Ratgeber Recht

Das jüngste Testament ersetzt alle älteren

Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt, Notar bei RAUE PartmbB und Experte für Familien- und Erbrecht

Experte. Anwalt Max Braeuer (Familien- und Erbrecht)

Experte. Anwalt Max Braeuer (Familien- und Erbrecht)

Foto: Amin Akhtar

Leserfrage: Ich finde ein Testament im Nachlass und gebe dieses beim Nachlassgericht ab. Was passiert, wenn ich nach zwei Monaten im Nachlass ein neueres, also aktuelleres Testament (jüngeren Datums) finde? Welches Testament gilt?

Dr. Max Braeuer: Es ist jedenfalls richtig, dass Sie das Testament, welches Sie gefunden haben, beim Nachlassgericht abgegeben haben. Dazu waren Sie gesetzlich verpflichtet. Die Verpflichtung entsteht, sobald die Person, die das Testament geschrieben hat, verstorben ist. Jeder, der nach dem Tod eines Menschen dessen Testament in Besitz hat oder es sonst wie findet, muss es beim Nachlassgericht abgeben. Nachlassgericht ist dasjenige Amtsgericht, in dessen Bezirk der Verstorbene zuletzt gelebt hat. Die Verpflichtung gilt natürlich auch, wenn der Verstorbene mehrere Testamente hinterlassen hat und wenn eines der Testamente erst zu einem späteren Zeitpunkt aufgefunden wird. Das Nachlassgericht hat zunächst nur die Funktion, die Testamente zu sammeln und sicherzustellen, dass nichts verloren geht.

Zumeist ist eindeutig, wer nach den hinterlassenen Testamenten Erbe sein soll. Es kann aber natürlich auch widersprüchliche Testamente geben, wie offenbar in Ihrem Fall. In den Testamenten werden unterschiedliche Personen zu Erben bestimmt. Dann muss festgestellt werden, welches Testament das gültige ist. Häufig steht in der Einleitung eines Testamentes, dass alle früheren Testamente widerrufen werden. Dann gilt natürlich nur noch die Erbeinsetzung aus dem zuletzt errichteten Testament. Das gilt aber auch ohne einen solchen einleitenden Widerrufssatz. Dann muss das Testament ausgelegt werden, und im Zweifel soll ein jüngeres Testament immer alle älteren Testamente ersetzen. Wann das Testament gefunden und eingereicht worden ist, spielt dafür keine Rolle. Entscheidend ist, wann das jeweilige Testament geschrieben worden ist. Das zuletzt geschriebene ersetzt alle älteren.

Es kann natürlich leicht Streit darüber entstehen, welches Testament das jüngere ist. Möglicherweise hat eines der Testamente gar keine Datumsangabe. Das Datum auf dem Testament muss auch nicht richtig sein. Ebenso kann auch Streit darüber entstehen, ob jedes dieser Testamente wirklich echt ist, also möglicherweise gar nicht von dem Verstorbenen stammt oder nachträglich verändert worden ist. Diesen Streit entscheidet das Nachlassgericht nicht automatisch. Erst wenn einer der möglichen Erben beantragt, ihm einen Erbschein auszustellen, dann muss das Nachlassgericht prüfen, ob die vorliegenden Testamente echt sind und welches gilt. Das Nachlassgericht muss alle möglichen Mittel anwenden, um die Testamente zu prüfen. Trotzdem wird das nicht in allen Fällen zweifelsfrei möglich sein.

Um diese Schwierigkeiten zu vermeiden, kann der Erblasser vor seinem Tod schon einiges tun. Am sichersten ist, wenn er das Testament nicht selbst schreibt, sondern von einem Notar aufsetzen lässt. Dann kann mit Hilfe der notariellen Urkunde ohne jeden Zweifel nachgewiesen werden, von wem das Testament stammt und welchen Inhalt es ursprünglich hatte. Auch wer sein Testament, weil ihm das möglicherweise zu teuer ist, nicht von einem Notar aufsetzen lassen möchte, sondern mit der Hand schreibt, muss es nicht zu Hause verwahren, sondern kann es zum nächstgelegenen Amtsgericht bringen.

Dort wird es hinterlegt, und dann steht zumindest fest, wann es hinterlegt worden ist und dass es danach nicht mehr verändert wurde. Ganz falsch wäre es jedenfalls, was trotzdem häufig vorkommt, das handgeschriebene Testament im Safe oder Schließfach zu verwahren. Dann kann niemand das Testament finden, weil ja nur der Erbe berechtigt ist, das Schließfach zu öffnen. Solange das Testament nicht bekannt ist, wird möglicherweise eine ganz andere Person als Erbe bestimmt. Wenn diese Person dann das Schließfach öffnet und ein Testament findet, das einen ganz anderen Erben ausweist, dann wird die Versuchung groß sein, das Testament einfach verschwinden zu lassen.

Wenn Sie eine Frage haben, schreiben Sie bitte eine Mail an folgende Adresse: berlin@morgenpost.de­. Ein Rechtsanspruch auf eine Antwort besteht nicht. Eine Haftung ist ausgeschlossen.