NDR-Podcast

Indische Mutation: Wie Virologin Ciesek die Gefahr beurteilt

| Lesedauer: 4 Minuten
So funktioniert der digitale Impfnachweis

So funktioniert der digitale Impfnachweis

Der Sommer rückt näher, ebenso der digitale Impfpass. Er soll eine Alternative zum „gelben Nachweisheft“ und schon bald verfügbar sein.

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Virologin Sandra Ciesek erklärt im NDR-Podcast, wie sie die Gefahr der indischen Mutation einschätzt - und spricht über Misch-Impfungen.

Berlin. Wie effektiv schützen Kreuzimpfungen vor einer Infektion mit dem Coronavirus? Und: Wie verträglich ist die Vakzin-Mischung überhaupt? Das fragen sich Menschen, die eine erste Dosis Astrazeneca verabreicht bekommen haben – und nun nach dem Impfstopp eine zweite Dosis eines anderen Vakzins bekommen sollen oder wollen. Laut Bundesgesundheitsministerium sind das über zwei Millionen Menschen in Deutschland.

Die Frage nach dem sogenannten heterologen Boost beschäftigte am Dienstag das NDR-Podcast "Coronavirus-Update" mit Sandra Ciesek, Leiterin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt. Forschende der Universität Oxford haben erste Daten zur Sicherheit und Verträglichkeit des heterologen Boosts veröffentlicht – die Daten zur Wirksamkeit folgen im Juni. "Eine interessante Studie", befand Virologin Ciesek. Die Daten aus der "Com-CoV"-Studie seien "mit Spannung" erwartet worden.

Untersucht wurden vier Gruppen, die entweder nur mit Astrazeneca, nur mit Biontech oder beiden Impfstoffen im Wechsel geimpft wurden. Der Abstand zwischen den Impfungen betrug entweder vier Wochen oder 12. Letzterer entspricht dem in Deutschland derzeit von der Ständigen Impfkomission (Stiko) überwiegend empfohlenen Abstand zwischen erster und zweiter Impfung.

Zweitimpfung nach Astrazeneca: "Nichts Dramatisches beobachtet worden"

Im Ergebnis deutet die Studie darauf hin, dass bei einer heterologen Impfung mehr systemische Beschwerden aufträten, als bei einer Impfserie, die ausschließlich mit Astrazeneca durchgeführt wird. Zu diesen Beschwerden zählten Muskel- und/oder Kopfschmerzen sowie Müdigkeit. "Aber es musste keiner deswegen ins Krankenhaus", stellte Ciesek klar, "und die Symptome wurden vor allem 48 Stunden nach der Impfung beobachtet." Danach klängen diese wieder ab. Das sei natürlich unangenehm, "aber es ist nichts Dramatisches beobachtet worden".

Ganz wichtig sei auch: "Es trat bei keinem der Impfschemata eine Thrombopenie auf." Dieser Mangel an Blutblättchen im zeitlichen Zusammenhang mit einer Astrazenca-Impfung hatte in Deutschland mehrere Menschen das Leben gekostet und letzten Endes den Impfstopp ausgelöst.

Astrazenca und mRNA-Impfstoff: "Keine Sicherheitsbedenken"

Zwar liege das mittlere Alter der Studienteilnehmerinnen und Teilnehmer bei 57, die Ergebnisse seien daher auf jüngere Menschen vielleicht nicht uneingeschränkt übertragbar. "Wenn man erst 20, 25, 30 Jahre alt ist, kann es sein, dass es zu stärken Reaktionen kommt", gab die Virologin zu bedenken.

Aber: "Bei uns ist der Abstand in der Regel länger." Es sei gut möglich, dass die Beschwerden geringer seien, wenn mehr Zeit zwischen beiden Impfungen vergeht. Wichtig sei aber vor allem: "Es gab laut der Autoren keine Sicherheitsbedenken für dieses heterologe Schema."

Ciesek stellte abschließend klar, dass man nicht zu 100 Prozent davon ausgehen dürfe, dass die stärkeren Impfreaktionen bedeuteten, auch der Impfschutz sei bei gemischten Impfungen höher. Das lasse sich erst aus den noch zu veröffentlichenden Daten der Studie ablesen: "Wir müssen die entgültigen Ergebnisse abwarten."

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Coronavirus-Update: Immun-Escape bei indischer Variante nur "leichte Einschränkung"

Neben dem heterologen Boost behandelte das Coronavirus-Update unter anderem auch Fragen zu indischen Variante. Diese kann nach Einschätzung der Frankfurter Virologin die Wirkung der Impfung schwächen, ihren Schutz aber nicht ausschalten. Die inzwischen schon in Dutzenden Ländern kursierende Mutante B.1.617 hatte in Deutschland zuletzt einen Anteil von weniger als 2 Prozent, mit steigender Tendenz allerdings.

"Die Varianten aus Indien haben einen leichten Immun-Escape, also eine leicht verminderte Wirksamkeit", sagte Ciesek. Was man beobachte, sei "eine leichte Einschränkung, aber kein vollständiges Versagen der Impfungen".

Berichte aus Großbritannien, wonach sich Altenheimbewohner trotz vollständiger Impfung mit dieser Variante neu angesteckt haben, beunruhigen Ciesek nicht allzu sehr: Kein Impfschutz wirke vollständig, gerade bei Älteren mit schlechterem Immunsystem. Reinfektionen seien nicht verwunderlich. "Das Wichtige ist, dass diese Menschen nicht schwer erkranken."

Ob die indische Variante die Öffnungsschritte der Briten gefährden, könne man derzeit noch nicht abschätzen. Auch in Deutschland müsse man beobachten, ob der Anteil der indischen Variante weiter ansteige oder ob die Zahlen stagnierten. Dabei könne Deutschland von den Daten aus Großbritannien profitieren, wo diese Variante weiter verbreitet sei und wo mehr sequenziert werde. (pcl/mit dpa)

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