Erneut wird der Start abgebrochen – zum nunmehr dritten Mal. Grund: Der Anker des Startschiffes hat sich losgerissen, das Boot treibt über den Wannsee. Die Korsare, schnelle Zweimann-Jollen, die mit Trapez und Spinnaker gesegelt werden, flitzen unterdessen davon. Es dauert, bis alle Segler wahrgenommen haben, dass sie noch einmal zurück zur Startlinie müssen. Kein leichtes Unterfangen: Eine tief liegende Sturmfront hat den Wannsee aufgepeitscht, Schaumkronen tanzen auf den Wellen. Auch für die rund 50 Teilnehmerboote der Internationalen Deutschen Meisterschaft der Korsare ist es nicht einfach, mit diesen Bedingungen klarzukommen.

Der vierte und letzte Regattatag ist zunächst vom Pech verfolgt. Bevor es erneut losgehen kann, muss der Kurs neu ausgelegt werden – der Wind hat gedreht. Große Bojen werden daher mit vereinten Kräften von Bettina Dittemer und Johannes Steinmüller an Bord eines kleinen Begleitbootes gezogen und nach Abstimmung über Funk mit Wettfahrtleiter Hans Christian Steinmüller an anderer Stelle wieder ausgesetzt.

Den ganzen Tag alsHelfer auf dem See

Der vierte Versuch klappt. Die Korsare jagen davon. Es ist Zeit für Bettina Dittemer und Johannes Steinmüller, ein wenig zu entspannen, auch wenn sie dabei konzentriert den Seglern hinterherschauen. Eine ihrer Aufgaben ist es schließlich, etwa bei einer Kenterung zu Hilfe zu eilen. Den ganzen Tag werden die beiden Helfer der Regatta auf dem See verbringen, sich immer wieder mit dem Wettfahrtleiter abstimmen.

Wettfahrtleitung, Tonnenleger, Schiedsrichter und Organisationsteam – es braucht viele helfende Hände, um so eine Wettfahrt zu stemmen. Erst recht gilt dies, wenn eine Deutsche Meisterschaft von einem kleineren Verein wie dem Segel-Club Ahoi ausgerichtet wird. Gerade einmal rund 140 Mitglieder hat der Klub – und gerade deshalb muss jeder mit anpacken. „Ein Jahr haben wir uns auf diese Meisterschaft vorbereitet“, erzählt Angela Kausche, die mit draußen ist auf dem sogenannten Tonnenleger. Denn zur ordnungsgemäßen Durchführung einer Meisterschaft gehört viel: Die DLRG muss informiert werden, damit sie die Wettfahrt absichert, es braucht eine behördliche Genehmigung der Regatta, an Land muss Platz geschaffen werden für Teilnehmer, die teilweise mit dem Caravan anreisen – und vieles mehr. Schließlich sind manche Segler sogar aus Polen oder Österreich angereist. Mit ihren Vereinskollegen Christian Guschke und Jochen Richter hat Kausche jede Menge Detailfragen abgeklärt. Viele im Verein haben sich für die einwöchige Veranstaltung sogar Urlaub genommen.

Während Berlins große Klubs wie der Verein Seglerhaus am Wannsee oder der Berliner Yacht-Club solche Veranstaltungen regelmäßig ausrichten, ist es für den Segel-Club Ahoi etwas ganz Besonderes – und eine Veranstaltung, die, wie Wettfahrtleiter Hans Christian Steinmüller betont, ohne Hilfe der Nachbarvereine gar nicht möglich wäre. „Beim Wasserski-Club Berlin hat man uns zum Beispiel beim Slippen der Boote unterstützt, auch konnten wir uns ein Startschiff beim Segler-Club Gothia ausleihen“, erklärt er. Es ist ein Punkt, den Steinmüller unterstrichen wissen möchte – „ohne gegenseitige Hilfe wären viele Segelregatten in Berlin gar nicht erst möglich.“ Und davon gibt es viele, besonders in diesem Jahr, denn gleich mehrere Klubs feiern ihr 125. oder 150. Jubiläum. So auch der Segel-Club Ahoi, der 125 Jahre alt wird.

Steinmüller blickt auf dem Startschiff ein paar Minuten später ebenfalls dem Feld hinterher – er entscheidet, wie gesegelt wird, wie die Regattabahn ausgelegt wird, ob eine Wettfahrt abgebrochen werden muss oder wo die Tonnen ausgelegt werden sollen. „Eine Wettfahrt dauert circa 45 bis 60 Minuten, in dieser Zeit kann viel passieren“, sagt er. Ein Boot war ein paar Tage zuvor vollgelaufen, ein anderes erlitt einen Mastbruch. Jederzeit ist Steinmüller daher über Funk mit allen Helfern in Kontakt.

So auch mit Olaf Wulf und Michael Guntsch, zwei Schiedsrichtern, die auf einem von zwei Schiedsrichterbooten um das Feld kreisen und mit Argusaugen darüber wachen, dass sich jeder Teilnehmer regelkonform verhält. Wulf ist seit 40 Jahren Schiedsrichter, Guntsch seit fast 50 Jahren. Wie alle anderen machen auch sie ihre Arbeit ehrenamtlich. Fünf Tage hintereinander, bis zu sechs Stunden am Stück sind die beiden allein bei dieser Meisterschaft auf dem Wasser, beobachten und beurteilen das Geschehen, nehmen Proteste von Seglern entgegen. „Erwischen wir jemanden, der zum Beispiel heimlich mit dem Segel pumpt, um noch ein wenig mehr Vortrieb zu erzeugen, so strafen wir ihn ab, und er muss eine Wende und eine Halse fahren. Das ist sozusagen eine Zeitstrafe“, erklärt Wulf.

Nach den Wettfahrten ist für sie noch nicht Feierabend – dann geht es zu den Protestverhandlungen, bei denen sie entscheiden müssen, ob der Vorwurf eines Seglers gerechtfertigt war. „Das kann sich unter Umständen bis spät abends hinziehen“, sagt Wulf. Michael Guntsch war sogar schon Schiedsrichter bei Europa- und Weltmeisterschaften. Um sich schon auf dem Wasser sicher zu sein, was ein Regelverstoß war und was nicht, blicken beide meist in die gleiche Richtung. „Oft diskutieren wir dann auch schon an Bord darüber“, ergänzt Guntsch. Nur eines sind sie nicht – aus dem Segel-Club Ahoi.

„Schiedsrichter sollen wegen ihrer Unabhängigkeit aus anderen Klubs kommen“, erläutert Wulf. So ist er Mitglied in der Seglervereinigung Havel, während Michael Guntsch aus dem Segelclub Odin stammt. Das Gefühl, etwas ganz Besonderes gestemmt zu haben, an das man sich im Segel-Club Ahoi noch sehr lange erinnern wird, können sie daher nur begrenzt teilen.

Deutsche Meister in der Korsar-Klasse werden schließlich die Berliner Uti und Frank Thieme vom Berliner Yacht-Club beziehungsweise vom Potsdamer Yacht Club. Es war der fünfte Titel in Folge für das Team.

Nächste Woche: Wer den Wassersport in Berlin prägt und voranbringt