Kajaktour

So fühlt sich Urlaub in Brandenburg an der Havel an

Fast 20 Prozent der Stadtfläche sind von Wasser bedeckt: Brandenburg an der Havel ist der perfekte Ort für Paddel- und Bootstouren.

Urlaub in der Heimat: Diese fünf Seen sind lohnende Reiseziele

Ob Fans von Open-Air-Festivals, Wanderer oder Wassersportler: Die deutschen Seen haben für jeden etwas zu bieten. Wir stellen fünf von ihnen im Video vor.

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Brandenburg an der Havel. 
  • Urlaub in Deutschland wird wegen der Corona-Pandemie zur attraktiven Alternative zum Sommerurlaub in Italien und Co.
  • Brandenburg an der Havel ist vor allem bei Bootliebhabern gefragt: Denn ein Großteil der Stadtfläche ist mit Wasser bedeckt
  • Wir zeigen, was man über die Stadt wissen muss

Schlingpflanzen wuchern, meterhoch steht das Schilf. Flauschige Pollen schweben wie Wattebäusche durch die dicke Luft. Stoisch thront ein Reiher auf einem Holzpflock. Eine Entenmutter beäugt die Paddler misstrauisch, dann eskortiert sie ihre Jungen quer durch das Seerosenfeld im engen Jakobskanal.

Unter der Vogelfamilie wabern die Blätter von Wasserpflanzen wie grüne Lappen im klaren Nass. Pure Wildnis sozusagen – und dabei doch mitten in der Zivilisation: „Wenn wir hier aussteigen würden, wären wir gleich in einer der beliebtesten Einkaufsstraßen Brandenburgs“, sagt Christian Heise, der Führer der Paddeltour durch die in der Reiseregion Havelland gelegene 72.000-Einwohner-Stadt.

Fast 20 Prozent ihrer Fläche sind von Wasser bedeckt: Seen, Kanäle, mittelalterliche Flutgräben – und natürlich die Havel, die sich hier in mehrere Arme verzweigt.

Brandenburg an der Havel: Modellstadt für das Leben am und auf dem Wasser

Plötzlich steigt ein muffiger Kellergeruch in die Nasen der Kajaker, vermischt mit einer süßlichen Nuance, die sich keiner erklären kann. „Ein einstiges Süßwarenkombinat der DDR“, ruft Christian Heise übers Wasser und zeigt auf eine Industrieruine.

„Hier hatte ich mal einen Ferienjob. Wenn Kekse vom Band fielen, durften wir naschen. Die aus der Westproduktion schmeckten wesentlich besser als die für den Osten.“ Brandenburg an der Havel war seit dem Mittelalter wirtschaftlich erfolgreich, zunächst als Mitglied der Hanse, später als Industriestandort. Doch nach der Wende mussten viele Fabriken schließen.

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Seitdem hat sich Brandenburg in eine Modellstadt für das Leben am und auf dem Wasser entwickelt: Historische Mühlen verwandelten sich in Lofts, Fabriken in Hotels, und in einer einstigen Spinnerei residiert ein Drive-in-Supermarkt mit eigenem Anleger für Jachten und Hausboote.

Auf dem Wasser herrscht in Brandenburg reger Verkehr

Am buntesten wirkt die Mischung der verschiedenen Epochen am Mühlendamm, dem Startpunkt der Paddeltour: Hier stehen wacklige Pfahlbauten der Stadtfischer neben mächtigen Backsteinmühlen, ein historisches Pegelhäuschen neben einer Fabrikantenvilla. Und aus dem bunt getupften Grün der Kleingärten ragt der Turm des Doms, der im Jahr 948 als erster östlich der Elbe errichtet wurde.

Christian Heise steuert in den Stadtkanal, der Untere und Obere Havel miteinander verbindet. Auf dem Wasser herrscht reger Verkehr: Ruderboote, Jachten, Motorboote, Kanus. Und dazwischen baden Kinder am Rande der Fahrrinne. „Das ist zwar nicht erlaubt – wird aber geduldet“, sagt Heise. Ein altes Gewohnheitsrecht der Einheimischen.

Dem wilden Baden habe die Stadt schon Anfang des 19. Jahrhunderts Einhalt gebieten wollen, erklärt Heise. Damals entstanden viele Strandbäder und Badeanstalten an der Havel. Zu DDR-Zeiten ging man lieber ins Umland, doch inzwischen ist die Wasserqualität auch in der Stadt hervorragend. „Das Wasser ist so klar, dass die Fischer sich beschweren, weil sie keine Hechte mehr fangen, die trübes Wasser mögen.“

„Die Natur und das Wasser waren die Schätze meiner Kindheit“, schwärmt der Stadtführer. Der 49-jährige promovierte Chemiker ist in Brandenburg aufgewachsen, bevor er zum Arbeiten nach Süddeutschland ging – wie damals viele junge Leute auch. Im Jahr 2008 zog ihn die Sehnsucht nach dem Wasser zurück in die Heimat, seitdem pendelt er zwischen einem Job in Berlin und seiner Passion für Geschichte, die er als Stadtführer auslebt.

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Durch verwunschene Kanäle, unter der „Bauchschmerzenbrücke“ hindurch

Immer wieder biegt Heise in einen Seitenarm oder verwunschen wirkenden Kanal und erzählt die Geschichten einzelner Gebäude. Zum Beispiel von der Kammgarnspinnerei, in der schottische Arbeiter den Deutschen einst ihr Handwerk beibrachten. Oder der „Bauchschmerzenbrücke“, die sich der Legende nach krümmte, als neben ihr Essig in einer Senfmühle auslief. „Er war so sauer, dass sich die Brücke vor Schmerzen verzog“, sagt der Paddelführer.

Im Jakobskanal dümpeln schicke hölzerne Segelboote, eines heißt „Seewölfchen“. „Können Sie kaufen!“, ruft Bernd Helmers vom Ufer herüber. Der Jollenkreuzer ist für rund 7000 Euro zu haben. „Solche Klassiker sind derzeit kaum gefragt, weil man viel Arbeit reinstecken muss“, sagt der passionierte Segler, bei dem man auch Boote mieten oder in einem historischen Holzboot am Steg übernachten kann.

„Als ich Ende der Neunziger nach Brandenburg kam, gab es hier noch keinen Segelbootvermieter, stattdessen wollten viele verkaufen“, erklärt der Charterer. „Auch heute haben die Segelvereine große Nachwuchsprobleme.“ Stattdessen boomen Hausboote, die man ohne Führerschein mieten kann. Als Reaktion auf die Corona-Krise bietet Helmers die kontaktfreie Kanuvermietung über QR-Code, demnächst auch von Stand-up Paddleboards.

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Gärten haben eine lange Tradition in Brandenburg an der Havel

Zum Abschluss geht es einmal rund um die Dominsel. Das historische Ensemble liegt eingebettet in Kleingartenanlagen mit Obstbäumen und kleinen bunten Datschen. Am Ufer stehen Blumentöpfe in Reih und Glied, die Blüten ranken bis ins Wasser. An den Stegen der Besitzer dümpeln kleine Motorboote in den Seerosen, Jugendliche sitzen auf brüchigen Treppenabgängen beim Quatschen und Qualmen.

„Wir haben angeblich die höchste Kleingartendichte pro Kopf in Deutschland“, sagt Sabine Borchert. Die Gärtnerin sitzt mit ihrem Nachbarn Uwe Schugardt am Ufer, um sie herum gedeihen Zwiebeln und Spitzkohl, Erdbeeren und Bohnen.

Das Gartenwesen hat eine lange Tradition in Brandenburg, viele Grundstücke liegen direkt an der Havel. An Sommerwochenenden ist die Innenstadt deshalb oft wie ausgestorben. Die meisten Gärten werden innerhalb der Familie „vererbt“, erzählt Borchert. „Hier treffen Sie Senioren, die schon als Kinder im gleichen Garten rumgetobt haben.“

Die Warteliste im Verein „Die Insel“ ist lang, der Zusammenhalt groß. Das spüren auch die Jachtbesitzer, die manchmal mit dröhnenden Motoren das Tempolimit überschreiten. „Dann pfeifen wir ihnen gemeinsam aus allen Gärten hinterher“, sagt Schugardt lachend. Bei den Rehen dagegen, die regelmäßig auf die Dominsel schwimmen, um an den Rosenknospen zu knabbern, ist Pfeifen vergebliche Mühe.

Ebenso wie bei den Enten, die eine unerklärliche Vorliebe für Erdbeeren entwickelt haben. Erst recht beim Biber, der sich hin und wieder ein ganzes Obstbäumchen klaut. „Das sind die Nachteile des Gartens am Wasser“, sagt Sabine Borchert. „Aber wunderschön ist es trotzdem!“ Die Wildnis – in Brandenburg kommt sie bis in die Stadt.

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Brandenburg an der Havel: Tipps

Bootstouren: Die Stadt Brandenburg organisiert auf Anfrage eine sieben Kilometer lange geführte Tour im Kajak. Im historischen Bootshaus am Dom gibt es neben Paddelbooten auch Tretboote mit Elektroantrieb für Stadttouren.

Weitere Informationen bieten der Tourismusverband Havelland sowie die Tourismusgesellschaft Brandenburg an der Havel.