoistische Orientierung schließen. Biegt sich der Mittelfinger zum Ringfinger, gibt man des lieben Friedens Willen zu viel nach.

Während Nagel- und Handdiagnostik ein Teil der Medizin sind, wird die Chirologie von der Naturwissenschaft nicht anerkannt. Mit eben der oben beschriebenen Ausnahme: Zahlreiche wissenschaftliche Forschungsarbeiten haben sich dem Zusammenhang zwischen Fingerlänge und bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen gewidmet, vor allem dem Längenverhältnis von Zeigefinger und Ringfinger.

Dabei zeigt sich, dass Menschen mit einem im Verhältnis zum Ringfinger eher kurzen Zeigefinger besser in den Bereichen abschneiden, die als „männlich“ bezeichnet werden: räumliches Sehen, Mathematik, Sport. Sind Zeige- und Ringfinger dagegen so gut wie gleich lang, dominieren sprachliche Begabung und Einfühlungsvermögen – Qualitäten, die gerne als „weiblich“ bezeichnet werden.

Am bekanntesten auch bei Menschen, die mit Chirologie wenig anfangen können, ist der „Venusberg“ direkt unterhalb des Daumens. Hier zeigt sich der Hauptimpuls der Sexualität. Je kräftiger dieser gebildet ist, desto stärker der körperliche Impuls, und je schwächer oder gar eingefallen der Daumenballen, desto schwächer ist die sexuelle Kraft. Viele waagrechte Linien vom Daumenballen in Richtung Handteller verraten starke sexuelle Aktivität.

Übrigens lohnt sich ein vergleichender Blick in beide Hände: Manchmal ist der „Venusberg“ in der linken Hand eher zart, in der rechten aber gut entwickelt. Salopp ausgedrückt könnte man das so deuten: Der Betreffende ist durch sexuelle Erfahrung erst so richtig auf den Geschmack gekommen.

Die Hände haben auf jeden Fall eine Sonderstellung: Sie sind fantastische Greif-, Tast- und Kommunikationsorgane. Das Fühlen, Greifen, Fassen und „Handeln“ beansprucht neben der Zunge die größte Gehirnkapazität. Aristoteles bezeichnete sie als „Organ der Organe“ und der Philosoph Nikolaus Cusanus fasst es mit den Worten zusammen: „In allen Teilen spiegelt sich das Ganze wider, da der Teil ein Teil des Ganzen ist.“

Die Hände enthalten ein Abbild des ganzen Menschen – man muss es nur lesen können. Den Gesichtsausdruck kann man nämlich verstellen – die Botschaft, die in den Händen steckt, nicht. Also könnte beim ersten Date ein tiefer Blick nicht in die Augen, sondern auf die Hände einem eventuell ersparen, „in die falschen Hände zu geraten“.