S. Bender, Neukölln: Meine Zwergwidder-Dame Alma reißt sich neuerdings das Fell aus und häuft es mit ihrem Heu zusammen. Es sieht so aus, als wolle sie ein Nest bauen. Dabei kann sie unmöglich trächtig sein. Ist das normal?
Andreas Ochs: Wenn Sie wirklich absolut ausschließen können, dass Ihr Zwergwidder trächtig ist, handelt es sich beim Haarerupfen von Alma sicherlich um eine hormonell ausgelöste Verhaltensänderung.
Momentan haben wir die Jahreszeit der natürlichen Paarungszeit der Kaninchen, bei der der verstärkte Lichteinfluss die Hormone und den Zeitpunkt der Paarungsbereitschaft, den sogenannten Östrus oder die „Brunst“, besonders intensiv vorbereiten lässt. Zwar haben Kaninchen – wenn sie nicht trächtig werden – regelmäßig über das ganze Jahr ablaufende, befruchtungsfähige Sexualzyklen. Lichteinstrahlung, Fütterung, Temperatur und auch die Rangordnung nehmen jedoch jetzt vermehrt Einfluss auf die Hormonaktivität.
In dieser Zeit der „Hitze“ beobachtet man häufig das von Ihnen beschriebene Rupfen vor allem der Bauchhaare oder auch noch andere Nestbauaktivitäten. Die können sogar manchmal mit einer erhöhten Aggressivität des Tieres einhergehen. Nach etwa zwei bis drei Wochen sollte sich das Verhalten von Alma aber wieder normalisiert haben.
Eine Besonderheit der Hasenartigen
Nun gibt es allerdings eine Besonderheit in der Fortpflanzungsphysiologie der Hasenartigen: Anders als bei anderen Tierarten, erfolgt der Eisprung (die Ovulation) nicht automatisch als Folge der zyklischen Hormonaktivitäten, sondern wird erst durch den Deckakt selbst hervorgerufen. Man bezeichnet dieses Phänomen als „induzierte Ovulation“, die übrigens auch den Katzenartigen zu Eigen ist.
Wenn nun der Eisprung infolge fehlender Kopulationsmöglichkeit nicht stattfindet, kann der Organismus aber trotzdem so reagieren, als ob es zu einer erfolgreichen Befruchtung gekommen wäre. Dann würde man von einer Scheinträchtigkeit sprechen.
Diese erkennen Sie am geschwollenen Milchdrüsenbereich, auffälligeren Zitzen und einem Nestbauverhalten, das, anders als bei der bloßen „Hitze“, sorgfältig an guten Verstecken und sehr zielgerichtet erfolgt. Bei einer länger als drei Wochen dauernden oder häufiger auftretenden Scheinträchtigkeit, sollten Sie sich auf jeden Fall in einer tierärztlichen Praxis beraten lassen.
Rechtshinweis: Wir bemühen uns, möglichst viele Fragen zu beantworten. Dennoch behalten die Experten sich vor, bestimmte Bereiche auszuklammern. Bei sensiblen Fragen werden die Nachnamen auf Wunsch anonymisiert. Einen Rechtsanspruch auf eine Antwort haben Sie nicht. Eine Haftung ist ausgeschlossen.
Wenn Sie Fragen an unsere Experten haben, können Sie diese per E-Mail schicken an ratgeber@morgenpost.de oder per Post an Berliner Morgenpost, Stichwort Ratgeber, Kurfürstendamm 21-22, 10874 Berlin

