Wenn Igor Levit in Interviews über Beethovens Waldstein-Sonate spricht, überschlagen sich seine Worte wie die Töne in der Musik selbst. Als „größtes Geschenk“ bezeichnet der Star-Pianist diese Sonate in einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk: „Ich kenne keinen Vergleich in Beethovens Klaviermusik, wo körperliches Erleben so zu Musik wird wie das hier.“ Er spricht von diesem besonderen „Herzschlag“, von einem ersten Satz, der in einem „rasenden Puls“ dahineilt. In Levits Worten und in den Vergleichen leuchtet auf, wie sehr Kunst und Menschsein zusammengehören, wie elementar wichtig sie für das menschliche Wohlbefinden ist.
Kunst während der Pandemie: Die Sehnsucht nach der Musik
Das zeigte sich auch im Frühjahr 2020. Als alle Konzertsäle, Theaterbühnen und Ausstellungsräume geschlossen waren, setzte sich Igor Levit in seinem Wohnzimmer an seinen schwarzen Steinway-Flügel und lud die Welt über seinen Twitter-Account ein, ihm zu lauschen. Und es dürstete die Menschen danach. 200.000 Menschen saßen an ihren Endgeräten, als er die Waldstein-Sonate spielte. Es war der Auftakt zu Levits legendären Social-Media-Hauskonzerten. Der Ausnahmepianist setzte damit in einer emotionalen Diskussion ein eindrucksvolles Zeichen: Musik ist systemrelevant.
Levit fand Nachahmer. Der Oboist Albrecht Mayer, der sonst die Säle in New York, Vancouver und Salzburg füllt, zog im Sommer durch Berliner Parks und spielte vor den Menschen, die eben gerade da waren. Die Sehnsucht nach Livemusik und Gemeinschaft war so groß, dass die Menschen sich weltweit zu festen Zeiten auf ihren Balkonen trafen, um gemeinsam zu singen.


