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Rugby mit Booten

Kanupolo ist eine besondere Spielart des Wassersports. Verletzungen können dabei nicht ausgeschlossenen werden, denn hier geht es ordentlich zur Sache

Auf dem Wasser herrscht scheinbar das pure Durcheinander. Es wird gedrängelt, geschubst und sich gegenseitig der Weg abgeschnitten – Regeln scheint es bei diesem Spiel nicht zu geben. Doch der Eindruck täuscht. „Geschubst werden darf ein Spieler zum Beispiel nur dann, wenn er gerade den Ball hat.“ Dennis Werner, ehemaliges Nationalkader-Mitglied in der U21-Mannschaft, sitzt in einem Begleitboot und beobachtet das wilde Treiben auf dem Wasser. Der Ball fliegt hoch, wird von einem Spieler der gegnerischen Mannschaft aufgefangen, dann paddeln alle schnell in der kleinen Bucht des Hohenzollern-Kanals zwischen Spandau und Reinickendorf an das andere Ende des Spielfeldes. Dort landet der Ball schließlich in einem basketballähnlichen Hängetor.

Es ist ein schnelles Spiel, das hier mittels Paddelboot und Paddel gespielt wird – und manchmal auch ein recht brutales. „Kapselrisse gibt es schon mal oder gebrochene Finger, wenn einen der Gegner mit dem Paddel voll erwischt“, sagt Werner. Seit 13 Jahren betreibt der 23-Jährige den Sport. Er kennt alle Feinheiten – und Gefahren des Sports. Bei einer sogenannten Eskimorolle etwa dreht sich das eigene Boot einmal um die eigene Achse und man gerät dabei kopfüber unter Wasser. „In dichtem Gedränge kann es dann schon mal ein paar Sekunden dauern, bis man wieder aus dem Wasser ist“, so Werner. Dann gelte es, nicht in Panik zu geraten.

„Kanupolo“ ist eine Spielart des Kanusports, die es in sich hat. Ist Kanufahren sonst eher etwas für Genießer und Ausflügler, so geht es hier zur Sache. Zwei Stunden dauert das Training der Klubmitglieder des Kajak-Clubs Nord-West Mitte dieser Woche – eine Zeit, in der sich die Sportler verausgaben und alles üben, was für das Kanupolo von entscheidender Bedeutung ist: Kraft und Ausdauer, Schnelligkeit und Reaktionsgeschwindigkeit gehören dazu. Wer bei dieser Sportart das erste Mal zuschaut, kann kaum glauben, was man mit einem kleinen Kanu alles anstellen kann, zum Beispiel, wie schnell die Kanupolo-Sportler in ihren Booten werden.

Als hätten die Boote eigene Motoren eingebaut

Bei einem Staffellauf im Paddelboot etwa, bei dem die jungen Männer und zwei Frauen Anfang 20 über das Spielfeld jagen, tauchen sie am Heck extrem tief in das Wasser ein, während sie am Bug ein regelrechte Welle erzeugen. Fast scheint es so, als hätten die Boote eigene Motoren eingebaut. Innerhalb weniger Sekunden geht es auf dem Spielfeld hin und her – inklusive Ballübergabe. Bis zu 45 Sekunden halten die Spieler das hohe Tempo auf dem Wasser durch, bis der Widerstand im Wasser durch die aufgebaute Bugwelle zu groß wird.

Dabei sind die verwendeten Boote im Gegensatz zum Rennsport speziell auf Wendigkeit und Stabilität ausgelegt – ein kräftiger Paddelschlag genügt meist schon – und der Spieler dreht sich im Kreis. Puffer an den Enden schützen die Boote bei nicht zu vermeidenden Kollisionen vor allzu starken Beschädigungen. Ein sehr häufig verwendetes Material im Kanupolo-Sport ist das sogenannte Vakuum-Composite-System, welches eine Hochleistungstechnologie für ultraleichte und gleichzeitig stabile Kajaks ist. Nur so können die Boote die Anforderungen des Wettkampfes erfüllen – nämlich andere Boote zu rammen oder unter andere Boote zu tauchen und die Gegner so auf die Seite zu werfen.

„Wer im Kanupolo erfolgreich sein will, der muss mit einem Boot regelrecht verwachsen“, erläutert Werner. Wenden, ausgedehnte, aber auch kleinste Kurven, Aufstopper, wie es sie im Segelsport auch gibt, zählen zum Handwerkszeug der Spieler. „Hinzu kommen noch Passen, Werfen und Blocken des Balls.“ Gut zwei bis drei Jahre dauere es, bis man den Sport beherrsche und man alles gleichzeitig koordinieren könne. So sagt Nathalie Herrmann, Europameisterin und Weltmeisterin in dieser Sportart: „Kanupolo ist extrem vielseitig.“ Normales Paddeln und Kanufahren ist für sie indes nicht interessant – es sei denn, es dient dem Ausdauertraining im Vorfeld der Wettkämpfe.

Es ist ein Sport, der in Deutschland kaum bekannt ist, obwohl es ihn hierzulande schon lange gibt. Bereits 1926 kam der Sport aus England nach Deutschland, wenn auch damals noch in deutlich anderer Form als heute: Das Spielfeld war größer, es waren mehr Spieler auf dem Wasser. „Man merkte damals jedoch schnell, dass die Wege viel zu groß waren, die die Paddler zurücklegen mussten“, erklärt Werner. Das Spielfeld wurde verkleinert – heute balgen sich zweimal fünf Spieler auf einem 25 mal 35 Meter großen Spielfeld. Der Ball darf dabei mit dem Paddel geschlagen oder geworfen werden, jeder darf einen Torwurf mit dem Paddel abwehren. Auch wenn das Ganze ein wenig an Rugby auf dem Wasser erinnert, so gibt es doch ausgefeilte Taktiken. „So darf der Gegner etwa geschoben, aber nicht zwischen zwei Booten eingeklemmt werden“, erläutert Werner. Gespielt wird zweimal zehn Minuten. Nach fünf Sekunden muss der Ball gepasst, nach spätestens 60 Sekunden aufs Tor geworfen werden.

Die Trainingsstunde ist in drei Teile eingeteilt. Nach dem Staffellauf gibt es Torwürfe. Der Ball wird den Spielern zugeworfen, sie nehmen ihn – je nachdem, was besser ist – mit dem Paddel oder mit der Hand an. Gute 20 Minuten fliegen die Bälle nur so über das Spielfeld, viele landen im Tor – es heißt Torwart gegen alle anderen Spieler. „Man muss stets alles trainieren“, erläutert Werner, weil man nie weiß, wann man plötzlich wie auf dem Spielfeld steht. Die Trainingseinheiten laufen daher nach dem stets gleichen Muster ab.

Mit Erfolg: Sage und schreibe 24 Mal sind die Kanupolo-Spieler des Kajak-Clubs Nord-West in den vergangenen drei Jahrzehnten bereits Deutsche Meister geworden. Weiterhin stellt der Verein zahlreiche Nationalspieler, und 2012 gewannen die Damen des Vereins die Kanupolo-Champions-League. Um so erfolgreich zu werden, ist dreimaliges Training pro Woche die Regel – während an den Wochenenden meist Turniere sind. Dafür reisen die Kanusportler durch ganz Deutschland oder ins Ausland.

Bedeutendster Wettkampf sind jedoch die alle vier Jahre ausgetragenen World Games, bei denen Kanupolo seit 2001 Programmsportart ist. Derzeit trainieren die Kanupolo-Sportler auch wieder besonders hart – denn schon in wenigen Wochen wird der Klub die Ostdeutsche Meisterschaft ausrichten.