Ratgeber Recht

Schwierig, wenn der Miterbe verschollen ist

Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt, Notar bei RAUE PartmbB und Experte für Familien- und Erbrecht. Hier beantwortet er Leserfragen.

Rechtsanwalt Dr. Max Braeuer.

Rechtsanwalt Dr. Max Braeuer.

Foto: Amin Akhtar

Leserfrage: Wir sind ein Ehepaar, 77 und 74 Jahre alt. Wir haben vor vielen Jahren ein Berliner Testament aufgesetzt, in dem wir uns gegenseitig beim Ableben des Partners als Erben eingesetzt haben. Wir haben zwei Söhne, einer davon lebt seit vielen Jahren in Südamerika. Es besteht kein Kontakt, und es ist keine Adresse bekannt. Die Frage ist nun, wie verhält es sich mit dem Erbschein, wenn ein Partner stirbt? Da der Sohn nicht auffindbar ist, kann er nicht für die Ausstellung des Erbscheins herangezogen werden. Was wird dann mit dem Erbe und dessen Realisierung? Die gleiche Frage stellt sich bezüglich der Söhne und des Erbes, wenn der zweite Partner verstorben ist.

Dr. Max Braeuer: Sie beschreiben, dass Sie und Ihre Frau sich in einem Berliner Testament gegenseitig zu Erben eingesetzt hätten. Ein solches Testament ist zwar ein wirksames gemeinschaftliches Testament, es ist aber kein Berliner Testament. Sie regeln nur, wer Erbe sein soll, wenn der Erste von Ihnen beiden stirbt. Für den zweiten Erbfall haben Sie keine Regelung getroffen. Sie sollten deshalb nachdenken, was Sie für diesen Fall regeln wollen. Der Begriff „Berliner Testament“ ist zwar ein sehr üblicher und häufig verwendeter Begriff. Eine offizielle Bezeichnung ist das jedoch nicht. Im Gesetz wird der Begriff Berliner Testament an keiner Stelle erwähnt. Üblicherweise versteht man darunter ein Testament, in dem zunächst der überlebende Ehegatten den zuerst verstorbenen allein beerbt. Dann wird weiter angeordnet, dass die Kinder Erben des zuletzt versterbenden sein sollen. Das können gemeinsame Kinder sein, aber auch Kinder, die nur zu einem der Eheleute im Verwandtschaftsverhältnis stehen. Dieser Teil fehlt in Ihrem Testament offenbar.

Da das Berliner Testament keine offizielle Testamentsform ist, sind Sie auch nicht gezwungen, sich in Ihrem Fall daran zu halten. Sie können für den zweiten Erbfall auch andere Personen benennen oder nur einen Ihrer beiden Söhne. Wenn Sie ein Testament errichten, sind Sie ganz frei, wen Sie zu Ihrem Erben bestimmen wollen. Ihr bisheriges Testament enthält noch keine Regelung für den zweiten Erbfall. Wenn Sie das Testament nicht ändern und der zweite von Ihnen stirbt, regelt sich die Erbfolge nicht mehr nach dem Testament, sondern nach dem Gesetz. Dann werden beide Söhne gleichberechtigte Erben sein. Das können Sie verhindern, indem Sie etwas anderes anordnen.

Der Sinn eines Berliner Testamentes ist auch, dass es nach dem Tode des ersten Ehepartners nicht mehr geändert werden kann. Werden in dem Testament Kinder zu Schlusserben bestimmt, dann kann der zunächst überlebende Ehegatte nicht andere Personen, etwa einen neuen Ehepartner, als Erben einsetzen. Allerdings ist auch das nicht zwingend. Sie können im Testament regeln, dass der überlebende Ehegatte das Testament noch ändern kann. So könnten Sie zum Beispiel auf die Idee kommen, jetzt Ihren verschollenen Sohn zu enterben. Gleichzeitig könnte dem überlebenden Ehegatten die Möglichkeit eingeräumt werden, den Sohn noch zum Erben zu machen, wenn er wieder auftaucht.

Im Erbscheinsverfahren werden Sie voraussichtlich keine Probleme haben. Beim ersten Erbfall gibt es ja nur einen Erben, nämlich den Ehepartner. Er kann einen Erbschein beantragen, die Mitwirkung der Söhne ist dafür nicht notwendig. Schwierig wird es im zweiten Erbfall, wenn der verschollene Sohn Miterbe ist. Zwar werden bei der Erteilung eines Erbscheines keine großen Probleme entstehen. Ihr Sohn kann jedoch die Erbschaft nur mit dem Bruder in Besitz nehmen und nur gemeinsam mit ihm auseinandersetzen. Das kann erhebliche Schwierigkeiten bereiten, wenn der andere nicht aufzufinden ist. Es wird sinnvoll sein, wenn Sie das bei der Bestimmung Ihrer Erben bedenken.

Wenn Sie eine Frage haben, schreiben Sie bitte eine Mail an folgende Adresse: berlin@morgenpost.de­.

Ein Rechtsanspruch auf eine Antwort besteht nicht. Eine Haftung ist ausgeschlossen.