Hygiene

Hände desinfizieren – unerlässlich oder übertrieben?

Viele Menschen zücken in diesen Tagen ihre Desinfektions-Fläschchen, um sich vor Krankheiten zu schützen. Was Hygieneexperten raten.

Coronavirus verbreitet sich weiter rasend schnell

Zehntausende Erkrankte und viele hundert Tote: Das Coronavirus hat sich über die ganze Welt verbreitet. In Teilen Chinas steht das öffentliche Leben still. Die Symptome ähneln einer Grippe.

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Berlin. Es ist Grippesaison, und die Angst vor dem neuartigen Coronavirus geht um. Für viele Menschen Gründe genug, um das Desinfektionsmittel zu zücken. Es wird gesprüht und gewischt. Doch Hygieneexperten halten das in vielen Fällen für unnötig.

Sicher, der ungarische Chirurg und Geburtshelfer Ignaz Semmelweis habe Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Erfindung der Desinfektion nicht nur unzähligen Müttern das Leben gerettet, sagt etwa Dr. Birgit Ross, Leiterin der Krankenhaushygiene am Uniklinikum Essen, „er hat damit die Medizin verändert“.

Hygiene: „Im normalen Alltag ist Desinfektion nicht angebracht“

Semmelweis hatte seine Ärzte angewiesen, sich die Hände in Chlorkalk zu tunken, bevor sie zu den gebärenden Frauen gingen. Die Müttersterblichkeit sank drastisch. Heute ist Desinfektion in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen eine für Patienten lebenswichtige Routine.

„Aber im normalen Alltag ist Desinfektion nicht angebracht“, sagt Ross. Für gesunde Menschen, die keine Angehörigen pflegen, spiele Desinfektion nicht nur eine untergeordnete Rolle, sagt auch Dr. Ernst Tabori, Leiter des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Freiburg und selbst Infektiologe, „sie spielt gar keine Rolle“.

„In der Regel können wir mit Keimen gut umgehen“

Grundsätzlich sind Desinfektionsmittel in der Lage, Viren, Bakterien und Pilze abzutöten. Sie fressen Löcher in die Hüllen der Erreger oder zerstören die Eiweiße, also die Bausteine, aus denen sie gemacht sind. „Anders als zum Beispiel Antibiotika, die gegen bestimmte Bakterien wirken, haben sie eine unspezifische Wirkung“, erklärt Dr. Henning Mallwitz.

Er leitet den Bereich Forschung und Entwicklung der Bode Chemie GmbH, einer Tochter der Paul Hartmann AG, die wiederum Desinfektionsmittel herstellt. Das bedeutet: Die Mittel töten auf Händen und Flächen für den Moment weitgehend alle Mikroorganismen ab – unbestritten ein Segen für die Medizin, sind sich alle Experten einig.

Doch es müsse immer einen Grund für eine Desinfektion geben, sagt Professor Martin Exner, Direktor des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit. Und den gebe es im Alltag gesunder Menschen selten. „In der Regel können wir mit Keimen ganz gut umgehen“, sagt Exner. Unser Immunsystem habe das über Jahrmillionen gelernt.

Wie man sich am besten vor einer Ansteckung schützt

Die beste Möglichkeit, um sich vor Krankheiten zu schützen, ist und bleibt also noch immer das Händewaschen. Das sagen die Weltgesundheitsorganisation, das Robert-Koch-Institut, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. „Wer morgens nach einer Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins Büro kommt, wäscht sich einfach gründlich die Hände“, sagt Tabori. Dann müsse auch niemand seine Tastatur desinfizieren – auf der krankmachende Viren ohnehin nur selten überlebten.

„Erst wenn ich diese Möglichkeit nicht habe und zum Beispiel dem kranken Nachbarn die Hand gegeben habe, sollte ich zu einem Desinfektionsmittel greifen“, sagt auch Birgit Ross. Auch wer Angehörige pflegt, auf Reisen ist, am Flughafen in langen Schlangen steht oder einen Partner hat, den das Norovirus erwischt hat, sollte sich unbedingt die Hände desinfizieren. „Ich rate auch dazu, immer etwas zu Hause zu haben, um schnell reagieren zu können“, sagt Exner.

Welche Produkte helfen – und welche nicht

Wer sich ein Desinfektionsmittel kaufen möchte, kann einige Dinge beachten. „Wichtig ist, dass es ein Händedesinfektionsmittel auf Alkoholbasis ist und dass es umfassend untersucht ist“, sagt Henning Mallwitz. Genauso eine gute Hautverträglichkeit, dass die Mittel also zum Beispiel rückfettende Substanzen enthalten. Auch auf einen ausreichenden Alkoholgehalt sollte man achten, sagt Hygieneexpertin Ross: „Mindestens 70 Prozent Alkohol sollte ein Produkt haben. In Drogeriemärkten gibt es auch Produkte mit 35 Prozent, die helfen einfach nicht.“

Und Flächen? „Hier ist es mir ein besonderes Anliegen zu sagen: Niemand sollte unnötig zu Desinfektionstüchern greifen“, sagt Ross. Sie seien nicht für den Menschen gemacht, besonders Kinder sollten damit nicht in Berührung kommen. „Im Krankenhaus trägt das Personal Handschuhe, wenn es die Tücher verwendet.“ Doch einige Hersteller suggerierten, dass man seine Familie nur mit diesen Mitteln richtig vor Krankheiten schützen könne, kritisiert Ernst Tabori.

Gelten diese Hygieneregeln auch für das neuartige Coronavirus?

Tatsächlich ist die Produktpalette zur Entfernung möglichst aller Bakterien, breit: Hygienespüler, die die Wäsche von Bakterien befreien sollen. Handseife, die Bakterien tötet. Putzmittel, das „99 Prozent“ der Bakterien tötet. Händedesinfektion speziell für Kinder. „Es ist ein Spiel mit der Angst der Menschen und dem schlechten Gewissen der Hausfrauen und -männer“, sagt Tabori, „auch mit Folgen für die Umwelt.“ Denn ein desinfizierendes Putzmittel töte auch Keime ab, die für die biologische Abbauarbeit im Abwasser wichtig sind.

Ob all die Hygieneregeln auch für das neuartige Coronavirus gelten, kann derzeit nur vermutet werden. Bislang gilt auch hier das Händewaschen als wichtigstes Mittel, um sich vor einer Infektion zu schützen. Nun haben Forscher aus Greifswald und Bochum herausgefunden, dass sich Coronaviren bei Raumtemperatur bis zu neun Tage lang auf Oberflächen halten können und infektiös bleiben. Im Schnitt überlebten sie zwischen vier und fünf Tagen, schreiben die Forscher im „Journal of Hospital Infection“.

„Trotzdem gilt auch hier weiterhin: Wer sich an Orten mit vielen Menschen aufgehalten hat, sollte sich danach die Hände waschen“, sagt Martin Exner. „Außerdem sollte man sich angewöhnen, sich nicht ständig in Mund oder Augen zu fassen.“

Wer trotzdem Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus hat, kann ein normales Desinfektionsmittel für Hände oder Flächen benutzen. „Denn das neuartige Coronavirus ist ein sogenanntes behülltes Virus“, sagt Exner. Es habe also eine Hülle, und die sei für Desinfektionsmittel sehr anfällig.

Seife und Desinfektionsmittel können Haut schädigen

Desinfektionsmittel und Seife können die Hände allerdings auch austrocknen, bei häufiger Anwendung sogar belasten. Hier hilft regelmäßiges Eincremen, weil die Haut bei häufigem Waschen an Feuchtigkeit verliert.

Daher sollte man Handcreme gut einmassieren – indem man die Creme etwa so verteilt, als ob man einen Handschuhe überzieht. Am besten beginnt man damit am Handrücken, rät Birgit Huber vom Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel. „Die Creme wird in kreisenden Bewegungen Handrücken gegen Handrücken verteilt“, erklärt die Kosmetikexpertin. „Danach kommen die Finger an die Reihe – ganz so, als wollte man einen Fingerhandschuh überstreifen.“

Auch Fingernägel und Nagelhaut sollte man bedenken, damit diese geschmeidig bleiben. „Abschließend werden Handteller und Unterarme versorgt.“Bleiben die Hände trotz aller Bemühungen rau, helfe ein Handpeeling, um abgestorbene Hautzellen zu entfernen. „Schließlich die Hände dick eincremen und Handschuhe aus Baumwolle oder kurzzeitig Einmalhandschuhe überziehen“, sagt Huber.

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