Ratgeber Recht

Habe ich einen Halb- oder einen Stiefbruder?

Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt, Notar bei Raue PartmbB und Experte für Familien- und Erbrecht

Experte. Anwalt Max Braeuer (Familien- und Erbrecht)

Experte. Anwalt Max Braeuer (Familien- und Erbrecht)

Foto: Amin Akhtar

Leserfrage: Ich bin 64 Jahre alt und habe einen Halb- oder Stiefbruder. Wir haben dieselbe Mutter. Er ist 69 Jahre alt und stammt aus der ersten Ehe unserer Mutter. Sein leiblicher Vater ist schon vor 68 Jahren gestorben. Unsere Mutter hat danach wieder geheiratet. Ihr zweiter Ehemann ist mein Vater. Dieser hat meinen Halb- bzw. Stiefbruder in den gemeinsamen Haushalt aufgenommen, jedoch nicht adoptiert. Unsere Mutter ist vor 13 Jahren, ihr zweiter Ehemann, also mein Vater ist vor 17 Jahren gestorben. Mein Halb- bzw. Stiefbruder lebt seit Jahren von der Grundsicherung. Wenn er stirbt, übernimmt meines Wissens auf Antrag das zuständige Sozialamt die Bestattungskosten. Meine diesbezüglichen Fragen sind: Wofür und in welcher Höhe würde das Sozialamt Kosten übernehmen? Eine „freie“ Grabstätte gäbe es noch nicht. Meine Eltern liegen beide in einem Doppelgrab, ich bin der Besitzer. Kommt das Sozialamt auch auf mich zu? Muss ich erst das Erbe ausschlagen, um aus dieser eventuellen Verpflichtung rauszukommen? Zur Begrifflichkeit: Gibt es für mich weitere bedeutsame Unterschiede zwischen einem Halb- und einem Stiefbruder? Was ist die oben erwähnte Person für mich (und umgekehrt)?

Dr. Max Braeuer: Für Sie ist die Unterscheidung wichtig, ob der Sohn Ihrer Mutter aus deren erster Ehe Ihr Stiefbruder oder Ihr Halbbruder ist. Die Unterscheidung kann auch aus rechtlichen Gründen von Bedeutung sein, weil sie nämlich mit einem Stiefbruder überhaupt nicht verwandt wären. Tatsächlich sind Sie aber nicht Stiefgeschwister, sondern Halbgeschwister. Stiefgeschwister könnten Sie haben, wenn Ihre Mutter, nachdem Ihr Vater gestorben war, ein weiteres Mal geheiratet hätte. Kinder, die dieser neue Mann mit in die Ehe bringt, wären Stiefkinder Ihrer Mutter und Stiefgeschwister von Ihnen. Mit Stiefgeschwistern sind Sie weder über den Vater noch über die Mutter verwandt. Mit Ihrem Bruder, zu dem Sie Ihre Fragen stellen, haben Sie aber eine gemeinsame Mutter. Über diese gemeinsame Mutter sind Sie als Geschwister miteinander verwandt. Sie sind allerdings nur Halbgeschwister, weil Sie zwar eine gemeinsame Mutter, jeder von Ihnen aber einen anderen Vater hat.

Ihr Halbbruder lebt von der Grundsicherung. Sie haben Sorge, dafür in Anspruch genommen zu werden. Diese Sorge müssen Sie nicht haben. Grundsicherung ist eine Art Rente, für die die Verwandten nicht aufkommen müssen. Sie ist etwas anderes als Sozialhilfe, bei der die Verwandten des Hilfeempfängers unter gewissen Voraussetzungen in Anspruch genommen werden können. Der Begriff der Verwandten ist hier aber sehr eng zu verstehen. Verpflichtet sein können allenfalls Eltern oder Kinder. Geschwister schulden einander keinen Unterhalt. Deshalb kann auch keine Behörde, die Ihrem Halbbruder Unterstützung gewährt, auf Sie zukommen. Das ist offenbar bisher nicht geschehen; Sie müssen deshalb auch in Zukunft nicht damit rechnen.

Sie haben offenbar auch Sorge, für ein Begräbnis Ihres Halbbruders, sollte er vor Ihnen sterben, aufkommen zu müssen. Ihr Halbbruder selbst kann nach seinem Tode keine Ansprüche mehr haben, auch nicht gegenüber seinen Angehörigen. Es ist der Staat, der möglicherweise auf Sie zukommen wird. Der Staat hat dafür zu sorgen, dass Verstorbene beerdigt werden. Unter gewissen Voraussetzungen kann die Stadt Berlin diese Verpflichtung nahen Angehörigen auferlegen, die dann gegenüber der Stadt verpflichtet sind, für ein Begräbnis zu sorgen. Wenn aber zu Ihrem Halbbruder außer der Herkunft von derselben Mutter nie eine familiäre Beziehung bestanden hat, ist nicht damit zu rechnen, dass Sie wegen des Begräbnisses in Anspruch genommen werden. In jedem Falle würde die preisgünstigste Begräbnisform gewählt werden, und keinesfalls können Sie verpflichtet werden, das Doppelgrab Ihrer Eltern für die Beerdigung Ihres Halbbruders zur Verfügung zu stellen.

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