Psychologie

Warum Scheitern keine Schande ist – sondern eine Kunst

In kaum einem Land sind Misserfolge so verpönt wie in Deutschland. Dabei ist Scheitern das Normalste der Welt – und manchmal hilfreich.

Enttäuschungen sind nicht leicht wegzustecken, doch wer sie richtig anpackt, weiß beim nächsten Mal, wie es besser geht.

Enttäuschungen sind nicht leicht wegzustecken, doch wer sie richtig anpackt, weiß beim nächsten Mal, wie es besser geht.

Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Berlin.  Es passiert uns allen. Beim Diktat in der Schule, bei der Fahrprüfung, im Derby gegen den Erzrivalen, bei Bewerbungen, im Job, in der Liebe. Wir machen Fehler. Ständig. Immer wieder. Nur wissen soll das bitte keiner. Ist nämlich ganz schön unangenehm. Und überhaupt: Was sollen die Leute denken?

Scheitern hat ein Imageproblem. Wer es erlebt, möchte es am liebsten ungeschehen machen, nicht mehr darüber reden, wahlweise die Wohnung auseinander nehmen oder sich die Decke über den Kopf ziehen und nie wieder darunter hervorkommen. Auf jeden Fall stellt er sich nicht auf die Bühne und posaunt sein Scheitern in die Welt hinaus.

Als Alleinerziehende alles verloren

Anne Koark hat genau das gemacht. Die gebürtige Britin gründete 1999 ihr eigenes Unternehmen „Trust in Business“, mit dem sie ausländischen Firmen half, in den deutschen Markt einzusteigen. 2001 erhielt sie einen Existenzgründer-Preis, betreute 2002 die Delegation des kanadischen Präsidenten. 2003 war sie pleite.

Koark verlor alles: ihre Wohnung, ihr Handy, ihr Auto, ihre Lebensversicherung, den Zugriff auf ihre Konten. Und das als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Es gibt Menschen, die sich nach einer Firmeninsolvenz nicht mehr auf die Straße trauen, die gar den Wohnort wechseln, um bloß ihren Nachbarn nicht mehr in die Augen sehen zu müssen. Nicht so Koark.

Insolvenzen salonfähig machen

Die damals 40-Jährige gründete einen Verein, der insolvente Unternehmen beim Neustart begleiten sollte, sie schrieb Bücher über ihre Insolvenz, wickelte die eigene Firma professionell ab, hielt Vorträge übers Scheitern und wagte ein zweites Mal die Selbstständigkeit. Heute ist sie erfolgreich als Beraterin für Unternehmen. Angetrieben hat sie ein Ziel: Sie wollte Insolvenzen salonfähig machen.

„Hier in Deutschland ist der Perfektionsanspruch sehr hoch“, sagt Koark unserer Redaktion. „Das hängt mit dem Wirtschaftswunder nach dem Krieg zusammen. Deutschland ist in dieser Hinsicht verwöhnt. Nach dem Krieg war man ganz unten, danach ging es immer aufwärts. So entsteht das Gefühl, dass es nur aufwärts gibt.“

Sich selbst erlauben, unperfekt zu sein

Wer da nicht mitkommt, fühlt sich schnell stigmatisiert. Die Leistungsgesellschaft kann unerbittlich sein. Doch ein bisschen sei es auch Einstellungssache, sagt Koark: „Der schlechte Ruf des Scheiterns liegt am Maßstab der Perfektion, den man für sich selbst aufstellt.“ Befreiend sei es hingegen, sich zu erlauben, unperfekt zu sein. „Weil man dann Mensch sein darf.“

Die Stigmatisierung existiert erst einmal nur im Kopf. „Oft sind die eigenen Vorurteile schuld, wenn wir uns schämen. Die anderen haben noch gar nichts gesagt“, so Koark. Zuzugeben, mit etwas gescheitert zu sein, könne umgekehrt sogar einen positiven Effekt auf andere haben – weil jemand den ersten Schritt weg gemacht hat von der selbstauferlegten Bürde der Perfektion.

Lebenslauf der eigenen Misserfolge

Wie groß der Zuspruch von außen sein kann, hat jüngst Johannes Haushofer erlebt. Der Professor an der US-Elite-Universität Princeton veröffentlichte einen Lebenslauf seiner Misserfolge – und landete damit einen viralen Hit.

„Ich hatte damit gerechnet, dass meine Kollegen und Freunde darauf gucken und ein bisschen schmunzeln“, sagte Haushofer damals „Zeit Campus Online“. „Aber nicht damit, dass mich jetzt Medien aus Deutschland anrufen. Und auch nicht mit der Art der Reaktionen: Was ich an Mails bekommen habe, von Leuten, die schrieben, wie sehr ihnen das geholfen habe.“

Probleme nicht allzu schnell abhaken

Aber nicht nur die Erkenntnis, dass andere ebenfalls scheitern, hilft einem weiter, auch der eigene Misserfolg kann von Wert sein. „Es ist wichtig, negative Dinge zu erleben, um daran zu wachsen“, sagt Dr. Annika Gieselmann, Psychologische Psychotherapeutin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Wie Menschen mit Enttäuschungen umgehen, hänge vom Typ ab. Die Psychologie unterscheidet hier Handlungs- und Lageorientierte. Oder anders gesagt: Menschen, die die Situation aktiv anpacken oder sie passiv über sich ergehen lassen.

„Letzteres ist nicht nur schlecht“, sagt Gieselmann. Wer extrem handlungsorientiert ist und Probleme so schnell wegwischt, dass man kaum weiß, was passiert ist, könne nicht aus der Krise lernen. „Die Wegwisch-Taktik funktioniert vielleicht eine Zeit lang ganz gut, aber entweder stößt man immer wieder auf das gleiche Problem oder die Probleme werden so groß, dass man ganz umkippt.“

Sich nicht nur über Leistung definieren

Sich völlig vom schlechten Gefühl dominieren zu lassen, ist natürlich genauso verkehrt. Aber wie entkommt man dem Negativstrudel? „Man muss versuchen, zu relativieren. Man darf sich nicht auf Einzelheiten fokussieren“, sagt Gieselmann. Das gelinge am besten, wenn man in seinem Bild von sich selbst auch negative Erfahrungen einschließe. Wenn man sich also zugesteht, dass auch Fehler zur eigenen Persönlichkeit gehören. „So ist man insgesamt stabiler.“

Wer sich ausschließlich über Leistung definiere, sei gefährdeter, in depressives Denken zu verfallen. „Es spricht ja nichts dagegen, dass einem der Job oder akademische Leistungen wichtig sind“, sagt Gieselmann, aber einen Menschen mache viel mehr aus: „Hinzu kommt zum Beispiel noch, dass man eine gute Freundin ist, gut kochen oder zuhören kann.“

Schauen, was einem geblieben ist

Anne Koark hat genau danach geforscht, nach diesen anderen Aspekten, die ihr nach dem Scheitern im Job wieder auf die Beine helfen konnten. „Ich habe mir gesagt, du kannst noch lachen, arbeiten, hast viele Ideen, Freunde, Ehre, Innovationsdrang, Fleiß. Das ist eine Riesenmenge, die man mir nicht wegnehmen kann – es sei denn, ich gebe sie freiwillig ab.“

Nach dem Scheitern müsse man sich neu erfinden. Das gelte im Job genauso wie im Privaten. „Ich bin nicht weniger wert, nur weil mein Partner weg ist“, sagt Koark. Wer dann jedoch nicht wisse, was einen selbst noch ausmacht, der hatte bereits eine kaputte Beziehung vor der Trennung – zu sich selbst.

Von den Seglern lernen

„Bei uns in England gilt nicht der als Versager, der scheitert, sondern der, der nichts daraus macht“, sagt Koark. „Wir dürfen nie vergessen, dass unser Wert nicht von Perfektion abhängt, sondern von unserer Innovationsfähigkeit.“ Wie ein Segler, der bei Gegenwind aufkreuzt und Zick-Zack fährt, müsse man manchmal akzeptieren, dass der Weg, den man eigentlich gehen wollte, nicht befahrbar ist. „Man gibt vorübergehend auf, um doch noch ans Ziel zu kommen“, so Koark.

Erfolg hat sie für sich heute neu definiert. „Es ist das, was aus der Erfahrung folgt, wenn man sich überwinden kann. Ich habe gelernt, dass die Angst zu Scheitern ein Teil von mir ist, den ich nicht wegdrücken kann. Es ist schwer, diesen Teil von sich zu akzeptieren, aber es ist auch belastend für andere, wenn man immer nur vorgibt, perfekt zu sein. Und es kostet auch selber Kraft, diesen Teil zu verstecken.“