Spitzenforschung

Wie Berliner Wissenschaftler die Haut retten wollen

Von Neurodermitis bis hin zum Schwarzen Hautkrebs – Hautkrankheiten nehmen in Deutschland dramatisch zu. Namenhafte Wissenschaftler haben jetzt eine Stiftung gegründet, mit der die Hautforschung in Deutschland vorangebracht werden soll. Morgenpost Online sprach mit Professor Khusru Asadullah von der Berliner Charité über das bedrohte Organ Haut.

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Immer mehr Menschen leiden an Hautkrankheiten – von Neurodermitis bis hin zum Schwarzen Hautkrebs. Berliner Wissenschaftler haben jetzt eine Stiftung gegründet, mit der die Hautforschung in Deutschland vorangebracht werden soll. Ihr Ziel ist die Gründung eines Deutschen Hautforschungszentrums. Einer der Initiatoren ist der renommierte Dermatologe Khusru Asadullah (41). Er ist Professor an der Berliner Charité und leitete von 2001 bis 2005 die dermatologische Forschung der Berliner Schering AG. Das Gespräch mit dem Hautspezialisten führte Norbert Lossau.

Morgenpost Online: Herr Professor Asadullah, wie kann man sich eine gesunde Haut erhalten?

Khusru Asadullah: Was man gar nicht genug betonen kann, ist ein verantwortungsvoller Umgang mit direkter Sonnenbestrahlung. Das gilt insbesondere für Kinder, die bei Sonnenwetter am Badestrand am besten einen leichten Textilschutz tragen oder zumindest ausreichend durch Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor geschützt sein sollten. Denn die Haut hat ein Gedächtnis. Ein Schaden, der ihr in jungen Jahren zugefügt wurde, kann sich später als Hautkrebs rächen.

Morgenpost Online: Welche Zeiträume meinen Sie?

Khusru Asadullah: Zunächst einmal gilt auch hier: Die Menge macht das Gift. Es ist belegt, dass häufige Sonnenbrände in der Kindheit das Risiko erhöhen, als Erwachsener an Hautkrebs zu erkranken. Das Tückische ist, dass dies 30 bis 40 Jahre später erfolgt. Wir haben bis heute den Mechanismus nicht verstanden, der mit dieser großen zeitlichen Verzögerung zur Erkrankung führt.

Morgenpost Online: Bedeutet die lange Zeitverzögerung, dass man sich als Rentner ungestraft der Sonne aussetzen darf?

Khusru Asadullah: Nein. Gerade bei älteren Patienten treten sehr häufig epitheliale Hauttumoren auf, die dann zwar nicht ganz so bösartig wie der Schwarze Hautkrebs, aber deshalb ja nicht ungefährlich. Wenn die Behaarung am Kopf schon etwas zurückgegangen ist, sollte man vorsichtshalber in der Sonne einen Hut tragen.

Morgenpost Online: Wie vermeidet man entzündliche Hautleiden?

Khusru Asadullah: Uns ist bis heute nichts bekannt, wie sich die Entstehung von entzündlichen Hauterkrankungen im Vorfeld verhindern lassen könnte. Ich kann hier nur empfehlen, möglichst schnell zum Hautarzt zu geben, sobald eine Veränderung der Haut festgestellt wird.

Morgenpost Online: Sie wollen ein Deutsches Hautforschungszentrum gründen. Welches sind die Gründe dafür?

Khusru Asadullah: Der Bedarf an besseren Therapien gegen Hauterkrankungen ist sehr groß. Hauterkrankungen gehören zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt. Die Zahl der Patienten mit Entzündungen oder Tumoren der Haut nimmt zu. Und die Therapien, die uns heute zur Verfügung stehen, sind nicht voll befriedigend. Da aber andererseits die Mechanismen der Krankheitsentstehung immer besser verstanden werden, gibt es die Chance, neue, bessere Therapien zu entwickeln. Diese Chance wollen wir nutzen und Grundlagenforschung leisten.

Morgenpost Online: Ist die Forschung heute ungenügend?

Khusru Asadullah: Die dermatologische Forschung in Deutschland ist durchaus wettbewerbsfähig. Wir haben Universitätshautkliniken mit exzellenten Forschern. Doch insgesamt wird das Potenzial, das in diesem Gebiet steckt, noch nicht voll genutzt. Wir wollen daher eine Institution schaffen, die die Forschungsaktivitäten von Universitäten und Industrie sowie zwischen Grundlagen- und klinischer Forschung besser vernetzt.

Morgenpost Online: Was werden die ersten Fragen sein, die Sie bearbeiten wollen?

Khusru Asadullah: Uns interessieren besonders die entzündlichen Hauterkrankungen sowie Tumoren der Haut. Zum einen, weil hier der Bedarf an besseren Therapien sehr groß ist. Zum anderen, weil es sehr häufige Hauterkrankungen sind. Außerdem sind dies Erkrankungen mit Modellcharakter. Hauttumoren könnten, weil sie sich viel besser studieren lassen als Tumoren im Körperinneren, als Modelle für andere Krebsleiden dienen.

Morgenpost Online: Nehmen die entzündlichen Hauterkrankungen in Deutschland zu?

Khusru Asadullah: Ganz eindeutig ja. Wir sehen das insbesondere bei der atopischen Dermatitis, die im Volksmund als Neurodermitis bezeichnet wird. Hier gibt es einen dramatischen Anstieg. Inzwischen leiden zehn bis 20 Prozent aller Schulkinder an Neurodermitis, die mit einem erheblichen Juckreiz verbunden ist.

Morgenpost Online: Was ist heute bekannt über die Neurodermitis?

Khusru Asadullah: Es gibt Hypothesen, wonach wir es bei der atopischen Dermatitis mit einer überschießenden Reaktion des Immunsystems auf relativ banale Umweltreize zu tun haben. Sicher ist auch, dass es eine genetische Komponente gibt.

Morgenpost Online: Ist Neurodermitis also eine Auto-Immunerkrankung?

Khusru Asadullah: Nein. Das Immunsystem reagiert hier ja auf äußere Reize. Es könnte aber sein, dass es sich bei der Schuppenflechte um eine Auto-Immunerkrankung handelt. Betrachtet man das Alter, in dem die Schuppenflechte erstmals auftritt, so gibt es ein Muster mit zwei Häufungen im Alter um das 20. und um das 50. Lebensjahr. Deshalb kann man bei der Schuppenflechte einen Typ 1 und einen Typ 2 unterscheiden. Bei vielen Auto-Immunerkrankungen gibt es ein ähnliches Muster. Auch die entzündlichen Botenstoffe deuten auf eine Auto-Immunerkrankung hin. Doch der direkte Beweis, dass Psoriasis eine Autoimmunerkrankung ist, steht aus.

Morgenpost Online: Sind entzündlichen Hautleiden erblich bedingt?

Khusru Asadullah: Auf jeden Fall. Sowohl die Schuppenflechte als auch die Neurodermitis treten familiär gehäuft auf. Wir gehen also davon aus, dass sich das Risiko die Krankheit zu entwickeln, vererbt. Allerdings kann man im Einzelfall nicht vorhersagen, ob jemand die Krankheit tatsächlich ausbilden wird.

Morgenpost Online: Eine Vision könnte also eine Gentherapie gegen Neurodermitis sein?

Khusru Asadullah: Bis zu einer Gentherapie ist es noch ein weiter Weg. Doch ausgeschlossen ist es nicht, dass dies einmal möglich sein könnte. Gerade bei der gut erreichbaren Haut könnte ich mir vorstellen, dass sich Therapien entwickeln lassen, die genau so gut aber viel einfacher anzuwenden sind, wie eine Gentherapie.

Morgenpost Online: Damit meinen Sie die Suche nach neuen Wirkstoffen?

Khusru Asadullah: Ja. Wobei die Innovation sich hinter dem Wort Suche verbirgt. Bislang war es so, dass man in der Dermatologie die Arzneimittel eher zufällig gefunden hat. Irgendjemand hat mal dieses oder jenes ausprobiert, und dann wurden die Symptome besser oder schlechter. Dagegen ist nichts einzuwenden, viele Therapien sind so entstanden. Doch heute leben wir in der Zeit, in der wir anfangen zu verstehen, was bei der Erkrankung eigentlich passiert. Daraus ergibt sich die Chance, gezielter einzugreifen. Verbunden damit ist die Hoffnung, dass wir bessere Wirkungen und weniger Nebenwirkungen erreichen.

Morgenpost Online: Und dies gilt analog auch für die Behandlung von Hauttumoren?

Khusru Asadullah: Ja. Auch hier ist die Idee, dass wir durch ein besseres molekulares Verständnis zu besseren Therapien kommen wollen.

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