Es ist eine Vorstellung, die der Mensch sich ausmalt, seit die fantastischen Welten der Science-Fiction Raum für solche Gedanken gaben: die Verbindung des menschlichen Körpers mit der Maschine, die Schnittstelle zwischen Leben und Technik. Und das – die ureigenen Interessen des Menschen wirken selbst hier – auch im sexuellen Sinne. Der „Cybersex“ galt als anstößig-unheimliche, zugleich aber technisch spannende Vision.

In den 90er-Jahren waren alle möglichen mit „Cyber“ kombinierte Begriffe angesagt. In einer Zeit, in der Computer noch wuchtige, graue Kästen waren, Lilo Wanders mit „Wa(h)re Liebe“ die Heranwachsenden vor den Fernseher lockte und Boris Becker mit seinem „Bin ich denn schon drin?“ den Deutschen das Internet-Surfen näherbringen sollte, erschienen die Cybersex-Gedankenspiele wie eine prickelnde Verheißung einer nicht mehr allzu fernen Zukunft:

Man träumte von hautengen, kondomähnlichen Latexganzkörperanzügen, verkabelt und mit Elektroden bestückt, die erogene Körperzonen stimulieren würden. Dazu ließ eine Plastikpop-Band namens Das Modul eine Micky-Maus-Stimme von „Computerliebe“ frohlocken – temps passé.

Eine Vision wird Wirklichkeit

Vom „Surfen durch den Cyberspace“ spricht heute, da das Internet gewöhnliches Werkzeug alltäglichen Gebrauchs ist, niemand mehr, und auch vom „Cybersex“ hat man lange nichts gehört. Ein Zeichen, dass also auch für Letzteren die Zeit reif ist?

Durchaus. Und zwar in Form einer Maschine, die der amerikanische Computerwissenschaftler und Fantast Ted Nelson – mit seiner Idee eines dezentralen Dokumentennetzwerks immerhin einer der Wegbereiter des Internets – als ferne Vision bereits 1974 angekündigt hatte: des „Teledildonik“.

Ein Gerät, mit dem – da war er sicher – irgendwann mal Menschen Sex mit Computern haben könnten und per Fernübertragung auch untereinander. Schall sollte beim Sender eingespeist werden und den Empfänger – umgewandelt in Vibration – stimulieren. Für Nelson, heute 72, sicher eine Genugtuung, dass seine Fantasterei nun in ähnlicher Form in den USA Serienreife erlangt hat: Der „High Joy Enabled iVibe Controller“ hat – neben passenden Gummiaufsätzen für wahlweise Mann oder Frau – eine USB-Schnittstelle. So bizarr es klingt: Man schließt sich praktisch an den Computer an.

Das Pulsieren der Apparatur wird vom virtuellen Sexualpartner – egal ob in Köln oder Kairo – per Mausklicks reguliert. Einem Menschen, obwohl Tausende Kilometer entfernt, kann man so einen Orgasmus bereiten – während der sich, ohne selbst Hand anlegen zu müssen, zurücklehnen darf. Oder aber ebenfalls nach Lust und Laune klickt. Das Ideal des gemeinsamen Orgasmus gilt schließlich auch im Netz. Die Möglichkeit, sich nicht nur an der eigenen, sondern auch an der Lust des Partners zu delektieren, reicht über den einstigen Gebrauch von Webcam oder Telefon durch das haptische Erleben weit hinaus. Cybersex ist nicht mehr nur Kopfsache.

Coitus ex Machina, natürlich, das ruft Bedenken auf den Plan. Aber: Moralisch ist der sexuelle Akt auch in persona, rein technisch-biologisch betrachtet, als rhythmisches Bewegen auf- und ineinander nämlich, seiner virtuellen Nachempfindung wenig überlegen. So oder so geht es schließlich um jenen inwendigen Kitzel, den – aufgemerkt! – selbst Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ als eine „vom Schöpfer zugedachte Freude“ bezeichnet, „die uns etwas vom Geschmack des Göttlichen spüren lässt“.

Sexuelle Reize per Internet-Telefonie

Den Prototyp kann man per Bluetooth mit jedem Computer verbinden. Eine von dem 28-Jährigen eigens programmierte Software sorgt dafür, dass via Internet-Telefonie sexuelle Reize sowohl verschickt als auch über die Kunst-Genitalien an die User übertragen werden können.

Anders als bei der US-Entwicklung muss man – für viele wäre das ein Hemmnis – hierbei nicht mal ein Kabel im Genitalbereich applizieren. Und man reagiert durch seine Bewegungen unmittelbar mit dem Körper, klickt also nicht mit der Maus, um den angeschlossenen Partner zu erregen – ein gewagtes Hirngespinst selbst noch zu Zeiten, als die Telekommunikationsfirma AT&T 1983 den „Data Glove“ entwickelte, einen Handschuh, der Fingerbewegungen in elektrische Signale umwandeln konnte.


Heute ist der Teledildonik Realität, und im Grunde ist diese technische Entwicklung nur konsequent. In sozialen Netzwerken wie Facebook kann man Menschen rund um den Globus kennenlernen, ihnen per Mausklick die virtuelle Freundschaft antragen oder kündigen, und von Fällen, in denen Stuttgart-Degerloch auf Shanghai traf und sich in Folge eine interkontinentale Liebe samt Hochzeit entspann, las man schon in den 90ern in der Zeitung. Warum dann nicht auch sexuellen Kontakt aufnehmen zu den Menschen, die einem so fern und eben doch so nah sind?

Eine erweiterte Interaktion

Amir Vatan, Mitbegründer von Teledildonik-Hersteller HighJoy Products plant bereits, eine entsprechende Applikation bei Facebook anzubieten: „Bald wird es möglich sein, eine HighJoy-Funktion in sein Facebook-Profil einzubinden. Wer seine Teledildoniks angeschlossen hat, kann Anfragen zu virtuellem Sex schicken“, sagt Vatan. „Eine schöne Möglichkeit zur erweiterten Interaktion.“

Tatsächlich aber zählen zu den Teledildonik-Nutzern gegenwärtig vor allem Paare, und zwar solche, die auch im echten Leben miteinander – wann immer möglich – Tisch und Bett teilen. „Tausende von Soldaten, die im Ausland stationiert sind, nutzen unsere Geräte, um mit ihren Frauen intim verbunden zu bleiben“, sagt Amir Vatan. „Wenn ein Partner ständig beruflich unterwegs ist, ist das für die Beziehung problematisch.“ Die Gefahr des Seitensprungs auf Geschäftsreise – gebannt durch den Teledildonik.

Denkbar ist auch ein Einsatz in der Sexualtherapie.

Temple Grandin etwa könnte er helfen. Die Amerikanerin ist Savant, eine „Wissende“. Das heißt: Ihr Gehirn beherrscht Übermenschliches – aber gleichzeitig ist sie schwere Autistin. Liebe ist ihr ein unerklärliches Phänomen, körperliche Nähe unerträglich. Darum baute sie eine große Maschine, die mit turnmattenähnlichen Klappen Druck auf ihren Körper ausübt. Der Versuch, von ihr selbst mechanisch kontrolliert, Nähe auszuhalten.

Die philosophischen Fragen

Für Menschen wie Temple Grandin könnte ein Teledildonik der Schlüssel dazu sein, sich die körperliche Lust erstmals überhaupt zu erschließen. Mehr noch: Der Teledildonik kann eine Schnittstelle werden zur virtuellen Welt an sich. Technisch möglich ist bereits, einer Erotik-DVD nicht nur Bild und Ton, sondern auch die passenden Bewegungsdaten für den Teledildonik beizugeben – Konkurrenz für den leibhaftigen Sex.

Doch der virtuelle Sex wirft philosophische Fragen auf in Sachen Sexualmoral und Treue: Geht fremd, wer so ein Bordell aufsucht oder seinen Vibrator von einem Facebook-Freund in, sagen wir, Boston fernsteuern lässt?

Schließlich zerbrach vor einiger Zeit die Beziehung eines britischen Paares an sexueller Internet-Aktivität: John, im Computerspiel „Second Life“ bekannt als „Troy Hammerthall“, wurde von seiner Freundin Lisa dabei erwischt, wie er sein virtuelles Alter Ego Sex mit einem Mann haben ließ. „Was zum Teufel machst du da?“, fragte sie ihn. John klappte rasch den Laptop zu und redete sich eilig raus, das Ganze sei doch „nur virtuell, nicht im echten Leben“. Er sei weder schwul, noch sei das Untreue und überhaupt doch nur ein Spiel.

Doch die Zweifel nagten zu sehr an Lisa: „Wie“, fragte sie sich, „kann es sein, dass er lieber virtuellen Sex mit einem Mann bei ‚Second Life‘ hat als echten Sex mit mir?“ Lisa trennte sich von John – die ganz realen Folgen eines virtuellen Seitensprungs.