Psychologie

Altersforscherin: Das ist die Formel für ein langes Leben

| Lesedauer: 7 Minuten
Kai Wiedermann
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Nach dem Berufsleben geht’s bergab? Nein, sagt Altersforscherin Susanne Wurm. Der wichtigste Antrieb im Alter: Ziele und Pläne haben.

Berlin. Menschen, die mit dem Älterwerden persönliche Ziele und Pläne verbinden, leben länger. Ihre Lebenserwartung erhöht sich um bis zu 13 Jahre, so das Ergebnis von Überlebenszeitanalysen der Universitätsmedizin Greifswald.

Professorin Susanne Wurm hat die im Fachmagazin „Journal of Personality and Social Psychology“ veröffentlichte Studie gemeinsam mit ihrer Kollegin Sarah Schäfer durchgeführt. Ein Gespräch über die Kunst des Älterwerdens.

Frau Wurm, wie machen Sie eine Überlebenszeitanalyse?

Susanne Wurm: Mit Überlebenszeitanalysen kann man Sterberaten unterschiedlicher Gruppen von Personen vergleichen. In unserer Studie zeigte sich für Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen vom eigenen Älterwerden, den sogenannten Altersbildern, ein erheblicher Unterschied in ihrer Lebenserwartung – rund 13 Jahre. Als Datengrundlage diente der Deutsche Alterssurvey, eine deutschlandweit repräsentative Studie. Für 2400 Menschen, die im Jahr 1996 befragt wurden und zwischen 40 und 85 Jahre alt waren, wussten wir für die folgenden 23 Jahre, wer wann verstorben war und wer noch lebte.

Was macht Ihre Studie so besonders?

Wurm: Lassen Sie mich so anfangen: Altersbilder sind bedeutsam dafür, wie gesund wir älter werden, dazu gibt es rund 100 Studien. Vergleichsweise wenig wissen wir zur Rolle von Altersbildern für die Langlebigkeit. Das Besondere an unserer Studie ist, dass wir Altersbilder in verschiedenen Lebensbereichen untersucht haben und dadurch konkret sagen können, ob es wichtiger für ein langes Leben ist, möglichst wenige Verluste oder vielmehr Gewinne mit dem Älterwerden zu verbinden.

Wie haben Sie das gemacht?

Wurm: Im Deutschen Alterssurvey wurde danach gefragt, wie Menschen das Älterwerden erleben: wie sehr verbinden sie damit soziale Verluste, körperliche Verluste und eine persönliche Weiterentwicklung? Viele Menschen erleben sowohl Verluste als auch Gewinne mit dem Älterwerden. Was davon ist nun aber bedeutsam für die Langlebigkeit oder vorzeitige Sterblichkeit? Das konnten wir nun zeigen.

Was hat Sie an den Ergebnissen überrascht?

Wurm: Wir waren erstaunt, dass vor allem eine gewinnorientierte Sicht aufs Älterwerden zu einem langen Leben beiträgt – hier zeigen sich die 13 Jahre Unterschied. Eine verlustorientierte Sicht verkürzt demgegenüber nicht die Lebenszeit. In dieser Deutlichkeit hatten wir das nicht erwartet.

Was bedeuten die Ergebnisse für jeden von uns?

Wurm: Übersetzt gesprochen heißt das: Es macht einen großen Unterschied für die Langlebigkeit, wie stark Menschen das Älterwerden mit persönlicher Weiterentwicklung verbinden, ob sie also Ziele und Pläne haben, Ideen verwirklichen oder etwas Neues lernen können. Das Empfinden von Sinn im Leben ist eine wichtige Energiequelle, ein Lebensantrieb. Wenn wir diesem Bedürfnis nachgehen können, dann kann das unser Leben verlängern.

Sinnsuche statt Wunderpille oder Jungbrunnen.

Wurm: Leider wird viel zu oft danach gefragt, wie wir die biologische Uhr zurückdrehen oder ein Medikament entwickeln können, das uns verjüngt. Das ist ein Ausdruck unserer jugendzentrierten Welt. Das Älterwerden wird dagegen oftmals einseitig negativ gesehen. Unterschätzt wird dabei, wie sehr unsere Einstellungen dazu beitragen, wie gesund und wie lange wir leben. Eine Pille einzunehmen, erscheint einfacher, als einen anderen Blick auf das Älterwerden zu haben. Dabei kann dies einen so großen Effekt haben.

Wie kann ich meinen Blick aufs Alter denn verändern?

Wurm: Suchen Sie sich positive Seiten des Älterwerdens und hinterfragen Sie die typischen negativen Bilder vom Alter. Bleiben Sie offen und neugierig und probieren Sie immer wieder etwas Neues aus, bleiben Sie beweglich in jeder Hinsicht – im Kopf wie mit dem Körper. Viele negative Seiten des Alters haben wir von Kindheit an gelernt. Es lohnt sich, diese Altersstereotype zu hinterfragen. Auch interessant: Rente: Freiwillig länger arbeiten – darum lohnt es sich

Können Sie da mal Beispiele nennen?

Wurm: Nehmen Sie die Darstellung von der Lebenstreppe. Sie stellt das Leben bis zur Lebensmitte als aufsteigende Entwicklung dar und ab der Mitte geht es nur noch bergab bis zum Tod. Das trifft so aber häufig nicht zu. Tatsächlich kann das Leben zu jeder Zeit unerwartete Richtungen nehmen: mal bergauf, mal bergab. Oder nehmen Sie unsere Sprache: „Sie sehen für Ihr Alter aber noch gut aus.“ Oder auch: „Wie toll, dass Sie das in diesem Alter noch können.“ Diese vermeintlichen Komplimente betonen die Defizite, in dem das Alter mit dem Wort „noch“ verknüpft wird – ein Wort, das übrigens viel zu häufig im Zusammenhang mit dem Alter verwendet wird.

Was sollten wir Ihrer Meinung nach tun?

Wurm: Wir sollten solche und ähnliche Sätze hinterfragen. Und nie damit aufhören, Dinge lernen zu wollen. Zum Lernen zählt auch, manche Verluste zu akzeptieren, die wir mit dem Älterwerden erleben. Die große Kunst des Älterwerdens ist, die Balance zu finden zwischen dem Verfolgen meiner Ziele, also dem, was mich antreibt und ausfüllt und dem Loslassen dessen, was ich nicht ändern kann. Es geht nicht darum, das Altern schönzureden. Aber das Älterwerden geht nicht nur mit Verlusten einher. Wir sehen bei Menschen gerade in der nachberuflichen Phase, dass sie ganz neue Ideen und Interessen entwickeln. Da gibt es viele Gewinne. Lesen Sie auch: 300 Euro Energiebonus – So bekommen ihn auch Rentner

Warum schaut Deutschland so aufs Alter?

Wurm: Deutschland erlebt einen starken demografischen Wandel, die Babyboomer gehen zunehmend in den Ruhestand. Ältere Menschen haben häufig negativere Altersbilder als jüngere. Doch dies wandelt sich glücklicherweise. Menschen erleben in ihrer nachberuflichen Lebensphase, dass sie anders alt werden als noch ihre Eltern oder Großeltern. Wir sehen, dass sie ein positiveres Altersbild haben als Menschen, die vor 20 Jahren im gleichen Alter waren.

Die Vereinten Nationen haben die Zeit von 2021 bis 2030 zur Dekade des gesunden Älterwerdens ausgerufen. Was ist aus Ihrer Sicht die drängendste Aufgabe?

Wurm: Eines der wichtigsten Ziele ist, gegen Altersdiskriminierung, negative Altersstereotype und negative Vorstellungen vom eigenen Älterwerden vorzugehen; im Englischen wird dies zusammenfassend als ageism bezeichnet. Eine Kollegin von mir, Becca Levy, hat in einer Studie berechnet, welche Gesundheitskosten in den USA durch Ageism entstehen: 63 Milliarden Dollar pro Jahr. Es lohnt sich also in vielerlei Hinsicht, dringend über Altersbilder nachzudenken. Auch interessant: PC und Smartphone im Alter: Einstieg ins Internet meistern

Dieser Artikel erschien zuerst auf abendblatt.de.