Schule

Halbjahresende: Mit den Kindern über das Zeugnis reden

| Lesedauer: 6 Minuten
Sonja Fröhlich
Nach einem lernreichen Jahr stehen am Freitag die Halbjahreszeugnisse an.

Nach einem lernreichen Jahr stehen am Freitag die Halbjahreszeugnisse an.

Foto: iStock/Wavebreakmedia / iStock

Das erste Schulhalbjahr endet – und für manche mit schlechten Noten. Eltern und Schüler sollten jetzt gemeinsam nach Lösungen suchen.

Berlin.  „Giftzettel“ sagt man noch immer dazu: Heute gibt es für rund 400.000 Schüler in Berlin Zeugnisse, genauer: Zwischenzeugnisse. Zwar geht es noch nicht um Versetzungen oder Abschlüsse, trotzdem werden die Halbjahres-Beurteilungen vielen Sorgen bereiten – wenn sie denn mies ausfallen. Vorwürfe sind aber fehl am Platz. Experten raten Eltern, sich Zeit zu nehmen, um mit den Kindern gemeinsam den Ursachen für die Lücken auf den Grund zu gehen. Dabei sollten sie sich aber nicht als Hilfslehrer verstehen.

Für was sind Halbjahreszeugnisse gut?

Die Zeugnisse zum Halbjahr sind natürlich nicht so wichtig wie die zum Schuljahresende, die auch über Versetzungen entscheiden. Aber: „Sie zeigen einen Zwischenstand, eine Art Kontoauszug, der Orientierung bietet. Sind die Leistungen schlecht, bleibt jetzt Zeit, die Defizite zu kompensieren“, sagt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des deutschen Philologenverbandes in Berlin.

Welche Wirkungen haben schlechte Noten auf Schüler?

Vorübergehend könnten sie als Alarmzeichen dafür empfunden werden, sich demnächst mehr anstrengen zu müssen, sagt Eiko Jürgens, Professor für Schulpädagogik an der Universität Bielefeld. „Bringt ein Schüler aber dauerhaft schlechte Noten mit nach Hause, kann das zur Resignation führen. Dann denkt der Schüler etwa: Ich kann Mathe sowieso nicht – also muss ich damit leben.“ Schlechte Noten führen auch dazu, dass das Selbstbewusstsein des Kindes erschüttert wird – möglicherweise auch zur Stigmatisierung in der Klasse. Während sich laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Fact die meisten der Sechs- bis Achtjährigen noch auf die Zeugnisse freuen, gab einer von drei 14-Jährigen an, vor der Ausgabe unter Stress zu leiden. Zwölf Prozent sprachen sogar von Angst.

Was sagen Noten überhaupt über die Leistungen meines Kindes aus?

Für viele Experten sind Noten eher ungeeignet, Leistungen zu bemessen. Das Zeugnis bildete vor allem Rangplätze im Lehrplanvergleich ab, sagt auch Jürgens. „Zensuren sind intransparent. Sie basieren, egal ob positiv oder negativ, auf Scheinobjektivität und Zufälligkeit.“ Eltern könnten allein an den Ziffern nicht erkennen, welche Leistungen tatsächlich dahinterstehen. Beispiel: Schreibt ein Schüler in einem Fach nur gute Noten, macht aber seine Hausaufgaben einige Male nicht, wirkt sich das auch negativ auf die Zeugnisnote aus.

Warum sind Noten dennoch wichtig?

Auch Kritiker räumen ein, dass Zeugnisnoten als Türöffner gelten, um im späteren Leben erfolgreich zu sein. In größeren Unternehmen zählen zumeist nur die Abschlusszeugnisse, kleinere Betriebe gucken aber genauer hin. Zudem sind Zensuren wichtig für den Wechsel in ein anderes Schulsystem oder für die Bewerbung um einen Studienplatz. Auch wenn die Beurteilungen oft als nicht gerecht empfunden werden: Die meisten Deutschen wollen an den guten alten Schulnoten festhalten und plädieren für leistungsorientierte Schulen.

Wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im vergangenen Jahr ergab, finden drei von vier Deutschen Schulnoten auch weiterhin sinnvoll – im Osten mit 81 Prozent sogar noch mehr als im Westen mit 74 Prozent. Auch dass Schüler bei schwachen Leistungen „sitzenbleiben“ müssen, halten danach mehr als 80 Prozent für richtig.

Welche Gründe gibt es für schlechte Noten?

Gerade, wenn die Noten im Laufe eines Schuljahres immer schlechter werden, könnte die Situation eine Rolle spielen. Gibt es Schwierigkeiten mit einem Lehrer oder in der Klasse? Gibt es Probleme in der Familie, etwa eine Trennung? Ist Mobbing im Spiel? Ist der Zeitplan überfüllt? Oder liegt ein anderes Schulproblem vor? „Meistens liegen die Ursachen für schlechte Leistungen tiefer“, resümiert Jürgens. Manche Kinder seien aber auch Spätentwickler, andere lernten langsamer oder schämten sich, allein vor der Klasse zu sprechen. „Man sollte auch die Individualität der Kinder respektieren und hoffen, dass der Lehrer das auch tut.“

Wie sollten Eltern auf schlechte Noten reagieren?

Ein schlechtes Zeugnis führt häufig zu Streit, Zerwürfnissen, manchmal sogar zu gefährlichen Kurzschlussreaktionen. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage gaben mehr als ein Drittel der befragten Eltern an, dass es aufgrund von Schulnoten regelmäßig zum Streit kommt. Experten raten Eltern von Vorwürfen und Druck, gar Ultimaten und Strafen, unbedingt ab. „Druckmittel können, wenn überhaupt, nur zu kurzfristigen Erfolgen führen“, sagt Jürgens. Langfristig lösten sie aber Lernblockaden und seelische Störungen aus.

Disziplinarmaßnahmen zerstörten zudem das Vertrauensverhältnis des Kindes. Eltern sollten sich vielmehr als Helfende positionieren und nach gemeinsamen Lösungen suchen. „Man sollte seinen Kindern klar zeigen, dass man hinter ihnen steht und ihnen helfen will“, sagt der Erziehungswissenschaftler.

Wie kann konkrete Hilfe bei Wissenslücken aussehen?

„Versuchen Sie sich nicht selbst als Hilfslehrer“, rät Jürgens den Eltern. „Kinder wollen zu Hause nicht auch noch wie in der Schule beurteilt werden. Dann laufen Sie Gefahr, das Vertrauen zu zerstören – und die Kinder machen dicht.“ Wer Lerndefizite hat, sollte diese mit Nachhilfeunterricht von außen aufholen – entweder durch erfahrene Schüler oder ausgebildete Lehrkräfte, einzeln oder in der Gruppe. Das Zwischenzeugnis gibt Zeit, Lernziele zu definieren und kurzfristige Lücken zu schließen. Länger als zwei Monate sollte die Extraportion aber nicht dauern, meint Verbandschef Meidinger. Auch Vereinbarungen könnten nun getroffen werden – etwa begrenzte Zeiten fürs „Daddeln“ mit dem Smartphone.

Sollten gute Noten belohnt werden?

Darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Für Erziehungswissenschaftler Jürgens spricht nichts dagegen, gute Noten etwa mit Geld, einem Geschenk oder gemeinsamen Ausflügen zu belohnen. Letzteres sei auch bei weniger guten Leistungen sinnvoll, nach dem Motto: „Jetzt entspannst du erst einmal und wir machen etwas Schönes zusammen – und danach kümmern wir uns gemeinsam um Lösungen.“